Stuttgarter des Jahres Kleider erzählen Geschichten

Marianne Löffler und Elfriede Metzger wissen, dass Kleider mehr als nur Bekleidung sind. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Marianne Löffler und Elfriede Metzger wissen, dass Kleider mehr als nur Bekleidung sind. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Marianne Löffler und Elfriede Metzger haben die Kleiderkammer des Roten Kreuzes in Stuttgart-Vaihingen aufgebaut. Dabei geht es um viel mehr als nur um Jacken und Hosen.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Hilke Lorenz (ilo)
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Stuttgart - Es geht in der ehemaligen Pizzeria an der Schönbuchstraße um viel mehr als nur um gut gebügelte Herrenoberhemden, akkurat zusammengelegte Kinderkleidung oder warme Jacken für den Winter. Darum kümmern sich Marianne Löffler und Elfriede Metzger in der DRK-Kleiderkammer zwar schon auch. Aber das geht ihnen in der Kleiderannahme im Stadtteil Stuttgart-Rohr in ihrem sechsköpfigen Team fast mechanisch von der Hand. Auch wenn es manchmal zugeht wie im Sommerschlussverkauf.

Marianne Löffler und Elfriede Metzger sind Zwillinge und beide Stuttgarter des Jahres 2018. Das ist ein Ehrenamtspreis, den die Stuttgarter Versicherung gemeinsam mit der Stuttgarter Zeitung zum fünften Mal ausgelobt haben und der am 1. April 2019 bei einer Benefizgala im Stuttgarter Veranstaltungszentrum Wizemann offiziell verliehen worden ist.

Oft hängt der Geruch eines ganzen Lebens in den Kleidern

Koffer auf, Kleider raus, riechen, ob sich das weiter verteilen lässt. Oft hängt der Geruch eines ganzen Lebens in den Kleidern, die die Angehörigen bringen, wenn sie die Wohnung der Eltern auflösen müssen. Marianne Löffler und Elfriede Metzger lassen sich nicht anmerken, ob sie die Kleiderspende gleich auf den großen Haufen für den Lumpensammler zur Weiterverwertung werfen, oder ob sie die Kleider für den Laden sorgfältig zusammenlegen oder auf einen Kleiderbügel hängen.

Für den Spender ist es egal. Die meisten von ihnen bringen es nicht übers Herz, die Dinge selbst einfach wegzuschmeißen. Außerdem – und das ist für viele mindestens genauso wichtig – haben sie zwischen den Kleidersäcken noch einmal die Chance, von den ehemaligen Trägern der Kleidung zu erzählen. „Das gehört dazu“, sagt Elfriede Metzger. Manche bringen noch eine Tafel Schokolade als Dank an die Frauen mit. Die Zwillingsschwestern haben die Kleiderkammer, die für den gesamten DRK-Kreisverband Stuttgart zuständig ist, aufgebaut. 37 Jahre ist das jetzt her, sagen die beiden 68-jährigen Frauen stolz.

Vieles in ihrem Leben lief parallel. „Wir sind in Vaihingen geboren, aufgewachsen, hier haben wir gelernt und gelebt“, sagt Marianne Löffler. Mit 16 Jahren sind sie natürlich beide in das Jugend-Rot-Kreuz eingetreten. Ein Sportverein sei für sie nicht in Frage gekommen, sagt Marianne Löffler pragmatisch. In der Landwirtschaft hätten sie genug laufen und sich körperlich betätigen müssen. „Und sehr viel mehr Freizeitangebote hat es nicht gegeben.“ Außerdem sei einer der beiden älteren Brüder schon dort gewesen. Das DRK-Schicksal der beiden Schwestern nahm seinen Lauf.

Die Kleiderkammer ist ein Seismograf der gesellschaftlichen Verhältnisse

Lange ist das nun her. Seit dreieinhalb Jahren ist die Abgabestelle schon in der ehemaligen Gaststätte untergebracht. „Wir kennen viele unserer Kunden schon seit Jahren“, sagt Marianne Löffler. Als sie neulich krank war und an der Tür ein Zettel mit der Aufschrift „Wegen Krankheit geschlossen“ hing, klingelte bei ihr daheim das Telefon, was sie denn habe.

Die Kleiderkammer ist so etwas wie ein Seismograf der gesellschaftlichen Verhältnisse. „Je größer eine Stadt ist, desto mehr Armut gibt es“, sagt Marianne Löffler. Auch im reichen Stuttgart gehören arme Rentner, kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Arbeitslose und Flüchtlinge zu den regelmäßigen Besuchern der Kleiderkammer. Wer kann, der spendet, was ihm die Kleidung wert ist. Die beiden Frauen wissen mit den Jahren genau, wer dazu in der Lage ist.

Mehr zur Auszeichnung Stuttgarter des Jahres finden Sie hier.

Und wenn einer seinen Geldbeutel hinhält und sagt, er habe kein Geld und ein Fünfzig-Euro-Schein blitzt raus, dann sind die beiden Schwestern nicht auf den Mund gefallen und sagen knitz: „Wir können auch wechseln.“




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