Neues Buch von Autor Richard Ford: Irische Passagiere Ein ganzes Leben in kleinen Szenen

Von Rainer Moritz 

Der amerikanische Erzähler Richard Ford legt in „Irische Passagiere“ unscheinbare Kurzgeschichten meist angeschlagener Helden vor, die am Ende auf ihr mehr oder weniger gewöhnliches Leben zurückblicken.

Der mehrfach ausgezeichnete Autor Richard Ford Foto: dpa/Andreu Dalmau
Der mehrfach ausgezeichnete Autor Richard Ford Foto: dpa/Andreu Dalmau

Stuttgart - Schon ihre Titel deuten an, worum es in diesen Erzählungen geht: „Nichts zu verzollen“, „Am falschen Ort“ oder „Der Lauf deines Lebens“ heißen sie und lassen anklingen, dass ihre Protagonisten nicht mehr am Anfang stehen, dass sie innehalten und auf Jahrzehnte zurückblicken, die ihnen nicht nur Glück bescherten.

Richard Ford gilt seit Langem als einer der versiertesten amerikanischen Erzähler, als ein subtiler Menschenschilderer, der ein Gespür für biografische Brüche hat. Neun Erzählungen sind in der Sammlung „Irische Passagiere“ vereint. Mit dem Originaltitel – „Sorry for your Trouble“ – hat das zwar wenig zu tun, und doch bildet auch das „Irische“ einen roten Faden des Bandes. Etliche der Ford’schen Figuren haben irische Wurzeln, der sie sich vor allem in Konfliktsituationen bewusst werden, und manchmal – wie in „Der freie Tag“ – ist Irland, ist Dublin der Schauplatz. Genau genommen der Dubliner Flughafen, wo sich die Lehrerin Eileen im Hotel heimlich mit dem verheirateten Tom trifft. Eine Affäre, nicht mehr als ein gewöhnlicher Seitensprung, der, als Eileens Zimmerkarte nicht mehr funktioniert, aufzufliegen droht – und doch eine typische Richard-Ford-Geschichte, die leise Verzweiflung auf wenigen Seiten resümiert, unspektakulär und dicht zugleich.

Die Hoffnung, dass doch noch alles anders wird, erlischt nie

Oft trifft man in diesen Erzählungen auf Figuren, die den Zenit ihres Lebens überschritten haben und versuchen, mit Verlusten, kleinen wie großen, zurechtzukommen. Wie Peter Boyce in der längsten Erzählung des Bandes, „Der Lauf deines Lebens“, dessen krebskranke Frau Mae Selbstmord begangen hat.

Der psychische Schock lähmt ihn, lässt ihn wie in Zeitlupe agieren, und dennoch ist Peter nicht bereit, die Segel endgültig zu streichen. Zum Unwillen seiner Tochter reist er im Sommer nach Maine, so wie er es Jahr für Jahr mit Mae tat. Er bezieht ein Steinhaus, liest Virginia Woolf und sieht sich, ob er will oder nicht, mit dem konfrontiert, was sein früheres Leben ausmachte.

Richard Fords lapidare Kunst besteht darin, unscheinbare Handlungselemente aneinanderzureihen und seine meist angeschlagenen Helden ein Fazit ziehen zu lassen, das keinen finalen Charakter hat. Peter, der „geborene Zuhörer“, gewinnt Erkenntnisse, die banal klingen und doch bedeutsam werden, wenn er an seinem Leben festhalten will: „Durch Annehmen blieb man im Lauf seines Lebens. Durch das Annehmen der fälligen kleinen Anpassungen.“

Sich anpassen, die übrig gebliebenen Fragmente der einstmals großen Erwartungen nicht gering schätzen – darum geht es, wie dürftig das auf den ersten Blick als Lebensbilanz auch aussehen mag. Die Hoffnung, dass alles noch einmal anders werden könnte, ist freilich nicht gänzlich erloschen. Als Peter am Strand einer jungen Frau zu Hilfe eilt, begreift er sofort, warum er dies tut. „Statt reserviert und abgeschottet zu sein“, unternimmt er den Versuch, „sich anders zu fühlen, etwas anderes zu fühlen“.

Ford zeigt, wie harmlos politische Auseinandersetzungen 1992 im Vergleich zu heute waren

Fords Erzählungen tragen Zeitloses in sich und sind mitunter doch von dem getragen, was die gesellschaftlichen und politischen Umstände an Herausforderungen mit sich bringen. In „Jimmy Green, 1992“ begleiten wir die fünfzigjährige Hauptfigur durch Paris, einen Mann aus Louisiana, der seine besten Tage hinter sich zu haben scheint. Es ist der Abend, an dem Bill Clinton die Präsidentschaftswahlen gegen Amtsinhaber George W. Bush sr. gewinnt. Mit einer Zufallsbekanntschaft besucht Green eine amerikanische Bar, die fest in der Hand enttäuschter Republikaner ist. Als er sich als Clinton-Anhänger zu erkennen gibt, wird er auf der Straße mit einem Boxhieb zu Boden gestreckt. Mehr geschieht nicht, und doch zeigt diese symbolische Szene ganz beiläufig, wie harmlos die politischen Auseinandersetzungen 1992 im Vergleich zu heute waren.

Nicht alle der neun Erzählungen besitzen eine so unaufdringliche Intensität, doch selbst die kleineren, eher hingetupften Texte wie „Überfahrt“ (der auf einer Fähre zwischen Wales und Irland spielt) verfügen über einen melancholischen Reiz, der Richard Fords Geschick zeigt, ein ganzes Leben in kleinen Szenen widerzuspiegeln.

Richard Ford: Irische Passagiere. Erzählungen. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Hanser Berlin, München 2020. 288 Seiten, 22 Euro.




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