Pläne der Staatstheater Stuttgart Sie wollen einfach nur spielen

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Auch wenn eigentlich alle Umstände widrig sind: Oper, Ballett und Schauspiel planen einen spannenden Saisonstart. Weiter als bis Ende Januar 2021 wollen die Intendanten aber derzeit noch nicht schauen. Dafür ist die Entwicklung der Corona-Pandemie einfach noch zu unsicher.

Vier Intendanten auf Abstand – von links: Marc-Oliver Hendriks (Geschäftsführer), Burkhard C. Kosmisnki (Schauspiel), Tamas Detrich (Ballett), Viktor Schoner (Oper) Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Vier Intendanten auf Abstand – von links: Marc-Oliver Hendriks (Geschäftsführer), Burkhard C. Kosmisnki (Schauspiel), Tamas Detrich (Ballett), Viktor Schoner (Oper) Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Wenn man ganz ahnungslos wäre, was gerade so los ist auf der Welt im allgemeinen und an den Stuttgarter Staatstheatern im besonderen, man könnte meinen, es sei eine ganz normale Vorschau auf die kommende Saison, die die Intendanten da am Mittwoch der Presse vorgelegt haben. Und die vier Sparten Oper, Konzert, Ballett und Schauspiel würden einfach nur erneut beweisen, wie produktiv sie sind.

Opernchef Viktor Schoner will bis Mitte Dezember gleich drei Premieren-Schwergewichte über die Bühne bringen: Barrie Kosky inszeniert Mozarts „Zauberflöte“, Barbara Frey einen Doppelabend mit der „Cavalleria rusticana“ von Pietro Mascagni und einem modernen Stück von Salvatore Sciarrino, Marc Piollet vier Wochen später den „Werther“ von Jules Massenet. Das Stuttgarter Ballett und sein Intendant Tamas Detrich versprechen ihren Fans für diesen Zeitraum drei neue Ballettabende mit lauter Ur- und Erstaufführungen – und für den Januar ein Wiedersehen mit einem der beliebtesten Handlungsballette aus dem Repertoire, John Neumeiers „Kameliendame“.

Max Herre wird „Artist in Residence“

Rund soll es auch in Burkhard Kosminskis Schauspiel zugehen: Tina Lanik inszeniert in dem neuen Stück von Thomas Melle namens „Die Lage“ eine Gesellschaft auf Wohnungssuche. Kosminski selbst holt die fabelhafte russisch-israelische Schauspielerin Evgenia Dodina (das Stuttgarter Publikum kennt und liebt sie noch aus dem großen Drama „Vögel“) fest nach Stuttgart und stellt sie in den Mittelpunkt von Friedrich Dürrenmatts Evergreen „Der Besuch der alten Dame“. Ende September feiert das Haus ein ganzes Wochenende lang die erstmalige Vergabe des Europäischen Dramatikerpreises. Und dann darf sich die ganze Familie auch auf das diesjährige Weihnachtsstück freuen: „Robin Hood“.

Respekt! Aber als wenn das nicht alles schon Trümpfe genug wären, stellte die Staatsoper am Mittwoch auch noch ihren neuen „Artist in Residence“ vor: den Stuttgarter Rapper Max Herre, der im Großen Haus am 1. Oktober 2020, also fast pünktlich zum 35. Jahrestag der Vereinigung, gemeinsam mit dem Hamburger Theater-Punker Schorsch Kamerun einen großen Konzertabend gestalten wird: „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ will, so die Ankündigung, Musik von Beethoven und Schönberg, Clara Schumann und Fanny Hensel, dazu Stimmen von Bekannten und Unbekannten zu einem Gesamtkunstwerk verbinden – und der Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert das ganze persönlich.

12 Millionen Euro durch Kurzarbeit einsparen

Aber irgendwann ist es mit der Ahnungslosigkeit doch vorbei. Denn natürlich ist diese Saisonvorschau der Staatstheater Stuttgart alles andere als normal. In fast allen Details steckt der Teufel. „Die Lage“ von Thomas Melle hätte eigentlich schon im letzten April Premiere feiern sollen, die „Cavalleria rusticana“ Ende Juni. Ob es bei besagten Ballettabenden auch nur einen einzigen Pas de Deux zu sehen geben wird, kann der Intendant Tamas Detrich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht versprechen. Und auch nicht, ob die Musik zur „Kameliendame“ live vom Orchester und von einem Pianisten gespielt werden kann oder vielleicht doch nur vom Band kommt.

Das alles ist unklar, weil die weitere Entwicklung der Corona-Pandemie so völlig ungewiss ist. Unter welchen Hygiene-Bedingungen wie viele Zuschauer Opern- und Schauspielhaus betreten dürfen: unklar. Ob Schulklassen ab September wieder Vorstellungen des Jungen Theaters „Join“ besuchen dürfen: unklar. Wie nah sich Musiker und Chorsänger auf der Bühne kommen dürfen: unklar. Und wie ein Theaterbetrieb von rund 1400 Mitarbeitern alles stemmen soll, wenn er gleichzeitig nach einem Beschluss von Stadt und Land in Kurzarbeit geht, um auch so und aus eigener Kraft rund 12 Millionen Euro Etat-Mindereinnahmen aus Ticketverkäufen auszugleichen: unklar.

Tausende wünschen sich eine Ballettkarte

Aber spielen wollen sie, das wird auf der Pressekonferenz deutlich: die Intendanten, die Künstler, das ganze Haus. Und präsentieren ein Programm, das, so der Geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendricks, auf die äußeren Bedingungen abgestimmt sei. Und trotzdem: „Wir bewegen uns auf wackligem Boden. Aber wir wollen dem Publikum bieten, was irgend möglich ist.“ In der Hoffnung, so Opernchef Schoner, „im Oktober die Pläne für die zweite Hälfte der Saison präsentieren zu können, die wieder alles bieten.“

Aber vielleicht braucht das Corona-verängstigte Publikum ja das große Theater gar nicht mehr? Ballettchef Tamas Detrich kann über solche Mutmaßungen nur lachen: Am vergangenen 1. Juli um 10 Uhr begann der telefonische Vorverkauf für die Ballettpremiere „Response I“ an diesem Samstag im Opernhaus. Detrich berichtet: „Wir hatten innerhalb der ersten Stunde 19 000 Anrufe“. Die Sehnsucht nach dem Theater scheint ungebrochen. Also spielen sie. Komme, was wolle.




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