Peter Glaser blickt in die Kristallkugel Der elektronische Zechpreller

Von Peter Glaser 

Auch Finsterlinge versuchen, mit der Technik Schritt zu halten. Nicht alle schaffen den Anschluss an die Zukunft, wie StZ-Kolumnist Peter Glaser zeigt.

Stuttgart - Hier geht es in Zukunft um die Zukunft. Das StZ-Hausorakel Peter Glaser befragt einmal die Woche die Kristallkugel nach dem, was morgen oder übermorgen sein wird – und manchmal auch nach der Zukunft von gestern. Dazu als Bonus: der Tweet der Woche!

Die Bekämpfer von Hightech-Kriminalität versuchen ebenso mit der Technik Schritt zu halten wie die Gegenseite. Im US-Bundesstaat Colorado beispielsweise ist das Tragen von Aluminium-Unterwäsche gesetzlich verboten. Ladendiebe sollen dadurch abgeschreckt werden, gestohlenes Gut durch die Sicherheitsschleusen an den Ausgängen zu schmuggeln. Auch wenn die virtuelle respektive Internet-Kriminalität auf dem Vormarsch ist, findet das moderne Verbrechen nach wie vor - und aus unterschiedlichen Gründen notgedrungen - in vielfältigen Formen in der analogen Welt statt.

Nicht jeder Bösewicht ist den neuen Herausforderungen gewachsen. So wurde Marlon Mecham aus Tennessee zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt, nachdem er zusammen mit zwei Kumpels einen ehemaligen Mitbewohner in dessen Wohnung überfallen hatte. Mecham trug eine 9-Millimeter-Pistole, die beiden anderen Männer Gewehre. Sie fesselten ihr Opfer, setzten ihm seinen Laptop auf den Schoß und wollten ihn zwingen, sein Online-Konto aufzurufen und - so gut es gefesselt eben ging - das Passwort einzutippen. Da die Gang den Rechner nicht ordnungsgemäß eingeschaltet hatte, zeigte er aber nur eine Fehlermeldung an und ließ den Zugriff auf das Konto nicht zu.

Die ersten Konfrontationen krimineller Energie mit den Moglichkeiten der neuen elektronischen Technologie verliefen glücklos. Bereits im Jahr 1969 überfiel ein Mann in Los Angeles einen der ersten videoüberwachten Bankautomaten. Er versuchte die Herausgabe von Geld zu erzwingen, indem er seine Waffe auf das Kameraauge gerichtet hielt. Im Juni 1993 stellte die New Yorker Polizei einen Roboter bei dem Versuch, eine Bank im Stadtteil Queens auszurauben. Das Gerät hatte nachts versucht, die Wand zu einem Tresor zu durchbrechen. Die Ermittlungen ergaben, dass der Roboter nicht aus eigenem Antrieb gehandelt hatte, sondern von drei Männern ferngesteuert wurde, die in einem Kleinlaster vor der Bank warteten.

In einem Video führte ein junger Franzose jüngst den aktuellen Stand dieser Art von Eigentumsdelikt vor. Mithilfe eines selbstgebauten Roboterarms, der über den modifizierten Controller einer Spielkonsole gesteuert wird, entwendet er eine Dose Limonade aus einem Getränkautomaten. Wobei man sich in diesem Fall fragen muß, ob es sich bei der Gerätschaft nicht eher um eine futuristische Version einer Rube-Goldberg-Maschine handelt (die mit möglichst großem Aufwand einen möglichst kleinen Effekt erzielt). Wie viele Dosen Limonade muß der Bastler wohl klauen, ehe sich die Konstruktion amortisiert?

Der klassische Finsterling jedenfalls handhabt oft immer noch Materie, statt seinen gesellschaftlichen Beitrag zur digitalen Revolution zu leisten. Was fehlt, sind kleine, innovative Ideen. Nehmen wir sowas wie einen elektronischen Zechpreller (mit Digitalanzeige), ein schickes Gadget. Oder sich vermittels Künstlicher Intelligenz halbautonom durch die Stadt bewegende Überfallsdrohnen, denen die Beute – Münz- und Papiergeld sowie Karten aller Art – einfach auf einen geräuschlos sich einziehenden Schlitten gelegt werden kann. Keine Schnapsfahnen mehr, keine unschlüssigen oder launischen Räuber. Fast könnte man sich vorstellen, dass das Leben mit Hilfe digitaler Maschinerie so kalkulierbarer würde.

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Und hier noch, wie immer, der Tweet der Woche:

 

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