Neue Geschäftsmodelle in Stuttgart-Ost Der Großhandel öffnet sich für Privatkunden

Von Thomas Graf-Miedaner 

Die Großhandel- und Feinkostbetriebe im Stuttgarter Osten durchleben gerade ein Wechselbad der Gefühle. Und sie blicken dabei bange in Richtung Zukunft. Immerhin: der Nachschub funktioniert in den meisten Fällen.

oll: In Zeiten der Krise setzen die Großhändler auf neue Geschäftsmodelle und lassen auch Endverbraucher herein. Foto: Thomas Graf-Miedaner
oll: In Zeiten der Krise setzen die Großhändler auf neue Geschäftsmodelle und lassen auch Endverbraucher herein. Foto: Thomas Graf-Miedaner

S-Ost -

Das Positive vorneweg: Guter Wein wird noch getrunken. „Die Onlinehändler, die wir beliefern, haben Zuwächse von bis zu 30 Prozent“, sagt Stefan Fischer von „Fischer und Trezza Import“ an der Ulmer Straße. Der Gaisburger Spezialist für italienische Weine und Feinkost kann sich auf sein Getränkegeschäft verlassen. „Auch die Lebensmittel-Einzelhändler würden uns am liebsten leerkaufen“, sagt Fischer. Für das Importunternehmen sind diese Einnahmen jetzt enorm wichtig: „Denn die Gastro-Kunden sind uns natürlich fast komplett weggebrochen“, sagt Fischer.

Ähnlich sieht es auch bei der „Di Gennaro Feinkost- und Weinhandelsgesellschaft“ aus. „Durch unsere starke Position in bundesweiten Flaggschiff-Märkten wie beispielsweise Edeka und Rewe können wir den Rückgang in der Gastronomie zumindest kompensieren“, sagt eine Sprecherin von „Di Gennaro“. Leicht falle die Arbeit trotzdem in vielen Fällen nicht, heißt es weiter: „Die Bilder und Nachrichten, die uns aus Italien erreichen, sind für die Menschen, die bei Di Gennaro zum Teil fern der Heimat und von ihrer Familie arbeiten, oft besorgniserregend bis erschütternd.“

Beliebter Mittagstisch ist zu

Dass man neben der Gastronomie auch auf Privatkunden setzt, davon profitiert auch die Gaisburger Filiale des bundesweit agierenden Großhändlers „Frischeparadies“. „Wir merken, dass viele Leute den Restaurantbesuch ersetzen, indem Sie zuhause hochwertiger kochen“; sagt Christian Horaczek, Mitglied der Geschäftsleitung beim „Frischeparadies“. Der Privatkundenstrom sei gewachsen und die dazugehörigen Einkaufsgrößen auch. Beim „Frischeparadies“ hat man zudem den Wegfall des Bistros zu verkraften, ein beliebter Mittagstisch im Gaisburger Industriegebiet.

Was bei allen sehr gut funktioniert, ist der Nachschub. Und das, obwohl viele Waren aus dem noch viel stärker von Corona gebeutelten Italien kommen. „Die Transit-Strecken sind frei, die Lieferkette funktioniert“, sagt Stefan Fischer. Nur ganz punktuell gibt es einzelne Lieferanten die ausfallen, wenn sie zum Beispiel Corona-Fälle in ihren Produktionsstätten haben.

Auch das „Frischeparadies“ sieht sich gut aufgestellt: „Wir haben viele verschiedene Bezugsquellen und Verteilzentren“, sagt Horaczek. Ausfälle kommen nur bei ganz speziellen Wünschen vor: Die baumgereifte Ananas aus Panama oder spezielle Früchte aus Thailand. Hier gibt es wegen der vielen ausfallenden Flüge Probleme. Von ganz so weit her kommen die Waren im Fachzentrum für Metzgerei und Gastronomie „Mega“ nicht, einem Stuttgarter Traditionsunternehmen in Sachen Fleisch. Trotzdem ist man neben dem Gaskessel in Sorge: „Wir sind ein Genossenschaftsbetrieb und sehen, dass viele unserer Kunden und Genossen schwer zu kämpfen haben“; sagt der Sprecher der „Mega“, Marc Klaiber.

Catering-Aufträge brechen weg

Einerseits würden viele Metzgereien aktuell eine Renaissance erleben und ihre Stellung als Nahversorger stärken, anderseits haben sie trotz vieler Kunden Umsatzeinbußen, weil ihnen zum Beispiel der Mittagstisch oder Catering-Aufträge wegbrechen – von den Gastronomiekunden ganz zu schweigen. „Hier versuchen wir, soweit es geht, unter die Arme zu greifen“, sagt Klaiber.

Das bedeutet in der Praxis vor allem die Unterstützung für den To-go- und Lieferservice. Die „Mega“ liefert zum Beispiel Waren in To-Go-Verpackung oder unterstützt beim Umgang mit Bestellplattformen oder Lieferservice-Apps: „Die Betriebe müssen sich für die Übergangszeit möglichst schnell ein digitales Standbein aufbauen“, sagt Klaiber.

Flexibel reagieren muss die „Mega“ selbst auch: Denn der Großhändler- und Erzeuger sorgt sich nicht nur um die aktuell geschlossenen Restaurants, sondern blickt auch schon in die Zukunft: „Die Festsaison würde jetzt eigentlich anfangen“, sagt Klaiber. Das Frühlingsfest ist abgesagt worden, was mit den weiteren großen Festen in diesem Jahr passiert, steht noch in den Sternen. Alles Gelegenheiten, bei denen jede Menge Essen verkauft wird. Das schmerzt natürlich zuallererst den zuständigen Caterer, aber an zweiter Stelle auch den Absatz von Großhändlern und Erzeugern wie der „Mega“.

Klein beigeben will man trotzdem nicht: Um aktuell den Umsatz auszugleichen, der durch die Gastronomie eingebrochen ist, hat man seine Ladentüren jetzt nicht nur für Metzgereien und Gastronomen geöffnet, sondern auch für Privatpersonen. „Es wäre ja Schwachsinn, wenn in manchen Supermärkten die Regale leer sind und bei uns die Regale überquellen“, sagt Klaiber. Zudem arbeitet man mit ehrenamtlichen Gruppen zusammen, um beispielsweise Nachbarschaftshilfen und Tafeln zu unterstützen.

Auch im „Frischeparadies“ nutzt man die freigewordenen Kapazitäten des Gastronomie-Lieferdienstes, um Privatpersonen zu beliefern, die beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen das Haus nicht verlassen sollen. Irgendwie muss der gute Wein ja ins Haus kommen.

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