Sportdirektor beim FC Bayern München Warum Hasan Salihamidzic die Ellbogen ausfährt

Von Marco Seliger 

Hasan Salihamidzic geht beim FC Bayern München auf die Suche nach einem neuen Profil – seine Zukunft ist offen.

Hasan Salihamidzic verkörpert plötzlich die Abteilung Attacke. Foto: dpa
Hasan Salihamidzic verkörpert plötzlich die Abteilung Attacke. Foto: dpa

Stuttgart/München - Die Erkenntnis, dass der eigene Sportdirektor kein Praktikant ist und auch mal was sagen sollte, sie kam spät, aber sie kam. Immerhin. Hasan Salihamidzic, seit Profizeiten Brazzo, das Bürschchen genannt, ist jetzt ein echter Kerl. Oder soll es zumindest sein. Zwei Bundesliga-Spiele hat der FC Bayern München noch vor der Winterpause, um den Rückstand auf den Spitzenreiter Borussia Dortmund zu verkürzen: eins gegen RB Leipzig am Mittwoch und eins bei Eintracht Frankfurt am Samstag

Die Aufholjagd des Hasan Salihamidzic (41) läuft schon ein bisschen länger.

Seine Pfade waren ja lange recht unergründlich, weil er selbst kaum bedeutende Dinge sagte und andere kaum über ihn sprachen. Was macht der eigentlich, und was hat er neben oder besser unter Hoeneß und Rummenigge überhaupt zu sagen? Das waren, wenn überhaupt, die Fragen, die sich nicht wenige Experten stellten.

Jetzt ist der Bosnier in der Spur. Zumindest nach außen hin, wie das im großen Zirkus Profifußball bei der größten deutschen Attraktion FC Bayern offenbar vonnöten ist. Man muss Zeichen setzen. Man muss sich profilieren und Respekt verschaffen, nach außen und nach innen, so läuft das in der Ellbogengesellschaft an der Spitze der Liga. Salihamidzic kann seine Arme jetzt auch ausfahren, er zeigt Kante, wie das dann so schön heißt. Er wird jetzt zumindest ernsthaft wahrgenommen.

Kehrtwende im Hauruckstil

Wobei es nicht so ganz klar ist, ob er dabei selbst die Initiative ergriff. Oder obUli Hoeneßund Karl-Heinz Rummenigge das Ärmchen von Brazzo packten und ihm zeigten, wie man damit schön austeilen kann. „Er hat jetzt Mut, wirklich sehr offensiv nach vorne zu gehen. Das gefällt mir natürlich besonders gut“, sagt Hoeneß, der Präsident. Rummenigge, der Vorstandschef, hatte jüngst betont, dass sich der Sportdirektor „ein Stück weit profilieren soll und muss“. Lustig in diesem Zusammenhang sind die Szenen auf der legendären Münchner Pressevernichtungskonferenz, als der arme Salihamidzic vor ein paar Wochen am Rand neben Hoeneß und Rummenigge saß und sich auch da sehr wohl schon profilieren wollte, ganz allein und aus freien Stücken. Als Brazzo aber das Wort ergriff, schnitt Rummenigge es ihm ab. Und antwortete für ihn. Wenige Wochen später kam dann das Umdenken. Salihamidzic muss jetzt doch bitte auch mal was sagen dürfen und die berühmte Abteilung Attacke verkörpern.

Allein schon diese Kehrtwende im Hauruckstil zeigt die Unruhe und die Ungewissheit, die derzeit über dem FC Bayern schweben. Wann hören Hoeneß und Rummenigge auf? Kommt Oliver Kahn? Und wenn ja, wann? Und wer arbeitet dann unter ihm als Sportdirektor (womöglich Max Eberl)? Der Münchner Umbruch steht zurzeit noch da wie ein großes Fragezeichen – es gibt keine konkreten Antworten.

Da tut es Hoeneß und Rummenigge offenbar gut, dass sie Salihamidzic in diesen Zeiten zumindest übergangsweise als Mann mit klaren Ansagen vorschicken können; und sei es nur deshalb, um über ihn ein paar kernige Aussagen in der Öffentlichkeit platzieren zu können, die von sich selbst und den lästigen Zukunftsfragen ablenken. Dabei weiß dieser Salihamidzic ja selbst noch nicht genau, wie es mit ihm mittelfristig weitergeht. Der Mann, der kürzlich im neuen Attackemodus behauptete, bei Bayern schon jetzt mehr bewegt zu haben als seine Vorgänger Christian Nerlinger und Matthias Sammer, der seinem Trainer Niko Kovac zuletzt in der Beurteilung der Leistung des Teams widersprach, schielt dem Vernehmen selbst auf einen Posten als Sportvorstand. Der Bosnier kommt aus der Deckung – vielleicht auch mit dem Mute der Verzweiflung.

Als Spieler erreicht Salihamidzic alles

Die Bayern bemühen sich um Oliver Kahn, Salihamidzic sagt dazu dies: „Mit Olli zusammenzuarbeiten kann ich mir natürlich vorstellen. Aber für mich kommt es überhaupt nicht infrage, unter einem Sportvorstand zu arbeiten.“ Wenig später übrigens ging Salihamidzic nach seinem Angriff wieder in Deckung, er sagte, dass er auf gar keinen Fall jemanden persönlich habe angreifen wollen. Seine Offensivtaktik scheint noch nicht austariert zu sein. Klar ist: So unklar der Weg des FC Bayern in die Zukunft ist, so unklar ist auch der Weg des aktuellen Sportdirektors, der ja nur deshalb zum Zug kam, weil sich ein gewisser Philipp Lahm genau das nicht antun wollte, was der ehemalige Profi, Sympathieträger und Markenbotschafter des Clubs seit seinem Amtsantritt als Sportdirektor Ende Juli 2017 bisweilen erleben musste: zwischen den Alphatieren Hoeneß und Rummenigge ein kleines Licht im Rudel zu sein. „Neben Hoeneß ist erst mal kein Platz für mich“, sagte Lahm damals zur Begründung seiner Absage – und lag damit wohl goldrichtig. Auf fast schon rührende Art drängen die beiden Chefs den Ersatzkandidaten Salihamidzic nun ins Rampenlicht. Wie lange er dort auf mittelfristige Sicht noch stehen wird, ist offen.

Als Profi traute man dem Dauerläufer beim FC Bayern erst wenig zu – das Bürschchen erreichte dann alles: Champions-League-Sieger 2001 als Stammspieler, solche Sachen. Ob er es als Funktionär ähnlich weit bringt, wird sich bald zeigen.