Schaulaufen Bis es weh tut

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Premieren
von Rocky und im Palazzo: Im altmodischen Spiegelzelt geht’s sehr modern zu. Beim Musical dagegen beschwört neue Technik die alten Glanzzeiten. Starke Typen agieren hier wie da.

Stuttgart - Hallo Lieblingsmensch. Ein Riesenkompliment, dass du mich so gut kennst“: Zur Vorstellung des neuen A 4 hatten die Audi-Verantwortlichen die junge marokkanisch-deutsche Sängerin Namika nach Stuttgart geholt. Sie sang ihren Nummer-eins-Hit am Donnerstag in der Niederlassung an der Heilbronner Straße, wo 400 Gäste mit Spezialbrillen auf interaktive Probefahrt gingen. Mit der Terminwahl in dieser pickepackevollen Woche tat sich Audi freilich keinen Gefallen: Zwei Premieren und der Landespresseball (siehe Seite 22), da machen selbst die Stuttgarter Party-Hopper schlapp.

Barbara Becker ist mit Rocky groß geworden

Zunächst also „Rocky“: der Schweiß spritzt , das Blut fließt, die Menge grölt. Mit seinem furiosen Finale – der fahrbare Boxring – ist das Stuttgarter Musical wieder bei den Anfängen angelangt: der schwebende Hubschrauber. Mit seiner gewaltigen Bühnenmaschinerie wie einst bei „Miss Saigon“ hat das neue Stück sein Publikum im Griff. „Genial“, hauchten Daniela Katzenberger und Lucas Cordalis nach der Premiere mit 1800 Gästen am Mittwoch. „Genial“, schwärmte auch Schauspieler Sven Martinek, und die „Bachelorette“ Anna Hofbauer (im schärfsten Kleid des Abends) sagte: „Ich bin total geflasht.“ Barbara Becker analysierte etwas genauer: „Die Symbiose von Kampf, vom Wiederaufstehen und Liebe fasziniert mich.“ Die 49-Jährige outete sich: „Ich bin mit Rocky groß geworden. Der Film, das war meine Zeit.“

Als Schmankerl für die Stuttgarter Fans gibt‘s in der neuen Inszenierung einen weiteren Hit aus dem Filmsoundtrack von 1985: Rocky Balboas Angstgegner, Apollo Creed, singt den James-Brown-Klassiker „Living in Amerika“. Davon hätte man gerne mehr gehört. Später, am Stehtisch, bei Hot Dogs, Makkaroni-Auflauf und Cole Slow mäkeln einige Musical-Insider: Bis auf Rocky und seine Freundin Adrian seien alle anderen Rollen wenig reizvoll. „Die Cast hat fast nichts zu tun.“ Dafür hat sie herrlich bunte Kostüme und noch schönere 70er-Jahre-Frisuren.

Die Artisten sind starke Typen

Und dann „Palazzo“: Die Show, mit der das Spiegelzelt in seine zwölfte Stuttgarter Spielzeit gestartet ist, beweist Mut: Sie verzichtet auf die klassischen Varieté-Nummern. Die Artisten sind wie im Titel versprochen „starke Typen“ (oder Frauen): Ob am Vertikaltuch, am Trapez oder in der Kontorsion (Körperverbiegung) zeigt sich geballte Kraft, manchmal, wie bei der Kanadierin Majorie Nantel, bis es weh tut. Dazu kommt artistische Comedy, etwa das Duo Strahlemann & Söhne, Pat Fabio und Gordon Leif, mit ihrem Jonglage-Strip.

Körper, die nur aus Muskeln und Sehnen bestehen und kulinarische Verlockungen auf den Tellern: Das ist der Spagat, den das Publikum aushalten muss. Im Namen von Gastgeber Harald Wohlfahrt verzückt die Küche mit einem sanft geräucherten Eismeerforellenfilet. Nach der lackierten Entenbrust mit Tannenhonig und schwarzem Pfeffer möchte man nie wieder eine andere essen. Und der Cocktail von Zitrusfrüchten mit Grand-Marnier-Milchschaum macht auch notorische Nachtisch-Verweigerer schwach. Wenn jetzt noch der Service stimmt, könnte das Dinnerspektakel die Vorjahreszahlen knacken: In der Saison 2014/2015 wurden 27 000 Gäste im Spiegelzelt gezählt – Besucherrekord.




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