Netflix-Miniserie: „Billion Dollar Code“ Wie Google deutsche Hacker beklaut hat

Terra Vision gab es lange vor  Google Earth – beide funktionieren sehr ähnlich. Foto: Netflix
Terra Vision gab es lange vor Google Earth – beide funktionieren sehr ähnlich. Foto: Netflix

Die deutsche Netflix-Miniserie „The Billion Dollar Code“ zeigt zwei naive wie geniale Jungs im Nachwende-Berlin, die sich abzocken lassen.

Kultur: Bernd Haasis (ha)
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Stuttgart - Solange es Menschen gibt, lockt die Versuchung, Ideen anderer als die eigenen auszugeben. 2014 verklagte die Berliner Firma Art+Com Google, weil sie glaubte, der Konzern habe ihren Algorithmus gestohlen und Google Earth eingepflanzt.

Der Produzent und Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg („25 km/h“) und der Regisseur Robert Thalheim („Am Ende kommen Touristen“) haben daraus die vierteilige Netflix-Miniserie „The Billion Dollar Code“ gemacht. In Rückblenden erzählen Carsten Schlüter und Juri Müller ihren Anwälten, wie sie sich als Kunststudent und Hacker im Nachwende-Berlin kennenlernen, der Telekom Forschungsgelder entlocken und Terra Vision realisieren: Menschen sollen am Computer an beliebige Orte der Erde reisen können. Im Jahr 1993 scheint das technisch unmöglich, doch es gelingt. In Kalifornien treffen sie eines ihrer Idole, den coolen Computerentwickler Brian – und vertrauen ihm zu viel an.

Etwas mehr Drama hätte es sein dürfen

Die Serie zeigt den Aufbruchsgeist im Berlin nach der Wende, Terra Vision ist hübsch gestaltet. Wissenswerte Hintergründe werden im Dialog erklärt, die Handlung bleibt schmal: Naive Jungs lassen sich abzocken – etwas mehr Drama hätte es schon sein dürfen. Mark Waschke (Schlüter) und Misel Maticevic (Müller) als gereifte Akteure reden zunächst nur mit dem Team um ihre Anwältin (Lavinia Wilson). Leonard Scheicher (Schlüter jung) und Marius Ahrendt (Müller jung) sind nette Jungs, aber keine Charismatiker – Justin Timberlake in David Finchers Thriller „The Social Network“ (2010) oder Rami Malek in der Hacker-Serie „Mr. Robot“ (seit 2015) spielen in anderen Ligen.

Die Mitarbeiter von Art+Com erzählen im Nachhinein, wie sie Aufstieg und Fall erlebt haben – leider mit angezogener Handbremse, wo radikalerer Humor möglich gewesen wäre. Ein gelungener Running Gag: Niemand versteht Schlüter und Müller, weil sie zu früh dran sind – potenzielle Geldgeber können sich die Zukunft nicht vorstellen, die heute längst Realität ist, etwa den Nutzen von Terra Vision für Reiseanbieter. Nachher finden sie kaum einen Anwalt, der den Sachverhalt versteht.

Schlaglichter auf die Praktiken einflussreicher Konzerne

Der Prozess ist der mit Abstand originellste Teil und erklärt das absurde Theater in amerikanischen Gerichtssälen mit deutschem Blick. Die Serie wirft Schlaglichter auf die Praktiken einflussreicher Konzerne, überwiegend mit den Mitteln geschmeidiger deutscher TV-Unterhaltung. Die vier Stunden hätten auch in 120 Minuten Spielfilm gepasst. Wie das geht, hat Baran bo Odar in seinem Hacker-Thriller „Who am I?“ (2014) gezeigt und Hans-Christian Schmid in seinem Berlin-Thriller „23“ (1998).

The Billion Dollar Code. Ab sofort auf Netflix.




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