Rettung der Orang-Utans Raus aus dem Käfig, ab auf den Baum

Von dpa/rkn 

Eine neue Studie besagt: Auf Borneo gibt es heute 150 000 Orang-Utans weniger als vor 15 Jahren. Ein Beispiel zeigt, wie ihre Rettung gelingen könnte.

Das betäubte Tier wird nun für den Transport in den Nationalpark fertig gemacht. Foto: dpa 5 Bilder
Das betäubte Tier wird nun für den Transport in den Nationalpark fertig gemacht. Foto: dpa

Borneo - In die Freiheit kann Agis jetzt gar nicht mehr schnell genug gelangen. Zwei lange Sätze und dann sofort den Baum hoch. Rund 24 Stunden hat der Orang-Utan zuvor in einem Käfig auf der Ladefläche eines Geländewagens und auf einem Boot verbringen müssen. Nun sitzt das 40 Kilo schwere Tier auf der Insel Borneo im Nationalpark Bukit Baka Bukit Raya auf einem Bintangor-Baum und verfolgt, wie drei weitere Affen, von der Tierschutzorganisation Borneo Orangutan Survival (BOS) in die Freiheit entlassen werden.

Innerhalb von 16 Jahren starb mehr als die Hälfte der gesamten Population

Orang-Utans gelten als stark gefährdet, auf Sumatra gar als vom Aussterben bedroht. Die Wissenschaft schlägt Alarm. „Weitere 45 000 Orang-Utans könnten in den nächsten 35 Jahren allein durch die Zerstörung ihrer Lebensräume verschwinden“, heißt es in der Studie, an der das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) und das Zentrum für inte­grative Biodiversitätsforschung in Leipzig mitgewirkt hat – und in der Zeitschrift „Current Biology“ veröffentlicht wurde. Zwischen 1999 und 2015 verschwanden mehr als 100 000 Orang-Utans und damit mehr als die Hälfte der gesamten Population von der Insel Borneo.

Ihre Modellrechnungen füttert die EVA-Mitarbeiterin Maria Voigt mit Zahlen, die ihre Kollegen vorher im Regenwald gewonnen haben. „Auf diesen Karten sehen wir, wie sich die Populationen in den einzelnen Gebieten seit 1999 entwickelt haben und können daraus einige Schlüsse über die Probleme ziehen, mit denen Borneo-Orang-Utans kämpfen“, erklärt sie.

Immer mehr Regenwald muss Palmöl-Platagen weichen

Laut Lehrbuch sind Orang-Utans Waldbewohner, die sich im Kronendach aufhalten. Doch im letzten Jahrzehnt wurden auf Sumatra mehr als sieben Millionen Hektar Regenwald vernichtet – eine Fläche so groß wie Bayern. Dort wachsen jetzt Palmöl-Plantagen. Das hochwertige Fett wird für Tiefkühlpizzen, Lippenstifte, Biodiesel, Schokolade, Speiseeis verwendet. Indonesien und Malaysia sind die wichtigsten Produzenten. Von jährlich weltweit mehr als 60 Millionen Tonnen kommen 85 Prozent von dort.

Die Gesetze zum Schutz der Wälder sind immer noch recht lax. Ein Moratorium, das die Vergabe von neuen Konzessionen einschränken sollte, hat für den Tierschutz nicht viel gebracht. Das zeigt sich auch in der Studie: In den abgeholzten Gebieten gibt es bei der Affenpopulation dramatische Verluste. Aber auch in anderen Regionen, wo nicht abgeholzt wurde, nahmen die Orang-Utans zwischen 1999 und 2015 dramatisch ab. In diesen könnten Jäger für den Schwund verantwortlich sein. „Immer wieder stoßen Naturschützer und Forscher auch auf Orang-Utans, die eine Hand oder einen Fuß in einer Schlinge verloren haben, die Jäger anscheinend ausgelegt hatten, um ganz andere Tiere zu fangen“, sagt Voigt.

Menschen misshandeln die Affen auf grausame Art und Weise

Es gibt auch Berichte, dass Orang-Utan-Mütter erschossen werden, um ihr Kind als Haustier zu verkaufen. Agis zum Beispiel, die oben im Baum thront, wurde von einem Dorfbewohner auf Borneo sieben Monate lang als Ersatzkind gehalten. Damals wog sie achteinhalb Kilo, hatte Malaria und Typhus und kaum noch Haare. Pong, der jüngste der vier, wurde in einem anderen Dorf entdeckt, in einem Holzkäfig. Sein Besitzer behauptete, ihn auf einer Palmöl-Plantage gekauft zu haben. Bei Rutan kennt man das Schicksal nicht so genau.

Die Affen wurden von der gemeinnützigen BOS-Stiftung gerettet. Auf einem Grundstück der Regierung unterhält sie eine Auffangstation mit mehr als 450 Orang-Utan. Finanziert wird das Projekt durch Spenden aus aller Welt. Über die deutsche BOS-Sektion haben mehr als 2700 Leute Patenschaften übernommen. Es gibt aber auch Geld über ein Projekt des Bundesentwicklungsministeriums.

Tierschützer versuchen mit der Palmölindustrie zu kooperieren – zugunsten der Affen

Vor ein paar Monaten kooperiert BOS mit der Palmölindustrie. Der Agrarkonzern PT Sawit Sumbermas Sarana (PTSSS) beteiligte sich am Kauf einer Insel, auf der die Affen noch Zeit in einer Art Dschungelcamp verbringen, bevor sie freikommen. „Wir können die Orang-Utans nicht allein retten. Also muss die Industrie Teil der Lösung werden“, sagt der Chef von BOS, Jamartin Sihite. Allerdings sieht der größte Teil der Palmölindustrie keine Veranlassung, etwas zum Schutz der Orang-Utans beizutragen. Andere Umweltschützer werfen BOS deshalb vor, den Konzernen zu helfen, sich für wenig Geld grünzuwaschen. „Solche Akte machen nicht ungeschehen, was passiert ist. Und sie retten die Orang-Utans nicht vor der Vernichtung“, sagt etwa Gemma Tillack vom Netzwerk Rainforest Action Network.

Wissenschaftler fordern ein Verbot für Abholzung und Jagd

Grundsätzlich muss die Abholzung beendet werden, sagt auch Maria Voigt: „Die verbleibenden Wälder müssen als Lebensraum der Tiere geschützt und gleichzeitig muss die Jagd gestoppt werden.“ Dann könnten die Menschenaffen dauerhaft eine Chance haben. Orang-Utans sind viel flexibler als bisher vermutet. Bisher nahmen Zoologen an, dass sie auf intakte Regenwälder angewiesen sind. Die Studie hat aber gezeigt, dass die Tiere in Gebieten vorkommen, die von Menschen beeinflusst sind. Bei Agis und ihren drei Artgenossen scheint der Start geglückt: Ein paar Tage später beobachten sie die BOS-Leute beim Nestbau. Sie verbringt viel Zeit mit Rutan, dem anderen Weibchen. Die Männchen Pong und Jaka haben schon eigene Reviere.