StZ Magazin: Cannstatter Volksfest Was, Wasen?

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Das Cannstatter Volksfest polarisiert. Herrscht hier Tradition oder Kommerz? Zählt der Genuss oder der Rausch? Warum man das größte Volksfest im Ländle auf jeden Fall auch 2019 besuchen sollte. Eine Annäherung zum finalen Wasen-Wochenende.

Das Cannstatter Volksfest bestimmt das Stuttgarter Stadtbild – und das sogar zweimal im Jahr. Foto: StZ Magazin /Illu: Anette Nestl
Das Cannstatter Volksfest bestimmt das Stuttgarter Stadtbild – und das sogar zweimal im Jahr. Foto: StZ Magazin /Illu: Anette Nestl

Stuttgart - Das Cannstatter Volksfest polarisiert. Herrscht hier Tradition oder Kommerz? Zählt der Genuss oder der Rausch? Warum man das größte Volksfest im Ländle auf jeden Fall auch 2019 besuchen sollte. Eine Annäherung in acht Antworten.

Über Tradition und die russische Luftschaukel

Wulf Wager, Brauchtumsexperte und Entwickler des Konzepts „Historisches Volksfest“

„Es sind gar nicht die großen, modernen Fahrgeschäfte, die meine Kindheitserinnerungen an das Volksfest ausmachen. Mich hat vor allem das Teufelsrad fasziniert, das es heutzutage nur noch ein einziges Mal in Deutschland gibt. Man musste auf einer sich drehenden Scheibe seine Geschicklichkeit beweisen – ein schönes und wackeliges Vergnügen. Es war schon immer das alte Zeug, für das ich mich begeistert habe. Während der blauen Stunde im Riesenrad sitzen, die Lichter der Stadt sehen, die Ruhe abseits der feierwütigen Masse genießen und in die Ferne blicken. Am Wasen stören mich vor allem die torkelnden Gestalten, die sich schon vor dem Besuch betrinken und dann im Vollrausch über das Gelände jagen. Auch der Lärm in den Zelten ist mir persönlich zu viel. Ich mag es lieber ruhiger. Das historische Volksfest am Stuttgarter Schlossplatz ist ein wahrer Kontrast dazu und findet parallel zum Landwirtschaftlichen Hauptfest statt. Wir wollen den Besuchern die Tradition und Geschichte des Volksfests vermitteln. Mit historischen Schaustellern, Feuerschluckern, einem Flohzirkus und der russischen Luftschaukel, die sogar ein wenig schneller als ein Riesenrad fährt …“

Vielfalt und ein möglicher neuer Rekord

Thomas Fuhrmann hat den in Deutschland wohl ungewöhnlichsten Job. Denn er ist Finanz- und Wasenbürgermeister

Herr Fuhrmann, stört Sie etwas am Volksfest?

Nein, ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Das Volks- und Frühlingsfest haben sich in den vergangenen Jahren zu Publikumsmagneten entwickelt, weil sie allen Altersklassen vielfältige Unterhaltung und Zerstreuung bieten.

Können Sie den Fassanstich-Rekord Ihres Vorgängers, zwei Schläge, brechen?

Beim Volksfest sticht der OB an, ich beim Frühlingsfest. Als früherer Leistungssportler habe ich natürlich den Ehrgeiz, die vier Schläge von Fritz Kuhn und die zwei von Michael Föll zu unterbieten. Aber meine Trainingsgeheimnisse verrate ich nicht.

Haben Sie einen Lieblingsschausteller oder ein Fahrgeschäft, auf das Sie sich besonders freuen?

Als Wasenbürgermeister sind mir alle Schausteller, Fahrgeschäfte und Festzelte gleich wichtig. Diese Vielfalt macht ja gerade den Reiz der beiden Feste aus.

Wie lange wird es den Wasen noch geben?

Madame Odessa, die Wahrsagerin des Wasen

„Das Cannstatter Volksfest wird es für immer geben! Sogar die Münchner kommen lieber nach Stuttgart, weil es familiärer als die Wiesn ist.“

Trachten unerwünscht: Warum lassen Sie denn keine Lederhosen-Dirndl-Träger in die Bars?

