Stay-at-home-Challenge der Stuttgarter Clubs „Zur Sonnenfinisternis hat man uns die Radio Bar leer getrunken“

Von Uwe Bogen 

In der Radio Bar hat Thomas Tuchel, heute Trainer von Paris Saint-Germain, gejobbt, um sein Studium zu finanzieren. Zwischen 1996 und 2000 ging’s im ehemaligen Radio-Barth-Haus hoch her. Erinnerungen an eine besondere Zeit.

An der langen Theke der Radio Bar  im Jahr 2000:   Die Lampe  hängt heute im Marshal Matt. Foto: Silke Heyde/Kraufmann 10 Bilder
An der langen Theke der Radio Bar im Jahr 2000: Die Lampe hängt heute im Marshal Matt. Foto: Silke Heyde/Kraufmann

Stuttgart - Als zwei Buchstaben an zentraler Stelle von Stuttgart fielen, wurde die deutsche Hip-Hop-Metropole im Süden der Republik noch stärker. Dort, wo die Vorwahl 0711 zum Markenzeichen geworden war, gab’s nun einen kulturellen Treffpunkt für Rapper aller Art, aber auch für junge Kreative, die über den Kesselrand hinausblicken konnten. Ein paar clevere Typen hatten zwei Buchstaben des Firmenschilds Radio-Barth am Rotebühlplatz abgeschraubt – die Radio Bar entstand, die für vier schnelle Jahre den Takt im Stuttgarter Nachtleben vorgeben sollte.

Einer der abschraubenden Typen war Carlos Coelho. Der Höhepunkt in der relativ kurzen, aber intensiven Radio-Bar-Zeit war für ihn die Nacht vor der Sonnenfinsternis im Jahr 1999. „Die schiere Menge an Menschen hat uns einfach leer getrunken“, erinnert sich der Wirt in der Stay-at-home-Challenge der Stuttgarter Clubs.

„Wo sie einst an Blockflöten kamen, hatten sie Sex auf’m Klo“

Nicht wenige, weiß Carlos Coelho, kannten das ehemalige Radio-Barth-Gebäude, in dem sie nun feierten, aus ihrer Kindheit recht gut. In einem Film über diese Zeit bringt er es auf den Punkt: „Dort, wo sie einst an ihre Blockflöten kamen, hatten sie nun Sex auf dem Klo.“

Ein Glücksfall für ehrgeizige und aufstrebende Gründer war der Leerstand des Radio-Barth-Hauses. Nach der Insolvenz des 1878 gegründeten Musikhauses, das 1966 den Neubau am Rotebühlplatz bezogen hatte, wusste niemand, was aus dem wuchtigen Klotz mit dem groben Waschbeton werden sollte. Für eine ganze Generation befand sich hier das Tor zu einer neuen, verheißungsvollen Welt aus Pop und Rock..

Bevor Investoren zuschlagen konnten, ließ die Stadt junge Firmen wie das 0711-Büro, die Kolchose und die Modelagentur Brody für wenig Mietgeld einziehen. Der deutsche HipHop hatte einen neuen Mittelpunkt. Im Erdgeschoss befand sich die Radio Bar, darüber machten junge Startups ihre Geschäfte. Der kreative Schub endete im Jahr 2000, als der Abriss eines Gebäudes begann, das nicht zu den architektonischen Glanzpunkten der Stadt zählte, aber trotzdem noch heute von vielen vermisst wird – wegen seiner inneren Werte.

Tuchel kündigte, als Ulm in die erste Liga aufstieg

Carlos Coelho war es, der einen jungen Studenten als Thekenkraft einstellte. Sein Name: Thomas Tuchel, heute ist er Trainer Paris Saint-Germain. „In der Radio Bar habe ich mein Studium mitfinanziert“, erzählte er später, „dort war es egal, dass ich schon mal Fußballer in der zweiten Liga war.“ Als Ulm 1999 in die erste Liga aufstieg und Tuchel in dieser Nacht Bardienst hatte, kündigte er. „Plötzlich war ich sauer auf das Schicksal, weil mein Lebenstraum Profi an mir vorbeigegangen ist“, teilte er Jahre danach mit.

Ein Designer hat sich Stadtgeschichte für daheim gesichert: Im Wohnzimmer von Ufuk Akci hängen die roten Buchstaben „farbe“ an der Wand. Sie stammen von der Reklameschrift „Farbfernsehen“, die – wie auf alten Fotos zu sehen – ganz oben am Radio-Barth-Gebäude neben dem Namen „Grundig“ prangten.

Erinnerungen an eine große Zeit verjähren nie

Als das Gebäude im Jahr 2000 abgerissen wurde, spendierte Akci den Bauarbeitern einen Kasten Bier. „Das motivierte sie so sehr, dass sie mir die Buchstaben runtergetragen haben“, erzählt er. Mehrere Fahrten im Fiat Uno waren nötig, um alles abzutransportieren. Was die restlichen Buchstaben betrifft, glaubt er, dass diese heimlich nachts entfernt wurden. Nichts Genaues weiß man nicht. Aber so oder so: Verjährt ist die nicht genehmigte Mitnahme von Lettern längst – nie aber verjähren die Erinnerungen an eine große Zeit.

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