Rock aus Leinfelden Eine klingende Zeitkapsel von der Jahrtausendwende

Von Michael Werner 

Die Band Gallery aus Leinfelden hat anno 2000 mit dem Song „Blue“ die Charts geentert. Jetzt hat sie ihn wieder veröffentlicht.

Junge Musiker auf dem Weg in die Charts:  Gallery um das Jahr 2000 Foto: Promo
Junge Musiker auf dem Weg in die Charts: Gallery um das Jahr 2000 Foto: Promo

Leinfelden - Das neue Jahrtausend war noch jung im August 2000, und womöglich aus Erleichterung darüber, dass die Nullen nach den Neunern nicht – wie damals von einigen befürchtet – weltweit die Computer zum Absturz gebracht hatten, bemühten sich der Unterhaltungssparte zugeordnete Fernsehmoderatoren noch, Euphorie zu verbreiten statt Ironie. Also zitierte Oliver Geissen, als er bei „Top of the Pops“ auf RTL die Leinfeldener Band Gallery ankündigte, überschwänglich die Eigenwerbung der Nu-Metal-Musiker und versprach „die erste Band aus dem Netz auf dem Weg in die Charts“. „Und es funktioniert“, jubelte seine Co-Moderatorin Marie-José, „von Null auf 63!“ Dann sang der Gitarrist Andreas Vockrodt „I’m blue da ba dee da ba daa“ und so weiter. Der Bass grummelte, das Schlagzeug polterte mächtig.

Die rockige Leinfeldener Coverversion des Eurodance-Tracks „Blue“ brachte es zu Beginn des neuen Jahrtausends angeblich auf mehr Fernseheinsätze als das Original der italienischen Formation Eiffel 65. So steht es zumindest bis heute auf Youtube. „Ein Hypele“ sei damals passiert, sagt der Musikmanager Hans Derer, der dieser Tage die Neuveröffentlichung des Songs verantwortet, im Branchenjargon Re-Release genannt. Dafür wurde die Gitarren- und Keyboard-affine „Blue“-Version aus dem Jahr 2000 von 3:34 Minuten auf 3:04 Minuten gekürzt und auf die gängigen Streaming-Plattformen wie Spotify hochgeladen. „Es ist ein neuer Radio-Edit“, sagt Derer.

Online erfolgreich

Wenn man den Gitarristen Andreas Vockrodt anruft, räumt er gerne ein, dass Gallery vielleicht auch nicht weltweit die allererste Band gewesen ist, die mittels Internet ihren Bekanntheitsgrad Richtung Hitparade zu steigern vermochte, aber „unglaublich erfolgreich“ sei man jedenfalls um 1999 mit dem Hochladen von Musik ins Netz gewesen, was damals per Modem eine aufwendige Angelegenheit gewesen sei. Ein paar Preise habe es für die ersten Online-Aktivitäten der Leinfeldener gegeben, und die Hamburger MP3-Plattform Virtual Volume habe sich erst deshalb in eine reale Plattenfirma verwandelt, weil so viele Leute Musik von Gallery downloaden wollten, was einst ebenfalls Geduld erfordert habe.

Ansonsten hat Gallery damals vor allem live gespielt, viele Coversongs, „Blue“ erstmals auf dem Geburtstagsfest eines Freundes und bald darauf in Italien: „Die Italiener sind komplett ausgerastet“, berichtet Vockrodt. Also nahm man das Lied schnell im Studio auf und erzielte damit das, was Hans Derer heute ein „Hypele“ nennt. „Heute, genau 20 Jahre später wird der Song neu digital veröffentlicht und ist erstmals online überall verfügbar – somit ist ,die erste Band aus dem Netz in die Charts‘ zurück im Netz! Und wer weiß, vielleicht schon bald wieder in den Charts?“, schreibt Vockrodt, der heute der Band Partyblues vorsteht und Gitarrenunterricht gibt, in einer Pressemitteilung.

Vielleicht näher am Traum

Zwei Tage später schickt er noch eine E-Mail, aus der hervorgeht, dass er sich seinem Traum mittlerweile ein bisschen näher fühlt: „Brandaktuell: seit gestern sind wir mit Gallery wieder in den Charts – zumindest bei Amazon. Gestern: Platz 1 Aufsteiger Amazon / Platz 3 Neuerscheinungen / Platz 4 Rock / Platz 27 überhaupt.“

Wenn man ihn anruft und ihn fragt, ob die Band Gallery noch existiert, antwortet er: „Eigentlich nicht.“ Dann fällt ihm ein: „Aber ich will nichts ausschließen.“




Veranstaltungen

Unsere Empfehlung für Sie