Porträt der Schriftstellerin Lily Brett Lily Brett – von Bayern über Melbourne nach Soho

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„Ich hatte immer das Gefühl, von Toten umgeben zu sein“, sagt Lily Brett. Eine leise, doch vollklingende Stimme, große dunkle Augen unter dichten Locken, ein Mund, der sich manchmal zu einem feinen Lächeln verzieht. Aber nicht jetzt. „Am Anfang gab es nur meine Mutter, meinen Vater und mich. Ich spürte die Einsamkeit derjenigen, die am Leben geblieben sind.“ Die kleine Gemeinschaft jüdischer Emigran­ten aus Europa, in der die Familie sich bewegte, vermittelte Lily Brett ein wenig Sicherheit. „Die Figuren in meinen Büchern verkörpern die Menschen, mit denen ich groß geworden bin“, erklärt Lily Brett. Menschen wie die Zeplers in „Einfach so“, dem Porträt einer jüdischen Mittelschichtsfamilie in New York, das Lily Brett 1994 zum Durchbruch verhalf. Menschen wie der lebensfreudige Edek und seine nicht ganz so lebensfreudige Tochter Ruth Rothwax in ihrem vorletzten Roman „Chuzpe“. Darin geht es wie in Bretts Werken davor um Protagonistinnen, deren Eltern dem Holocaust entkommen sind und die sich nun zwar ziemlich erfolgreich durchs eigene Leben manövrieren, aber stets darüber erstaunt sind, überhaupt am Leben zu sein.

Interviews mit Jimi Hendrix, Janis Joplin und Mick Jagger

Lola Bensky in Lily Bretts gleichnamigem neuem Roman ist eine blutjunge Rockjournalistin, die für ein australisches Magazin Stars interviewt: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison. In London, New York, am legendären Monterey International Pop Festival von 1967 in Kalifornien. Lola ist dick. Mit Mick Jagger unterhält sie sich über Weißkohl im Ghetto von Lodz – eine der wenigen Geschichten, die sie von ihrem Vater gehört hat. Mick Jagger ist fassungslos. Lola ebenfalls. Eigentlich hatte sie ihn nach seinem Verhältnis zu Brian Jones und Keith Richards befragen wollen.

Als Lily Brett pummelig wurde, setzte ihre Mutter sie auf Diät. „Im Lager waren nur die Aufseher gut genährt“, sagt Lily Brett. Eine mollige Tochter war für ihre Mutter ein Schlag ins Gesicht. Lily Brett hätte alles getan, um die Traurigkeit zu vertreiben, die ihre Mutter stets umgab. Sie war auch bereit, Apfel-Banane-Eier-Diät zu halten bis in alle Ewigkeit. Nur wurde sie davon nicht dünner und ihre Mutter nicht glücklicher. Stattdessen nahm Lily Brett eine Stelle bei einem Rockmagazin an. Sie hatte ihren Highschool-Abschluss vermasselt, indem sie die Abschlussprüfungen schwänzte, um sich im Kino „Psycho“ anzusehen. Wie Lola Bensky.




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