Die Berufung des 55-Jährigen zum neuen Bundeslandwirtschaftsminister macht Menschen mit Zuwanderungsgeschichte Mut – ungeachtet von politischen Differenzen und Standpunkten.

Lokales: Jan Sellner (jan)

Stuttgart - Die Berufung des Grünen-Politikers Cem Özdemir (55) zum künftigen Bundeslandwirtschaftsminister stößt in der türkischen Community in Stuttgart auf ein positives Echo. Gökay Sofuoglu, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde, postete ein Foto, das ihn und Özdemir bei einer Begegnung 1994 in Ludwigsburg zeigt. In jenem Jahr zog Özdemir erstmals in den Bundestag ein. „Seither begleite ich seine Arbeit“, erzählt Sofuoglu, „ich kenne auch seine Eltern und war bei deren Beisetzung dabei.“ 1994 waren sie die ersten Gratulanten.

Sein Direktmandat widmete er der ersten Gastarbeiter-Generation

Trotz einiger politischer Differenzen schätze er Özdemir als engagierten Politiker sehr, betont SPD-Mitglied Sofuoglu: „Er sagt, war er denkt und setzt sich mit seinen Argumenten durch.“ Auch wenn Teile der türkischen Community seine Politik nicht mögen würden und er von manchen Medien in der Türkei als ,Verräter‘ angesehen werde, sei der in Bad Urach geborene Özdemir für viele Türkischstämmige ein wichtiges Vorbild, findet Sofuoglu. Als Kind einer Gastarbeiterfamilie habe er vieles erreicht. „Künftig wird es selbstverständlicher sein, dass Menschen mit Zuwanderungsgeschichte Aufgaben jenseits des Themas Integrationspolitik übernehmen“, betont der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde. Landtagspräsidentin Muhterem Aras und Finanzminister Danyal Bayaz (beide Grüne und türkischstämmig), hätten dies in Baden-Württemberg schon gezeigt. In einem Interview mit unserer Zeitung nach der Bundestagswahl hatte ausdrücklich Özdemir betont: „Mein Direktmandat widme ich der ersten Generation der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, die hier ins Land gekommen sind, hart gearbeitet und zu unserem Wohlstand beigetragen haben.“

„,Endlich‘ – nach mehr als 60 Jahren Migrationsgeschichte“

Bei der Bundestagswahl am 26. September hatte Özdemir das Direktmandat im Stuttgarter Wahlkreis I gewonnen und war landesweit Stimmenkönig geworden. Seine Nominierung sei auch für Stuttgart ein gutes Zeichen, meint Sofuoglu. Von manchen werde er schon als möglicher Nachfolger von Ministerpräsident Winfrid Kretschmann gehandelt: „Ehrlich gesagt, ich kann es mir sehr gut vorstellen, auch wenn ich mir eine starke SPD im ,The Länd‘ lieber wünschen würde.“

Positive Resonanz kommt auch aus dem Deutsch-Türkischen Forum in Stuttgart. Geschäftsführer Kerim Arpad freut sich über die Berufung Özdemirs nach eigenen Worten sehr: „,Endlich‘, habe ich mir gedacht, denn auch nach mehr als 60 Jahren deutscher Migrationsgeschichte und vieler aussichtsreicher Lebensläufe in der Politik, durfte bisher noch nie ein Nachkomme von Einwanderern am Kabinettstisch einer Bundesregierung Platz nehmen.“ Darin drücke sich Anerkennung für Özdemirs langjährige politische Arbeit aus, meint Arpad: „Es ist aber auch ein wichtiges Zeichen für uns Bürgerinnen und Bürger, egal ob wir ,schon immer‘ hier leben oder zugezogen sind. Es zeigt: Vielfalt ist in Deutschland Normalität, Herkunft muss kein Manko für Teilhabe sein.“