Peter Glaser blickt in die Kristallkugel Krank spielen für ein paar Sympathiepunkte

Von Peter Glaser 

Eine andere Form des Online-Betrugs: Das Phänomen, dass Menschen schwere Krankheiten oder Traumata vortäuschen, um online Sympathien abzusammeln – nimmt seit Jahren zu. Alles, was die Betrüger bekommen, ist Aufmerksamkeit.

Stuttgart - Hier geht es in Zukunft um die Zukunft. Das StZ-Hausorakel Peter Glaser befragt einmal die Woche die Kristallkugel nach dem, was morgen oder übermorgen sein wird – und manchmal auch nach der Zukunft von gestern. Dazu als Bonus: der Tweet der Woche!

Wer sich die kleinen Profilbilder auf Facebook ansieht, weiß, was gespielt wird. Viele verwenden verfremdete Bilder, manche leihen sich offenkundig fremde Gesichter oder geben sich nur über ein Pseudonym zu erkennen. Online-Identitäten haben etwas Spielerisches. Etwas von einem Maskenball. Wer sitzt einem da, repräsentiert durch einen Avatar und ein paar stumme Zeilen in einem Standardzeichensatz, eigentlich gegenüber? Während wir in der Realwelt über eine Palette von Möglichkeiten verfügen, um ein Gegenüber einschätzen zu können - von der Körpersprache über Handschrift und Stimme bis hin zur Reaktion auf Ironie -, verengt sich der Einblick, wenn wir jemandem online begegnen.

Vermeintlich geschützt durch Anonymität oder Pseudonymität, breiten Menschen im Netz oft ihre persönlichsten Gedanken und Gefühle aus. Offenbar fällt es vielen leichter, Schwächen und Geheimnisse auszusprechen, wenn sie sich einem Computer anvertrauen können. Online-Kommunikation wirkt für viele Menschen wie eine Wahrheitsdroge.

Facebook statt Weltflucht

In den Anfangsjahren war man besorgt, dass virtuelle Gemeinschaften entstehen könnten, in denen die Menschen beliebige neue Identitäten annehmen und Weltflucht begehen würden. Der Erfolg der sozialen Medien ist auch damit erklärbar, dass es diese Verselbständigung nicht gibt. Gerade durch die Verflechtung zwischen Online-Welt und Offline-Welt kann man seine Identität im Netz nicht ohne weiteres manipulieren. Kann man also weiterhin das für Freundschaften nötige Vertrauen im Netz entwickeln?

Es wird einem online einfach wie nie gemacht, Kontakte zu knüpfen (wobei die sozialen Netze vor allem das Kennenlernen fördern, weniger die Kontinuität). Was aber manchmal übersehen wird, ist, dass das Netz nicht nur zuvor unbekannte Potentiale des Austauschs und der Verständigung geschaffen hat, sondern auch neue Formen sozialen Versagens.

Münchhausen in der Matrix

Die britische Journalistin Jenny Kleeman etwa berichtete von Fällen, in denen Menschen schwere Krankheiten oder Traumata vortäuschen, um online Sympathien abzusammeln – und dass derartige Phänomene zunehmen. Es ist eine neue Art von Online-Betrug, durch den Menschen nicht um ihr Geld gebracht werden, sondern um ihre Zeit und ihr Mitempfinden. Alles, was die Betrüger bekommen können, ist Aufmerksamkeit. Wobei der Aufbau einer solchen falschen Identität oft Monate dauert und eingehende Recherchen erfordert, um eine bis ins Detail glaubwürdige Geschichte präsentieren zu können. Um ein solches Lügengespinst möglichst überzeugend wirken zu lassen, gehört meist noch eine Gruppe fiktiver Freunde dazu. Der Psychiater Marc Feldman hat für das Syndrom die Bezeichnung „Münchhausen By Internet“ (MBI) eingeführt.

„Es war ein gutes Gefühl, die Zeit mit Menschen zu verbringen, die in erster Linie um mich besorgt waren”, sagt eine Ex-Identitätsfälscherin. Nachdem sie einmal angefangen hatte zu lügen, konnte sie nicht mehr aufhören. Die Motivation erscheint auch Psychologen einleuchtend: Sympathie von Hunderten von Menschen im Netz zu bekommen, fühlt sich einfach besser an, als wenn sie nur von einem Menschen im weißen Mantel kommt.

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Und hier noch wie immer der Tweet der Woche: