Straßenzeitung in Stuttgart Pandemie reißt finanzielle Löcher ins „Trottwar“

Die Straßenzeitung „Trottwar“ ist in finanziellen Schwierigkeiten. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Die Straßenzeitung „Trottwar“ ist in finanziellen Schwierigkeiten. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Stuttgarter Straßenzeitung kämpft gegen die sozialen Folgen von Corona und gegen gesunkene Verkaufszahlen.

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Stuttgart - Die Corona-Maßnahmen haben der Straßenzeitung „Trottwar“ schwer zugesetzt: „Vor der Pandemie lag unsere Auflage bei rund 30 000 verkauften Exemplaren“, berichtete der Trottwar-Verwaltungsleiter Martin Grunenberg in der vergangenen Sitzung des Bezirksbeirats West. Mit Beginn der Pandemie brachen die Verkaufszahlen ein. Etwa 5000 bis 6000 Exemplare weniger als vorher bringe man pro Ausgabe unter die Leute: „Auf dem Niveau dümpeln wir herum, wir kommen einfach nicht wieder auf die Zahlen von zuvor“, sagt Grunenberg auf Nachfrage unserer Zeitung. Natürlich gebe es nach wie vor das Klientel der Stammkäufer, aber es würden in den Innenstädten nach wie vor Touristen als Abnehmer fehlen.

Hinzu kommt: Publikumsträchtige Großveranstaltungen wie der Cannstatter Wasen, Wein- und Stadtteilfeste fallen als Besuchermagnete und für den Verkauf immer noch weg. Unterm Strich heißt das: Der Job ist für die rund 170 Verkäuferinnen und Verkäufer, die die Zeitung in Stuttgart und der Region unters Volk bringen sollen, seit der Pandemie schwerer geworden. Aber nicht nur der Zeitungsverkauf leidet enorm. Auch das Pfandprojekt am Flughafen läuft nur noch auf Sparflamme. Statt mehrere tausend Flaschen am Tag landet nur noch ein Bruchteil in den Sammelbehältern, die der Verein dort installiert hat. Ob die Fluggastzahlen jemals wieder das alte Niveau erreichen werden, steht in den Sternen.

„Wir sind die größte unabhängige Straßenzeitung“

„Trottwar“ existiert seit nunmehr 27 Jahren. Die Straßenzeitung ist kein Sozial-Unternehmen, sondern agiert als gemeinnütziger Verein. Der Sitz ist in der Stuttgarter Falkertstraße 56. Inzwischen gibt es auch zwölf Verteiler-Außenstellen. „Trottwar“ wird bis nach Ulm und Heidelberg geliefert und verteilt. „Wir sind die größte unabhängige Straßenzeitung“, sagte der stellvertretende Geschäftsführer im Bezirksbeirat. Man wolle auch in Zukunft unabhängig bleiben und nicht Teil eines Arbeitshilfeträgers werden. Die meisten Verkäufer bei „Trottwar“ arbeiten als freie Mitarbeiter: Das heißt, die Frauen und Männer in den roten Überwürfen zahlen selbst 1,40 Euro pro Exemplar und verkaufen die Straßenzeitung für 2,80 Euro weiter. Die Differenz in Höhe von 1,40 Euro ist ihr Honorar. Andererseits bietet der Verein den freien Verkäufern, die sich bewährt haben, nach einer Probezeit eine Festanstellung an. Eine solche Anstellung biete den Vorteil, dass die Verkaufenden regulär sozialversichert seien, betonte Grunenberg. Wichtig sei aber, dass die Arbeitsverträge so gestaltet werden, dass die Festangestellten nicht schlechter dastehen als die freien Verkäufer. „Für den Verein entstehen dadurch zusätzliche Kosten durch die Sozialabgaben, den bezahlten Urlaubsanspruch und das 13. Monatsgehalt.“ Zwei zusätzliche Stellen für Verkäufer würde „Trottwar“ gern schaffen. Ohne finanzielle Unterstützung der Stadt sei das aber schwer zu realisieren.

Kommt Geld von der Stadt?

Der Verein sucht daher in dieser prekären Lage neben Geldern von Sponsoren nach weiterer finanzieller Hilfe. „In der Vergangenheit haben wir nie Geld von der Stadt gebraucht“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer von „Trottwar“. Darauf sei man stolz. Doch nun wolle man erstmals um eine Unterstützung aus dem Etat der Kommune bitten. Insgesamt hat der Verein eine Geldspritze in Höhe von 150 000 Euro beantragt. Mit der Gesamtsumme könnte eine Sozialarbeiterstelle für das Projekt (72 800 Euro), die Mehrkosten für zwei festangestellte Verkäufer (20 000 Euro) und eine Teilzeitstelle für die Öffentlichkeitsarbeit (54 600 Euro) finanziert werden. Allen Fraktionen im Gemeinderat sei der Antrag zugegangen, einige Parteien hätten auch bereits grundsätzliche Unterstützung signalisiert, so Grunenberg.

Ob sich eine Mehrheit dafür ausspricht und der politische Wille angesichts hunderter anderer Projekte stark genug ist, die Finanzierung der Personalstellen im kommenden Doppelhaushalt unterzubringen, müssen die Etatberatungen erst noch zeigen.

Die Mitglieder des Bezirksbeirats Stuttgart-West würdigten jedenfalls schon mal die Arbeit des Straßenzeitungsprojektes. Das Gremium unterstützte daher bei der abschließenden Abstimmung das Anliegen und den Antrag einstimmig – bei zwei Enthaltungen.




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