Nürtingen Solidarität zwischen Landwirt und Verbraucher

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Auf dem Hopfenhof wird nicht nur die Ernte geteilt, sondern auch das betriebswirtschaftliche Risiko.

Damaris und David Traub bewirtschaften den Hopfenhof. Im Frühbeet wächst derzeit unter anderem Endivien-Salat. Foto: Horst Rudel
Damaris und David Traub bewirtschaften den Hopfenhof. Im Frühbeet wächst derzeit unter anderem Endivien-Salat. Foto: Horst Rudel

Nürtingen - Als Eugen Traub 1983 auf biologische Produktion umstellte, zählte er in der Region zu den Vorreitern. Auch sein Sohn David, der den Hopfenhof auf der Oberensinger Höhe (Kreis Esslingen) von ihm übernommen hat, ist ein Pionier. Seit zwei Jahren baut der Nürtinger Landwirt Gemüse nach den Prinzipien der „Solidarischen Landwirtschaft“ (Solawi) an – ein Modell, das boomt und Erzeugern wie Verbrauchern etliche Vorteile bietet.

Landwirte bekommen faire Bezahlung

Für David Traub wird das betriebswirtschaftliche Risiko bei der Lebensmittelproduktion überschaubarer. Denn bei der Solawi wird der Gemüseanbau von der Gemeinschaft getragen. Wie bei einer Genossenschaft gibt es Anteilseigner. Derzeit machen rund 60 von ihnen bei dem Modell mit, Tendenz steigend. Im jetzt beginnenden Anbaujahr 2017/2018 rechnet David Traub mit 20 Neuzugängen. Bei der alljährlichen Bieterrunde im März verpflichten sich alle Anteilszeichner für ein Jahr, die landwirtschaftliche Erzeugung über monatliche Beiträge vorzufinanzieren.

David Traub, der sein Gemüse ausschließlich für die Solawi anpflanzt, setzt vor Beginn eines Wirtschaftsjahrs seine Kalkulation an. Neben Kosten für Pflanzgut und Bewässerung rechnet er auch faire Löhne für die Erzeuger und Rücklagen ein. „Dass ich nicht für 35 Euro die Stunde auf dem Acker stehen kann, ist mir schon klar“, sagt David Traub. So viel gibt der Markt nicht her. Aber zumindest 18 Euro brutto und damit deutlich mehr als den gesetzlichen Mindestlohn hält der Landwirt für seinen Berufsstand für angemessen.

Verbraucher schätzen Bio-Gemüse aus lokalem Anbau

Traub, der nach seiner Ausbildung noch ein betriebswirtschaftliches Studium absolviert hat, teilt anschließend die kalkulierten Kosten durch die Anzahl der Anteilseigner. Das Ergebnis ist ein Richtwert, an dem sich der monatliche Beitrag der Teilnehmer orientiert. Derzeit liegt der Richtwert bei 75 Euro. David Traub und seine Frau Damaris schätzen an diesem Vermarktungsmodell, dass sie unabhängiger von Preisschwankungen sind und die Abnahme ihrer Erzeugnisse gesichert ist. „Durch die Solawi erhalten wir eine faire Bezahlung und nebenbei auch viel Wertschätzung für unsere Arbeit“, sagen sie. Die Ernte teilen die Anteilseigner untereinander auf. Jeden Freitag können sie ihren Ernteanteil auf dem Hopfenhof und in einem eigens in Nürtingen eingerichteten Depot abholen. In dem Verteilraum auf dem Hof schaut Steffi Hirsch, was es gerade gibt. Sie ist von Anfang an dabei. Pastinaken, Zwiebeln, Sellerie oder Kartoffeln sind an diesem Tag in der Auslage.

„Ich finde es gut, dass man verschiedene Sorten Gemüse kennenlernt. Man ernährt sich vielfältig, und ich finde es auch wichtig, dass meine Kinder wissen, wo das Gemüse herkommt“, sagt Steffi Hirsch mit Blick auf ihre beiden sechs und vier Jahre alten Töchter. Insgesamt 57 Gemüsearten in Bioland-Qualität hat der Nürtinger Hopfenhof im Wechsel der Jahreszeiten im Sortiment. Darunter finden sich auch weniger bekannte Sorten wie Pak Choi – ein chinesischer Kohl – oder Navetten (Mairübchen).

Direkte Beziehung zwischen Erzeuger und Konsumenten

Nicht zuletzt wird in der Solawi Hopfenhof eine direkte Beziehung zwischen Konsumenten und Erzeugern aufgebaut. Gegenseitiges Vertrauen spielt eine wichtige Rolle. Wer will, kann sich als Anteilseigner freiwillig einbringen, etwa beim monatlichen Solawikreis-Treffen, in dem das Konzept gemeinsam weiterentwickelt wird – oder auf dem Feld beim Pflanzen, Jäten, Gießen und Ernten.

Treffen:

Am Samstag, 4. März, können sich Interessierte im Bürgertreff Nürtingen von 11 bis 12.30 Uhr über die Solawi Hopfenhof informieren. Von 13 Uhr an können dann bei der „Bieterrunde“ Gemüse-Anteile für das Wirtschaftsjahr 2017/2018 erworben werden.

Mehr als 120 Höfe setzen auf das alternative Konzept

Ursprung
Solidarische Landwirtschaft ist eine Form der Vertragslandwirtschaft, bei der eine Gruppe von Verbrauchern auf lokaler Ebene mit einem Partner-Landwirt kooperiert. Das Konzept entstand in den 1960er Jahren in Japan. In den USA sind seit 1985 rund 1500 Gruppen von Community-supported agriculture (CSA) entstanden.

Deutschland
Hierzulande verbreitet sich die Idee seit rund zehn Jahren. Im Internet gibt es ein Netzwerk, das die Zahl der bestehenden Solawi-Betriebe in Deutschland mit aktuell mindestens 126 angibt. Das Netzwerk will die Solidarische Landwirtschaft fördern und einen entsprechenden Paradigmenwechsel voranbringen. Ein weiteres Ziel ist es, die Gründung neuer Solidarhöfe anzuregen und zu fördern sowie Beratung und Hilfestellung für existierende Betriebe bereitzustellen und diese zu begleiten. Viele Höfe setzen auf biologisch produzierte Lebensmittel.

Region
In der Region Stuttgart gibt es mehrere Betriebe, die das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft für sich entdeckt haben. Für den zwischen Heiningen und Göppingen gelegenen Kreuthof ist es in diesem Jahr eine Premiere. Die ersten Gemüse wird es dort im Mai geben. „Es hätte kaum besser starten können“, so die Betreiber. Schon mehr Erfahrung hat der Reyerhof in Stuttgart-Möhringen, der seit 2013 das Solawi-Konzept verfolgt. Schließlich gibt es den Demeter-Betrieb Großhöchberg in Spiegelberg (Rems-Murr-Kreis) mit Ablegern in Fellbach und Oppenweiler. Gelistet ist zudem ein Solawi-Depot in Besigheim.




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