Die Infektionszahlen in Deutschland sind zu hoch, um noch sinnvoll gemessen werden zu können. Das sei gar nicht so schlimm, sagt das Robert-Koch-Institut – und vollzieht eine bedeutsame Wende bei der Messung des Pandemiegeschehens.

Digital Unit: Jan Georg Plavec (jgp)

Berlin - Das Robert-Koch-Institut (RKI) kehrt in der Beobachtung der Coronapandemie von den reinen Infektionszahlen ab. Künftig werde die Zahl der symptomatisch Infizierten umfassend berichtet, hieß es in einem Pressegespräch für Datenjournalisten am Mittwoch. Im Corona-Wochenbericht vom Donnerstag (20. Januar) sind erstmals entsprechende Daten enthalten.

Bislang wird die Entwicklung der Coronapandemie anhand der 7-Tage-Inzidenz gemessen, also den per Labortest bestätigten Neuinfektionen. Seit dem Sommer sind auch Daten aus den Krankenhäusern relevant, insbesondere die Auslastung der Intensivstationen. Beide Kennzahlen haben aber Schwächen.

Bisherige Kennziffern haben Schwächen

Die Zahl der mit Covid-19 belegten Intensivbetten reagiert nur stark zeitversetzt auf einen Anstieg der Infektionszahlen. Das System zur Erfassung der Inzidenz gerät derweil an seine Grenzen: Labore können ab einer Inzidenz von etwa 800 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner nicht mehr jeden Verdacht auf eine Infektion mittels PCR-Test überprüfen. Es sind einfach zu viele Menschen gleichzeitig infiziert, heißt es vom Laborverband ALM. Am Donnerstag berichtete das RKI knapp 134 000 neu gemeldete Infektionsfälle (7-Tage-Inzidenz: 639). Ein weiterer Anstieg wird allgemein erwartet.

Man wolle daher künftig vermehrt auf Daten aus weiteren, schon bestehenden Surveillancesystemen setzen, heißt es im Corona-Wochenbericht vom Donnerstag. Damit beobachtet das RKI etwa Grippewellen. Auch für Covid-19 werden die Patienten gezählt, die einen Arzt aufsuchen oder ins Krankenhaus müssen. So begleite man den Übergang „in ein endemisches, saisonales Geschehen“, heißt es aus dem RKI.

Mit den Systemen könne man auch bei hohen Inzidenzen „die Krankheitslast zuverlässig erfassen“. Vor allem sei man damit „weitgehend unabhängig von Teststrategien, dem Testverhalten in der Bevölkerung und im Gesundheitswesen und der Verfügbarkeit von Tests“. Das macht die Daten auch über längere Zeiträume vergleichbar, etwa die aktuelle Lage mit den bisherigen vier Infektionswellen.

Mehr Erkrankte in der Omikron-Welle – aber ...

Laut Meldedaten von Ärzten erkrankten in der Woche vom 10. bis 16. Januar 0,5 bis 1,1 % der Bevölkerung über 15 Jahre an Covid-19 und entwickelte Symptome einer akuten Atemwegserkrankung. Das entspreche einer bundesweiten Inzidenz von 500 bis 1100 Erkrankten je 100 000 Einwohner – laut RKI „deutlich mehr“ als in der zweiten und dritten Welle. Die aktuelle Omikron-Welle führt also zu mehr Erkrankungen, wegen derer Menschen einen Arzt aufsuchten. Allerdings melden die RKI-Systeme etwas weniger Krankenhauseinweisungen von Covid-19-Patienten.

In dem Pressegespräch am Mittwoch machten RKI-Experten deutlich, dass man diese Kennzahlen nicht allein aus der Not heraus betrachte. Vielmehr sei das ein weiterer und jetzt sinnvoller Schritt beim Übergang in die endemische Phase. „Wenn so viele Menschen infiziert sind wie aktuell, dann ist es nicht mehr wichtig, ob die Inzidenz bei 1000 oder 1200 liegt. Entscheidend ist die Krankheitsschwere, und die können wir mit den anderen Instrumenten abschätzen“, so ein RKI-Experte. Man könne und müsse nicht mehr versuchen, jede einzelne Infektion zu verhindern oder alle Kontakte von Infizierten zu ermitteln. Vielmehr sollen künftig schwerpunktmäßig Covid-19-Fälle mit Symptomen erfasst werden.

Die Inzidenz bleibt vorerst

Die Inzidenz wird vermutlich trotzdem nicht so schnell aus den Nachrichten verschwinden. Die Daten zu Patienten mit Symptomen werden anders als die Inzidenz nur wöchentlich berichtet. Das Interesse der Bevölkerung ist weiterhin so groß, dass Medien täglich neue Zahlen berichten. Laut RKI verlieren die Meldedaten verlören auch bei hohen Inzidenzen nicht an Bedeutung.

Trends, also eine zu- oder abnehmende Ausbreitung des Virus, könnten weiterhin abgebildet werden. Zwar werde „Sensitivität und Detailtiefe der einzelfallbasierten Datensätze des Meldewesens vorübergehend nachlassen“. Infektionszahlen zu messen, sei aber für das „lokale und regionale Management“ wichtig, so das RKI – also beispielsweise für an das Infektionsgeschehen angepasste Coronaregeln.

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