InterviewStuttgart als Zielort bei Deutschland-Tour „Es tut gut, nicht nur Autostadt zu sein“

Von Jochen Klingovsky 

Der frühere Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer ist sicher: Zielort der Deutschland-Tour 2018 zu sein, bringt Stuttgart einen Imagegewinn – auch wenn das Verhältnis der Stadt zum Radsport gespalten ist.

Hans-Michael Holczer, der in Herrenberg einen Fahrradladen besitzt, freut sich über die Beliebtheit des Jedermann-Radsports in Deutschland. Foto: dpa
Hans-Michael Holczer, der in Herrenberg einen Fahrradladen besitzt, freut sich über die Beliebtheit des Jedermann-Radsports in Deutschland. Foto: dpa

Stuttgart - Hans-Michael Holczer, der frühere Chef des Radprofiteams Gerolsteiner und Inhaber eines Fahrradgeschäfts in Herrenberg, freut sich auf die Deutschland-Tour in Stuttgart.

Herr Holczer, Sie waren bis 2008 als Chef des Gerolsteiner-Rennstalls viele Jahre lang bei der Deutschland-Tour unterwegs. Was verbinden Sie mit diesem Radrennen?
Für uns war es nach der Tour de France das wichtigste Rennen der Saison. Die Deutschland-Tour hat, zumindest Anfang bis Mitte der 2000er-Jahre, ungeheure Menschen­massen bewegt – vor allem dann, wenn das Fernsehen live übertragen hat.
Wie wichtig ist eine TV-Übertragung für ein Radrennen?
Enorm wichtig. Für die Zuschauerzahl, aber natürlich auch für die Sponsoren. Ich würde sogar sagen: Wenn die Deutschland-Tour 2018 nicht live zu sehen ist, wird es für die Zukunft der Veranstaltung schwierig.
Zunächst mal wird das Rennen 2018 wiederbelebt. Ein gutes Zeichen für den Profiradsport?
Ich sehe die Deutschland-Tour als Teil der hoffentlich stattfindenden Rekonvaleszenz des Profiradsports hierzulande. Aber klar ist: Aus Sicht der ASO, die auch die Tour de France veranstaltet, ist Deutschland einer der Märkte, in denen sich mit einem Rennen Geld verdienen lässt. Die ASO wird im ersten Jahr vielleicht finanzielle Mittel zuschießen, aber sie wird mit der Deutschland-Tour möglichst schnell Gewinn machen wollen – und wenn sie das nicht schafft, wird sie nicht ewig zuschauen.
Was bringt es der Stadt Stuttgart, Zielort der Deutschland-Tour 2018 zu sein?
Einerseits war Stuttgart ja schon öfter Etappenort der Deutschland-Tour, andererseits hat die Stadt seit der WM 2007 ein etwas gespaltenes Verhältnis zum Radsport. Sicher ist, dass es ihr einen Imagegewinn bringt: Es tut Stuttgart gut, nicht nur Autostadt zu sein, sondern auch mal wieder Sportstadt. Die Verantwortlichen haben sich seit einigen Jahren ja doch recht schwergetan, diesem Ruf gerecht zu werden.
Könnte sich Stuttgart so auch für höhere Aufgaben empfehlen?
Wer die ASO kennt, der weiß, dass genau dies die Strategie ist: Es gibt einige Städte, die zum Beispiel Teil der Fernfahrt Paris– Nizza waren und drei Jahre später dann Etappenorte bei der Tour de France. Auch im Falle von Stuttgart könnte die Deutschland-Tour Teil eines vorsichtigen Annäherns sein.
Aus Sicht von Stuttgart also eine sinnvolle Investition?
Es ist aller Ehren wert, zu den ersten Städten zu gehören, die versuchen, die Deutschland-Tour wieder zu etablieren. Zumal Radfahren in Deutschland boomt – auch weil im Radsport der Transfer zwischen Profi- und Hobby-Bereich wesentlich besser gelingt als vielen anderen Sportarten. Der Jedermann-Rennsport ist bei uns ungeheuer beliebt.