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Österreich Die Winter-Montgolfiade in Zell am See

Von Gabriela Beck aus Zell am See 

Alljährlich nach Weihnachten heben in vielen Alpentälern Heißluftballone ab. Wenn es die Wetterlage erlaubt, gelingt sogar eine Alpenüberquerung.

Der Großglockner erhebt sich aus den Hohen Tauern. Foto: Stefan Rambow
Der Großglockner erhebt sich aus den Hohen Tauern. Foto: Stefan Rambow

Heiße Luft zischt unter die bunte Nylonhülle. Dann geht alles ganz schnell: Eben noch am Boden, schwebt der Ballon schon in Kopfhöhe der Zuschauer und steigt weiter senkrecht nach oben. Rasant schrumpfen die Menschen auf dem schneebedeckten Flugplatzgelände am Ortsrand von Zell am See zu kleinen Punkten. Ehe man sichs versieht, präsentiert sich die Welt aus der Vogelperspektive. Straßen werden zu Linien, Häuser zu Quadraten, Wälder und Felder vermischen sich zu einer Collage heller und dunkler Flecken. Zögernd lösen sich die Finger von der Reling des Weidenkorbes, zaghaft weitet sich der Blick. Die Belohnung: ein traumhaftes Panorama der verschneiten Alpenkette. Die Fernsicht in der kalten, klaren Winterluft ist grandios. Das sanfte, lautlose Dahingleiten in 4000 bis 6000 Meter Höhe hat seinen ganz besonderen Reiz: Geschwindigkeit, Fahrtrichtung und Landeplatz bestimmt allein der Wind.

Der Pilot steuert den Ballon

Allerdings kann der Pilot sein Luftgefährt passiv steuern, indem er verschiedene Windströmungen in unterschiedlichen Höhen ausnutzt. Wird die Luft im Ballon erwärmt, steigt dieser, kühlt sie sich wieder ab, sinkt er. Ballonfahrer Peter Flaggl zieht kräftig an dem roten Hebel über seinem Kopf. Mit einem lauten Röhren schießt Propangas als Flamme aus dem Brenner in die gut 4000 Kubikmeter heiße Luft fassende Hülle 20 Meter über dem Ballonkorb. Es passiert wenig. Dabei scheinen die Tannenwipfel schon gefährlich nah. „Keine Panik“, beruhigt der Pilot. Nach ein paar Augenblicken klettern die Ziffern auf dem Höhenmesser stetig und zeigen schnell 150 Meter an. Doch heute soll es noch um ein Vielfaches höher hinausgehen - über die Alpen! Bei den sogenannten Montgolfiaden wie in Zell am See werden an mehreren Tagen Wettbewerbe zwischen Ballonteams ausgetragen - etwa Zeitfahrten oder Zielanflüge. Als Passagier kann man dabei sein. Wer lieber am Boden bleibt, bestaunt aus nächster Nähe, wie 20 oder mehr bunte Heißluftballone aufsteigen. Neben dem Schauspiel am Himmel locken Rahmenprogramme mit Märkten, Feuerwerk oder dem abendlichen „Ballonglühen“, bei dem die Ballone aufgerichtet und vor schwarzem Nachthimmel dramatisch beleuchtet werden, aber am Boden bleiben.

