Randale in Wernau Mehr als 50 000 Zuschauer am Straßenrand

Von unserer Redaktion 

Mit den Umzügen am Samstag in Wernau und am Sonntag in Neuhausen ist die Straßenfasnet im Kreis Esslingen ihrem Höhepunkt entgegengestrebt. Allerdings hat eine Gruppe von Randalierern Wasser in den Wernauer Wein gegossen.

Die Egelsee-Geister aus Neuhausen haben  nicht nur die Zuschauer entlang des Festzugs auf den Arm genommen, sondern gleich auch noch den eigenen Nachwuchs. Foto: Horst Rudel
Die Egelsee-Geister aus Neuhausen haben nicht nur die Zuschauer entlang des Festzugs auf den Arm genommen, sondern gleich auch noch den eigenen Nachwuchs. Foto: Horst Rudel

Wernau/Neuhausen - Die Straßenumzüge in Neuhausen und Wernau, den beiden Fasnets-Hochburgen im Kreis Esslingen, haben am Wochenende wieder mehr als 50 000 Zuschauer mobilisiert. Die närrische Kardinal-Frage, ob der Samstagsumzug in Wernau oder die Sonntagsparade der Neuhausener Narren mehr Zuspruch gehabt habe, sei an dieser Stelle mit einem entschiedenen Sowohl-als-auch beantwortet. Getrübt worden ist das muntere Geschehen von einer Schlägerei in Wernau, für die die Polizei ein organisierte Gruppe verantwortlich macht.

Die Narren in Wernau hatten sich am Samstag um 14 Uhr zum Umzug versammelt. Wie üblich begann die Party spätestens ab Plochingen schon in der S-Bahn, wo die jeunesse dorée des Mittleren Neckartals mit bonbonfarbenem Schnaps vorglühte. Die Jungen und Mädchen waren es auch, die immer wieder die Kirchheimer Straße auf und ab defilierten und ihre Bananen- oder Häschenkostüme präsentierten, noch bevor sich der Zug mit seinen mehr als 60 Gruppen in Bewegung setzte.

Bürgermeister muss einstecken

Angeführt vom Wernauer Till und vom Stadtbüttel zogen sie an den rund 25 000 Besuchern vorbei, während eine Schwertgosch von der Rednertribüne den Narren einheizte, aber auch dem Bürgermeister der Narrenstadt nicht verschonte: „Kaum zieht mer en groß, scho stoht er em Weg“, meinte sie launig zu Armin Elbl. Manche Wagen waren ziemlich beeindruckend, wie etwa das Gefährt der Narrenzunft Leutkirch, mit einer überdimensionalen Katze.

Ganz zum Schluss kamen wie immer die Wernauer Narrengruppen, das sind die Wernauer Heckarutscher, die Wernauer Brotloible, die Baur und die Bodenbach Symphoniker, sowie die Laichle Hexa und die Geesgassdeifl, die allesamt den gleichen Schlachtruf brüllten: „Hecka Heala, Hoi, Hoi, Hoi.“ Zuvor waren die Wernauer Narren mit der Organisation des Zuges beschäftigt gewesen. In Bahnhofsnähe verkauften Andreas Ruis und Michael Peter rote Papp-Krawatten, die als Eintrittskarte dienten. Auch sie hatten nach dem Umzug noch ein wenig Zeit, sich an der Straßenfasnet zu beteiligen, in die sich das närrische Treiben auflöste, besonders gut fanden es die beiden, das die Wernauer Kneipiers darin übereingekommen seien, vor 20 Uhr keinen Schnaps auszuschenken.

Ungeachtet dessen ist es im Anschluss an den Zug zu einem größeren Polizeieinsatz gekommen. Gegen 16 Uhr mussten die Einsatzkräfte der Polizei immer öfter Handgreiflichkeiten schlichten, die zweimal in heftige Schlägereien ausarteten, bei denen zwei Verletzte ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Die Urheber der Gewalttaten war eine größere Gruppe von jungen Männern aus Esslingen, die auffällige schwarze Jacken trugen. „Wir wissen noch nicht, ob es sich dabei um die Black Jackets handelt“, sagte dazu ein Polizeisprecher. Die Jacken hätten nicht deren typische Aufnäher gehabt, aber es sei möglich, dass sie umgeändert worden seien. Die Polizei sprach 30 Platzverweise aus und nahm mehrere Körperverletzungsdelikte und Diebstähle zu Protokoll.

Jung, blond, gefährdet

Übergriffig, allerdings nur im engeren närrischen Sinn, ist es tags darauf auch in Neuhausen zugegangen. Besonders gefährdet waren am Sonntag junge, vorzugsweise blonde Zuschauerinnen, die das närrische Geschehen auf den Fildern auch noch unvorsichtigerweise in der ersten Reihe verfolgen wollten. Die Wahrscheinlichkeit, dass deren aufgesteckten Hasenohren oder Teufelshörnchen früher oder später von frecher Narrenhand geraubt wurden, lag bei gefühlten 100 Prozent. Kein Kopfschmuck war aber auch keine Lösung: großer Beliebtheit hat sich dann das freundschaftliche Haare-Wuscheln erfreut. Und wenn sich die Mühe aus der von der Maske meist erheblich eingeschränkten Narrensicht gelohnt hat, ist auch schon mal die ganze Maid geschultert und erst ein paar Meter weiter wieder in die Freiheit entlassen worden. Rote Herzchen auf die Wange hat es gratis dazu gegeben.

Wer nicht körperlich entführt worden war, den haben die 60 Narrengruppen immerhin für eine paar Stunden mental aus dem komplizierten Alltag in eine andere Welt geführt. „Narri“ statt Winter-Melancholie und „Narro“ statt Stress im Büro. Zwar sind vom traditionellen „Auf die Pauke haut’se Bauze, Bauze“ der Neuhausener Gruppen über das „Bettel hier, Bettel“ der Lauchheimer Lauchfetzer bis hin zum „Gut Schlauch, Wasser marsch!“ des Spielmannszugs der Feuerwehr Bonlanden auch noch andere phonetische Schlachtruf-Variationen zu hören gewesen, doch die Botschaft der schrägen Töne war die gleiche: Wir lassen Alltag Alltag sein und genießen die Fasnet. „Wer in eine Maske schlüpft, gewinnt eine neue Perspektive auf seine Mitmenschen und mitunter auch auf das eigene Ich“, sagt der Soziologe. „Ich will Spaß, ich geb’ Gas“, sagt der Narr.




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