InterviewStZ Magazin: Bilkay Kadem und Natalia Wörner „Die innere Mitte ist die wahre Heimat“

Von Joachim Hentschel 

Beide Frauen haben vieles gemeinsam – sie sind Stars, vertreten starke Meinungen und haben eine Stuttgart-Connection. Ein Kennenlerngespräch mit Bilkay Kadem und Natalia Wörner über Heimat.

Bilkay Kadem und Natalia Wörner  haben vieles gemeinsam. Foto: StZ Magazin 4 Bilder
Bilkay Kadem und Natalia Wörner haben vieles gemeinsam. Foto: StZ Magazin

Stuttgart - Bilkay Kadem und Natalia Wörner haben vieles gemeinsam. Sie sind Stars in ihren Jobs, vertreten starke Meinungen und haben eine Stuttgart-Connection. Natalia Wörner ist hier geboren, Bilkay Kadem war Ministerin im Kabinett Kretschmann. Und dennoch ist dies ihr erstes Treffen. Ein Kennenlerngespräch über Heimat.

Natalia Wörner, Bilkay Kadem, wenn Sie gefragt werden: „Woher kommst du?“ – was antworten Sie dann?

Natalia Wörner: „Stuttgart“ natürlich, das ist meine Geburtsstadt. Ich bin zwar schon mit 18 von dort weggezogen, aber ich fühle eine tiefe Zugehörigkeit zu diesem Ort – mit allen guten und schwierigen Aspekten. Ich wollte ja nicht weg, weil es mir dort nicht gefiel, sondern weil da eben ein starker Freiheitsdrang war. Wenn ich heute in Paris oder New York bin, wo ich jeweils lange gewohnt habe, bekomme ich auch heimatliche Gefühle. Aber das ist nichts gegen Stuttgart, Pardon: Bad Cannstatt.

Bilkay Kadem: Wenn ich auf diese Frage „Berlin“ antworte, nehmen mir die Leute das nicht immer ab. Deshalb sage ich oft dazu: „Ursprünglich aus der Türkei“. Von 2011 bis 2016 habe ich ja als SPD-Ministerin für Integration im Stuttgarter Kabinett gearbeitet. Dort galt ich als Berlinerin. Als ich dann zurück in Berlin war, haben viele gesagt: „Die kommt aus Baden-Württemberg.“ Beim Thema Heimat gibt es oft Fremdzuschreibungen, auf die man gar keinen Einfluss hat.

Sie sind mit knapp drei Jahren aus Malatya nach Berlin gekommen. Wie sind Sie als Kind mit der Entwurzelung umgegangen?

BK: Ich bin in Ostanatolien geboren, wo viele ein kleines Häuschen mit Garten hatten und Kinder vor der Tür spielen konnten. Plötzlich fand ich mich in Spandau wieder, in einer Hinterhauswohnung im 4. Stock, ohne Freunde, ohne die anderen Menschen zu verstehen. Den Erzählungen nach habe ich fürchterlich geweint. Es dauerte einige Zeit, bis ich mich an unser neues Leben gewöhnt hatte.

Wie schwierig war es in den 70er-Jahren, sich als junge Türkin in Berlin zu -integrieren?

BK: Der Migrantenanteil in den Schulen war damals noch sehr ausgewogen. Ich hatte viele deutsche Freunde und wurde oft eingeladen. Meine Eltern, die beide Lehrer waren, wollten, dass wir Kinder uns nicht ausgrenzen und nicht negativ auffallen, deshalb hat meine Mutter sehr auf unser Äußeres geachtet, war besonders penibel.

NW: Ich würde mir sehr wünschen, dass wir auch heute, in dieser von Furcht geprägten Zeit, mit unseren Ängsten vor dem vermeintlich Fremden reflektierter umgehen. Vor Kurzem bin ich innerhalb Berlins umgezogen und habe dafür ein Unternehmen beauftragt. Erst während des Umzugs habe ich realisiert, wer der eigentliche Chef der Firma ist: ein ganz feiner, türkischer Herr. „Wenn ich Aufträge vereinbare, schicke ich immer meinen deutschen Vorarbeiter hin“, sagte er zu mir. „Das gibt weniger Probleme.“ Ganz nüchtern, ohne Anklage. Mich hat das um so nachdenklicher gemacht.

Wie stark sind in dieser Hinsicht die Unterschiede zwischen dem als weltoffen bekannten Berlin und der Stuttgarter Gegend?

NW: Die geistige und moralische Emanzipation, die ein Mensch mit den Jahren erlebt, kann überall stattfinden – oder eben nicht. Das würde ich nie von einem Wohnort abhängig machen. Es kommt auf etwas anderes an: Wie neugierig ist man? Geht man mit Fragen auf andere Leute zu? Oder glaubt man schon vorher, alle Antworten zu kennen? Im Grunde geht es um die eigene Offenheit.

