Der Popklassiker Elvis Costello entdeckt auf seinem neuen Album „The Boy named If“ den Sturm und Drang seiner frühen Jahre wieder.

Kultur: Gunther Reinhardt (gun)

Stuttgart - Der Mann mit dem schönen Namen sagt Adieu zu roten Lippenstift-Küssen, zu tränenverschmierten Mascara-Augen, und bevor Elvis fort ins samtene Jenseits reist, nutzt er die Chance zu einem letzten Tanz. Er trudelt allerdings nicht mit einem Walzer langsam aus, sondern fegt zu einem überdrehten Twist mit quirliger Orgel, Rabatz-Gitarre und Sixties-Vibe durch den Saal. „Farewell, OK“ – das Lied dazu – schert sich nicht darum, wie Abschiedslieder üblicherweise klingen, und gibt als aufbrausende Eröffnungsnummer dem Album „The Boy named If“ den Ton vor.

Aufregender Mix aus New Wave, Reggae und Pubrock

Der Brite Declan McManus, der sich Elvis Costello nennt, ist zwar 67 Jahre alt, macht seit den frühen 1970er Jahren Musik, hat unzählige Stile ausprobiert, mit Burt Bacharach, T Bone Burnett, Roy Orbison, seiner Ehefrau Diana Krall und immer wieder Paul McCartney zusammengearbeitet. Seine neue Platte ist trotzdem kein altersweises, altersmildes Spätwerk, hat wenig übrig für Sentimentalität und Nostalgie. Die Songs auf „The Boy named If“ sind stets nur einen Gitarrenakkord und ein Schulterzucken von dem aufregenden Mix aus New Wave, Reggae und Pubrock entfernt, mit dem Costello Pop-Klassiker wie „My Aim is true“ (1977) oder „This Year’s Model“ (1978) füllte.

Erinnerungen an Hits wie „Accidents will happen“ oder „Alison“

„Penelope Halfpenny“ oder „Magnificent Hurt“ zum Beispiel könnten tatsächlich aus jener Zeit stammen, in der Costello am Fließband Hits wie „Watching the Detectives“, „Pump it up“ oder „Alison“ schrieb. Der Titelsong „The Boy named If“ kreist um einen verschrobenen Beat, „What if I can’t give you anything but Love“ um einen rabiaten E-Piano-Riff. Im ­melodieseligen „The Difference“ stecken so viele großartige Details, dass man sie beim ersten Hören gar nicht alle erfassen kann. Und nur ausnahmsweise erlaubt sich Elvis Costello mal eine Auszeit vom juvenilen Sturm und Drang. Wenn er es aber tut, kommt dabei so eine grandiose Ballade wie „Paint the red ­Rose blue“ heraus, bei der er mit betörendem Tremolo zum Crooner – und doch ein bisschen wehmütig wird.

Elvis Costello & The Imposters: The Boy named If. Emi/Universal

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