Sebastian Heitzmann von der Bar „Ice Café Adria“

„Ganz ehrlich, Trachten passen nicht in unsere Bar – und Schlagermusik schon gar nicht. Wir haben uns bewusst dazu entschlossen, dass Dirndl und Lederhose während der Volksfest-Zeit draußen bleiben müssen. Ich habe wie andere Stuttgarter Clubbetreiber keine Aufkleber am Eingang angebracht, unser Türsteher regelt das. Die meisten Trachten haben sowieso leider nichts mehr mit Brauchtum zu tun.“

Volksfest in Rosarot

Die schwul-lesbische Party „Gaydelight“ ist das jährliche Highlight der Pride-Saison und feiert 2019 ihr 20. Jubiläum auf dem Cannstatter Volksfest. Veranstalter Theo Pagliarucci verrät die drei liebsten Wasen-Hits seines Publikums:

It’s Raining Men – The Weather Girls

I Am What I Am – Gloria Gaynor

YMCA – Village People

Vor dem Wasen ist nach dem Wasen ist vor dem Wasen ist...

Marcus Christen, Abteilungsleiter für die Feste und den Cannstatter Wasen bei der in. Stuttgart Veranstaltungsgesellschaft feiert in diesem Jahr ein ganz persönliches Wasen-Jubiläum

„Die Vorbereitung für das Volksfest läuft eigentlich das ganze Jahr – ein Fest ist vorbei, und schon wird das nächste geplant. Diesen Herbst habe ich mein persönliches Wasen-Jubiläum, und langweilig wird es auch nach 15 Jahren nicht. Bauliche Veränderungen, Optimierungsmaßnahmen und neue Programmpunkte machen das Volksfest jedes Jahr anders. Der Wasen ist ein lebendiger Platz, und wenn ich selbst nach so vielen Jahren darüber laufe und strahlende Gesichter sehe, freue ich mich einfach. Wir wollen den Besuchern jedes Jahr neue Besonderheiten bieten, von den Familientagen über die Umzüge bis zu Ballonfahrten.“

Dirndl oder Lederhose?

Anahita Rehbein, Miss Germany 2018

„Am Wasen trage ich am liebsten Lederhosen, weil sie einfach lässig und cool sind. Trotzdem besitze ich natürlich auch ein paar Dirndl in rot und hellblau – mein liebstes ist schwarz und bestickt. Bei meinen Haaren mag ich es unkompliziert, da ich sie meist offen mit Wellen trage. Schon nach kurzer Zeit wird daraus aber ein Dutt – eine aufwendige Flechtfrisur würde sich also nicht lohnen. Und ganz im Ernst, am liebsten gehe ich wegen den Schokofrüchten auf das Volksfest. Ich muss mir immer Schoko-Bananen und –Erdbeeren besorgen und dann natürlich auch die Fahrgeschäfte ausprobieren. Die Zelte sind nicht so meins.“

Am Wasen kommen einfach alle zusammen

Der Wasenhocker der Stuttgarter Zeitung und Nachrichten, Frank Rothfuss, berichtet seit 25 Jahren über das Volksfest – und kann Micky Krause schon langsam nicht mehr hören

„Das Volksfest ist nicht nur eine Party und Sauferei. Es gibt neun Festzelte und mehr als 300 Betriebe. Das vergisst man gerne. Und es ist Teil meiner Aufgabe daran zu erinnern. Was wäre ein Volksfest ohne Karussells, Wurfbuden, Mandelbrenner, Geisterbahnen? Die Lichter bei Nacht? Die Gerüche, die Geräusche? Übrig bliebe eine Party, bei der man aus großen Krügen trinkt. Das Nervigste sind Gabalier, DJ Ötzi und Micky Krause. Egal in welches Zelt man abends kommt, man gerät in die Dauerschleife der Mallorca- und Oktoberfest-Hits. Auch Junggesellenabschiede sind auch so ein Kapitel für sich. Aber auch das gehört dazu. Das Volksfest ist eben einer der wenigen Orte, wo sich alle treffen. Alte und junge, Halbhöhenlage und Kessel, Flüchtlinge und AfD-Wähler, Putzfrau und Direktor. Wo gibt es das sonst noch?“

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