BK: Als ich 2011 nach Baden-Württemberg ging, gab es Vorurteile und viel Skepsis. Schließlich kam ich aus Berlin, habe den türkischen Hintergrund, bin eine Frau, gehöre zur SPD. In Baden-Württemberg hatte jahrzehntelang die CDU regiert. So schwierig es manchmal ist: Man darf Vorurteile nicht immer zu persönlich nehmen. Man muss pragmatischer sein, sich mit manchem arrangieren. Und man kann sich Respekt verschaffen, ganz einfach durch gute Arbeit, die allen nützt.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Peter Hauk soll Sie mit den Worten begrüßt haben: „Gehen Sie zurück nach Berlin, wir brauchen Sie hier nicht.“

BK: Ja. Das wurde aber später aus dem Sitzungsprotokoll gestrichen.

NW: Ich habe grundsätzlich Probleme mit der Idee, sich „mit den Umständen zu arrangieren“. Natürlich muss man sich manchmal von bestimmten Dingen abgrenzen, um sich zu schützen. Aber ich würde trotzdem immer die Fragen stellen: Warum klappt die Integration an dieser Stelle nicht? Und wie kann man das ändern?

BK: Man sollte die innere Mitte finden, das ist wahre Heimat. 1999 habe ich privat eine Trennung erlebt und dachte mir anschließend: „Du musst Berlin verlassen.“ Einen Monat war ich in Istanbul, wollte eigentlich dort bleiben. Aber dann merkte ich, dass ich natürlich auch dort unglücklich war. Man nimmt sich ja immer mit, wenn man weggeht. Daher sollte man lieber versuchen, sich nicht von äußeren Faktoren beeinflussen zu lassen. Nur ist das ein sehr langer Lernprozess.

Natalia Wörner, als Schauspielerin reisen Sie viel. Haben Sie immer alle Konflikte von zu Hause im Gepäck?

NW: Nur unglücklich Liebende und Lungenkranke glauben, dass ein Luftwechsel irgendeine Veränderung bringt. Das ist nicht von mir, sondern von Kurt Tucholsky, und es stimmt natürlich. Bei mir ist es sogar wichtig, dass ich mich selbst immer ganz dabeihabe, wenn ich unterwegs bin. Sonst könnte ich in meinem Beruf gar nicht die Leistung bringen, die ich von mir selbst erwarte.

Ist das schon passiert?

NW: Ab und zu, ich bin auch nur ein Mensch. Wenn ich zum Beispiel aus irgendwelchen Gründen zerstreut und innerlich abwesend bin. Ich will zwar keine Klischees kultivieren, aber es ist oft so: Frauen tendieren in schwierigen Situationen dazu, eher die Fehler bei sich zu suchen. Männer jedoch können sich auch dann noch gegenseitig auf die Schultern klopfen und sich feiern, wenn die Dinge überhaupt nicht rund laufen.

Bilkay Kadem, als Sie im Berliner Abgeordnetenhaus saßen, sind Sie 2009 bei den Grünen ausgetreten und zur SPD gegangen. Ist ein Parteiwechsel ein Heimatverlust?

BK: Ich habe das damals nicht kommentiert, weil ich kein Partei-Bashing betreiben wollte und es auch immer noch nicht will. Es gab gute Gründe, zu den Grünen zu gehen und sie später wieder zu verlassen. Wenn Sie fragen, wie es sich anfühlte: So, als wäre ich mit einem Mann zusammen, den ich liebe, aber der mich betrügt. In solch einer Situation weißt du: Du musst gehen.

Natalia Wörner, Sie stehen der SPD nahe. Sind Sie mittlerweile Mitglied?

NW: Meine Lieblingsfrage (lacht). Nein, bin ich nicht.

Sind Sie in einer Community zu Hause?

NW: Das ist man als Schauspielerin automatisch. Im Mai hatte ich beispielsweise Dreharbeiten mit Barbara Auer, Axel Milberg und Heino Ferch, lauter Kollegen, die ich seit den 90er-Jahren kenne. Das ist wie ein Klassentreffen, auf dem man alte Freunde wiedersieht, sozusagen 20 Jahre und zwei Ehefrauen später. Damit bekommt die Arbeit eine stark soziale Note. Man sitzt beisammen und führt die Unterhaltungen weiter, die man im Sommer 1998 in Wien begonnen hat. Ich tendiere also eher zur analogen Community, ganz ohne Social Media.

Haben Sie einen Sehnsuchtsort?

NW: In meinen Gedanken gibt es ein Haus am Meer, das ich noch nicht kenne. Da will ich irgendwann einziehen.

 BK: Ich mache mir keine solchen Vorstellungen mehr. Ich hatte durchaus Zeiten, in denen ich mir überlegt habe, woanders zu wohnen. Einmal war ich mit dem German Marshall Fund für einen Monat in den USA – da habe ich erst so richtig meine Liebe zu Deutschland entdeckt. Auch wenn es seltsam klingt: Ich hatte den Eindruck, dass Minderheiten es in Amerika immer noch viel schwerer haben als bei uns.

NW: Mein 13-jähriger Sohn hat zwei Pässe, er ist Kanadier und Deutscher. Letztes Jahr waren wir in Afrika unterwegs. Als wir nach Kenia einreisten und unser Visum ausfüllen mussten, fragte er mich: „Was soll ich bei ,Nationalität‘ schreiben?“ Ich fragte zurück: „Wie fühlst du dich?“ Und er: „Ich bin doch einfach Europäer.“ Da dachte ich kurz: Irgendetwas haben wir richtig gemacht.

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