Der Name dieser Treffen leitet sich von den Brüdern Montgolfier ab, die als Erste einen Heißluftballon konstruierten. Auf die Idee brachte Michel Joseph Montgolfier ein Seidenunterrock seiner Gemahlin. Er beobachtete, wie sich besagtes Kleidungsstück über einem heißen Ofen blähte und Richtung Zimmerdecke schwebte. Mit seinem Bruder Étienne Jacques konstruierte er 1783 einen ersten Ballon aus leinenverstärktem Papier und füllte ihn mit Rauch. Die Test-Besatzung des neuartigen Gefährts bestand aus einem Hammel, einer Ente und einem Hahn. Als die Tiere den Erdboden wohlbehalten wieder erreichten, wurde man mutiger. Im selben Jahr noch absolvierte ein Aeronautenteam die erste erfolgreiche Fahrt im Heißluftballon. Daraufhin erließ König Ludwig XVI. ein Gesetz, welches das Ballonfahren fortan nur noch dem Adel gestattete. Daher rührt die bis heute fortgeführte Tradition, dass Ballon-Novizen mit einer symbolischen Taufe in den „Adelsstand“ erhoben werden. Den Luftraum stellte man sich damals wie ein Meer vor, das es zu durchfahren gelte. Deshalb wurden aus der Seefahrt gebräuchliche Begriffe übernommen: Die Windgeschwindigkeit wird in Knoten gemessen und man redet vom Ballonfahren, nicht -fliegen.

Die Ballonfahrt über die Alpen

Bei der Routen-Besprechung vor dem Start der Winter-Montgolfiade in Zell am See haben die Ballonpiloten anhand der günstigen Wetterdaten entschieden, die Überfahrt über die Alpen zu wagen. Die stabile Wetterlage und eine Fernsicht bis über 100 Kilometer sind Vorzüge der kalten Jahreszeit. Diese nur an wenigen Tagen mögliche Reise wird zum mehrstündigen Erlebnis. Der Ballon gleitet über die majestätischen Gipfel des Alpenhauptkamms hinweg. Trotz einer Fahrgeschwindigkeit von 140 Kilometern pro Stunde ist es windstill, da sich der Ballon mit dem Wind bewegt. Nur das Zischen der Propangasflamme unterbricht von Zeit zu Zeit die Ruhe. Per Funk bleibt Peter Flaggl mit der Bodencrew in Kontakt. Er gibt immer wieder seine Position durch, dirigiert das Verfolger-Fahrzeug, das Ballon und Passagiere am Ende einsammeln und zurück nach Österreich bringen wird, in Richtung Venedig. Den genauen Landeplatz kann er nicht voraussagen, der ist allein von Wind und Wetter abhängig. Da kann es schon mal passieren, dass das Bodenteam einige Stunden später als der Ballon am Landeplatz eintrifft - das Auto braucht einfach länger für die Fahrt durch die Berge.

Unter dem Korb zieht die Spitze des Großglockners vorbei. Der mit 3798 Metern höchste Berg Österreichs wirkt aus der Vogelperspektive ganz anders als auf Postkarten. In der Mitte des Ballons sind Sauerstoffflaschen festgezurrt, für alle Fälle. „Wir befinden uns auf fast 5000 Meter Höhe. Wenn sich jemand schwummrig fühlt, bitte Bescheid geben“, brummt der Ballonpilot. Allmählich werden die Gipfel flacher und schließlich taucht das Mittelmeer am Horizont auf. Auch dank Funkverbindung zum Bodenteam hat Peter Flaggl allen Thermikwellen über den Bergen ausweichen können und Turbulenzen vermieden - bis jetzt. „Das Anspruchsvollste am Ballonfahren ist die Landung“, sagt Peter Flaggl und peilt ein Feld in der Provinz Treviso nahe Venedig an. Der Ballon passiert den Kirchturm eines Dorfes und sinkt über Weinstöcke hinweg den anvisierten Ackerfurchen entgegen. „Das kommt locker hin“, befindet der Pilot - nur ein paar Meter noch. „Achtung, alle gut festhalten!“ Flaggl reißt an einer Leine und öffnet den obersten Teil der Hülle. Die heiße Luft entweicht schnell, sanft setzt der Korb auf, hebt sich nochmals und kommt zum Stehen. „Manchmal kippt die Kabine auch, wenn die Luft zu schnell rausgeht“, verrät der Ballonführer später beim obligatorischen Glas Sekt. „Ein bissl Nervenkitzel gehört halt auch dazu.“

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