Rubrik „Glasers Perlen“ Die biologische Grenze der Miniaturisierung

Wer kann die immer kleiner werdenden Icons auf einem Display noch sicher mit der Fingerkuppe auswählen? Foto: dpa-tmn
Wer kann die immer kleiner werdenden Icons auf einem Display noch sicher mit der Fingerkuppe auswählen? Foto: dpa-tmn

Die Ingenieure sind ganz verzweifelt. Sie könnten inzwischen die Tastatur so klein machen, dass man sie gar nicht mehr sieht, aber das ergibt keinen Sinn. Die Miniaturisierung ist an einem Punkt angelangt, an dem es nicht mehr weitergeht wie bisher.

Stuttgart - Die Miniaturisierung macht immer neue Fortschritte. Wissenschaftler an der Universität Michigan haben gerade einen kompletten Computer gebaut, der, einschließlich Batterie, auf dem Rand einer Münze Platz hat. Mit der Miniaturisierung, der Digitalisierung und der Virtualisierung haben sich drei technologische Entwicklungen zu einer Leitströmung verbunden, deren Auswirkungen immer feiner verzweigt die ganze Welt umfassen. Sie führt uns nun aber an einen Punkt, an dem der Wandel nicht mehr schrittweise erfolgen kann – die Technik stößt an eine Grenze.

Deutlich wird das an Objekten wie der erfolglosen Datenbrille Google Glass oder der Apple Watch, die ein winziges Display und die bereits sehr kleinen Bedienelemente von Smartphones noch kleiner machen möchten. In vielen Bereichen lassen sich Grenzen nur noch in immer winzigeren Einheiten verschieben. Im Sport verlagern die Leistungsspitzen sich in Zehntel- und Hundertstelsekunden. Computerchips folgen dem Moore’schen Gesetz, wonach sich die Komplexität der integrierten Schaltungen alle anderthalb Jahre verdoppelt. Auch in ihrer äußeren Form sind digitale Geräte in Millimeterregionen angekommen – immer flachere Tablets, dünnere Smartphones, leichtere Notebooks.

Gerätebezeichnungen wie „Nano“, „Air“ oder „Lumia“ („Licht“) weisen die Richtung: Die Dinge möchten mikroskopisch werden oder sich in Luft oder ein Leuchten auflösen. Allerdings würden sie dadurch unbedienbar werden. Der Platz, den eine menschliche Fingerspitze braucht, um einen Knopf zu drücken – und sei es ein virtueller Knopf auf einem Touchscreen –, ist nicht beliebig miniaturisierbar. Und Sprachsteuerung hat sich aus naheliegenden Gründen noch nicht durchgesetzt. Man stelle sich beispielsweise ein Großraumabteil in der Bahn vor, in dem eine Kakofonie gleichzeitiger Sprachanweisungen zu hören ist.

An diesem Punkt geht es nicht mehr weiter

Als in den siebziger Jahren die ersten Armbanduhren mit Taschenrechnerfunktionen aufkamen, wurde dazu eine Art Zahnstocher mitgeliefert, der die Bedienung ermöglichen sollte und meist innerhalb kurzer Zeit verloren ging. Seither wogt ein Kampf, der nun in eine entscheidende Phase tritt. Die Ingenieure sind ganz verzweifelt. Sie könnten inzwischen die Tastatur gewissermaßen so klein machen, dass man sie gar nicht mehr sieht, aber das macht keinen Sinn. Die schrittweise Verkleinerung des Computerequipments ist an einem Punkt angelangt, an dem es nicht mehr weitergeht wie bisher.

Der nächste Schritt muss radikal ausfallen: Die Geräte müssen ganz verschwinden. Die Hardware muss verschwinden und nur ihre Funktionen bleiben. Für Unternehmen, die Hardware verkaufen, ist das natürlich ein gewisses Problem. Wobei die Hardware in Wirklichkeit nicht verschwinden, sondern sich nur unauffällig in den Hintergrund zurückziehen wird. Projektionssysteme etwa, die Bildschirminhalte auf eine beliebige Fläche werfen und die Bewegungen der Hand anstelle einer Maus erkennen können, gibt es bereits.

Für das, was man als Nutzer tun möchte, sollte in Zukunft ein smarter Hauch von Licht genügen. Das Netz wird so zu einer neuen Umweltbedingung. Die Möglichkeit, überall und jederzeit in virtueller Form nutzen zu können, was einem zuvor Gadgets eher umständlich geboten haben, wird uns auf ganz pragmatische Weise mit einer Fähigkeit ausstatten, die früher Zauberei hieß. Die Welt wird magisch. Und das Zeitalter der Hintergrund-Hardware wird uns das Glück der freien Hände zurückgeben.

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