Oskar-Beck-Kolumne Der Unsterbliche wird Siebzig

Von Oskar Beck 

Franz Beckenbauer hat Geburtstag – und zieht seine Kreise als ewiger Kaiser und König des Fußballs. Ein Rückblick auf eine steile Karriere.

Weltmeister, Lichtgestalt, Fußballzauberer: das alles ist und war Franz Beckenbauer, der an diesem Freitag seinen 70. Geburtstag feiert. Foto:   18 Bilder
Weltmeister, Lichtgestalt, Fußballzauberer: das alles ist und war Franz Beckenbauer, der an diesem Freitag seinen 70. Geburtstag feiert. Foto:  

Stuttgart - Heinrich Böll hat uns in seinem Dichterleben viele bittere Wahrheiten zugemutet, darunter vor allem die: „Wie alt man geworden ist, sieht man an den Gesichtern derer, die man jung gekannt hat.“

Franz Beckenbauer wird an diesem Freitag Siebzig.

Schreck, lass nach. War er damals nicht Zwanzig und der schwarzhaarige Franzl? Hat er nicht als bayrischer Beckham der späten 60er mit „Du allein“ die Hitparade gestürmt und im Werbefernsehen als strahlender Suppenkasper („Knorr in den Teller, Kraft auf den Tisch“) die Herzen der Hausfrauen geknackt – hätte er nicht spätestens mit seinem feschen Schnurrbart sogar den Stenz in der TV-Serie „Monaco Franze“ spielen können? Und nun das: Er ist der alte Franz und ein grauer Star.

Jedes Kind weiß, wer Beckenbauer ist

Siebzig. Alte Kanonen werden da oft von der Angst übermannt, in Vergessenheit zu geraten. Die Leinwandgöttin Lilli Palmer soll nie ganz verkraftet haben, dass eine Verehrerin sie auf der Straße fragte: „Waren Sie nicht einmal Lilli Palmer?“ Aber das droht dem Kaiser nicht, jedes Kind weiß, wer Beckenbauer ist – der Wiener Aktionskünstler André Heller hat in einer Talkshow erzählt, wie ihn ein Bub einmal um 32 Autogramme bat.

„Wieso 32?“, stutzte Heller.

„Ich brauche sie zum Tauschen“, sagte der Bub, „für 32 von Ihnen gibt’s eines vom Beckenbauer.“

Haben Sie 58 Sekunden Zeit? So schnell ist Beckenbauers Unsterblichkeit erklärt, ein Klick genügt: https://www.youtube.com/watch?v=tX0YNsL0Ef4. Das Video zeigt die feuchtfröhlichen Bayern im ZDF-„Sportstudio“, sie sind ein paar Stunden zuvor Meister geworden, und vor der Torwand setzt Franz Beckenbauer den Ball auf ein Bierglas, läuft mit rund drei Promille im Blut an, und der Ball hoppelt und hoppelt – ins Loch.

Und der Franz trinkt das Bier aus und lacht.

Manege frei – der Kaiser. 58 Sekunden. Danach weiß jeder, was Beckenbauer alles ist: Kunstschütze, Ballzauberer, Genie und Hexer, vom Herrgott mit allen Gaben gesegnet und ein Franz im Glück – muss man da als normalgeborener Flachlandtiroler nicht eigentlich vor Neid verrecken?

Leichtigkeit des Spiels – und des Seins

Nein. Der Franz ist der Franz. Wir haben die Leichtigkeit seines Spiels geliebt, wie könnten wir da die Leichtigkeit seines Seins verdammen, wenn er aus Katar vermeldet: „Ich habe dort noch nicht einen einzigen Sklaven gesehen, da laufen alle frei rum.“ Viele möchten ihn in solchen Momenten als Firlefranz entmündigen – aber dann macht er alles wieder gut, indem er beispielsweise bei der WM 2010 gefragt wird, wie er sich die tolle Leistung von Jogis Jungs erklärt, und antwortet: „I weiß es ned. Frag den Löw, der weiß es auch ned.“

Wie soll man ihm bös sein?

Wo immer dieser Auserwählte sich äußert, starren alle hingerissen auf den Leuchtschweif der Lichtgestalt, erblinden angesichts seines Charismas und jagen seine Erkenntnisse so hektisch über den Liveticker um den Erdball, dass Otto Rehhagel ahnt: „Wenn der Franz einmal behauptet, dass der Ball sechseckig ist, jubeln alle: Endlich sagt es mal einer.“

Würde ohne diesen Franzdampf an allen Fronten in Deutschland überhaupt Fußball gespielt? Als Ballstreichler, Trainer und Präsident machte er den FC Bayern zum FC Bayern, als DFB-Kapitän (1974), Teamchef (1990) und Sommermärchenstratege (2006) holte er uns dreimal die WM, als Werbeikone kurbelt er die Wirtschaft an, und als „Sky“-Experte und „Bild“-Kolumnist erklärt er uns den Fußball, aus dem Fußgelenk, ohne quälerisch lange zu überlegen – wenn’s pressiert, dann packt er seine drei zündendsten Argumente aus, „Kasperltheater“, „Kindergarten“ und „Schmarrn“, und gelegentlich sagt er abends das Gegenteil von morgens.

Der Erfinder des Libero

Das Phänomen Beckenbauer ist mit den herkömmlichen Methoden der Maßstäblichkeit nicht zu messen – während Pelé mit 17 schon Weltmeister wurde, wurde der lebensbejahende Franzl mit 17 erst einmal Vater. Sehr viel älter hat er sich auch später nie gefühlt. An seinem sechzigsten Geburtstag verriet er: „Ich komme mir vor wie 40“ – worauf ihn der damalige Bundestrainer Klinsmann anflehte: „Mach dich fit, wir können ja noch mal auf Libero umstellen.“

Beckenbauer ist zwar nie auf dem Mond gelandet, hat uns dafür aber den Libero erfunden. Das sah dann so aus: Als letzter Mann der Abwehr jonglierte er dem gegnerischen Torjäger lässig den Ball vom Fuß, einer inneren Eingebung folgend löste er sich umgehend aus den Fesseln der Defensive, leichtfüßig überbrückte er die Tiefe des Raums, auf Höhe des Anspielkreises ging ein Raunen durchs Stadion, die Gegner wischten sich den Panikschweiß von der Stirn, die Radioreporter sprangen im Rahmen der Konferenzschaltung elektrisiert auf („Sofort nach München, der Kaiser überschreitet die Mittellinie!“), dann noch ein Doppelpass mit Gerd Müller, und der Franz krönte den Vorstoß mit seinem Außenristschlenzer ins Lattenkreuz.

Hans-Georg („Katsche”) Schwarzenbeck, sein Vorstopper, hat einmal todtraurig gesagt: „Jeden Tag im Training will i vom Franz was abschauen – aber i kriegs ned hin.“

Der Katsche. Als „Putzer vom Kaiser“ tat er alles. Nur einmal nicht. Da sagte Beckenbauer, der Ex-Bundestrainer Helmut Schön habe zum Siebzigsten eingeladen – doch Katsche, der inzwischen einen Schreibwarenladen führte, wo die Kinder ihre Hefte, Spitzer und Radiergummis kauften, winkte untröstlich ab: „Woaßt, Franz, i kann ned weg, ’s is Schulanfang, do muaß i in mei’m Laden sein.“ Zum Siebzigsten vom Franz kommt er aber garantiert – schließlich haben die Zwei immer wie ein altes Ehepaar funktioniert, sie hätten auch das Synchronspringen bei den Olympischen Spielen gewonnen.

Vier Eigentore und drei Ehen

Zum Bundesverdienstkreuz hat bei Beckenbauer aber auch der Fußball gereicht, und er hat sich nicht dafür schämen müssen, obwohl Günter Pfitzmann, die kabarettistische Kratzbürste der „Stachelschweine“, seinerzeit lästerte: „Wussten Sie, dass jeder Fünfte von denen, die es gekriegt haben, im Gefängnis sitzt oder schon dort saß?“ Aber nicht der Franz. Nichts hat der sich zuschulden kommen lassen außer einem papageibunten Vogelscheuchen-Sakko an seinem 30. Geburtstag, einer Schiedsrichterbeleidigung („Du Plattfuß-Indianer!“), vier Eigentoren sowie drei Ehen – als er zwischendurch mit einer Fotografin nach New York durchbrannte und für Cosmos kickte, versagte DFB-Präsident Hermann Neuberger dem ehebrecherischen Kapitän die WM-Teilnahme 1978 und giftete: „Operettenliga.“

Wer hat den Kaiser sonst noch geschändet? Man muss weit zurückblättern – in seinen verstaubten Memoiren erwähnt Beckenbauer eine „verschwörerische Allianz“, die der Trainer Udo Lattek mit den Jungspunden Hoeneß und Breitner in den 70ern beim FC Bayern gegen ihn aufzog: „Die Luft hatte plötzlich einen giftigen Geruch. Ich fühlte mich wie in einem Rudel von Wölfen.“ Vor ein paar Jahren hat Uli Hoeneß dann noch einmal kurz gestichelt und in einem Interview behauptet, dass „nur der Hopfner, der Rummenigge und ich wissen, was bei den Bayern läuft“.

„Und der Beckenbauer?“, fragte der verblüffte Fernsehreporter. „Der weiß auch nix“, trumpfte der Uli Hoeneß auf.

Ins Gefängnis ist er dann gegangen, denn der Fußballgott bestraft jeden, der sich am Franz versündigt. Der Allmächtige ist sein größter Fan und hat nie den ästhetischen Genuss des kaiserlichen Ballzaubers vergessen, am wenigsten das „Ramba-Zamba“ bei der EM 1972. Ramba war Beckenbauer, Zamba war Netzer – das Weltblatt „L’Equipe“ schwärmte ergriffen vom „Fußball des nächsten Jahrtausends.“

Der Franzl ist keine 17 mehr

In dem sind wir inzwischen, ganz tief sogar schon, und der Monaco Franzl ist keine 17 mehr, sondern wird an diesem Freitag 70. Und am Ende Hundert. Einer der Letzten, der Hundert wurde, war der US-Komiker Bob Hope, und der hat auf dem Weg dahin irgendwann ausgerechnet: „Ich bin jetzt 81. Aber wenn ich die Zeit abziehe, die ich damit verbracht habe, auf Flughäfen nach meinem Gepäck zu suchen, bin ich erst 43.“

Wenn man das umrechnet auf Franz Beckenbauer, ist er im besten Alter – und sieht immer noch aus wie im Kinofilm „Libero“, in dem er sich 1973 selbst spielte.

Der Kaiser ist unsterblich.




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