InterviewTerror in Brüssel „Routine wäre sehr gefährlich“

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Die baden-württembergische Landesvertretung in Brüssel befindet sich lediglich 500 Meter von der Metrostation Maelbeek entfernt, wo am Dienstag ungefähr 20 Menschen durch einen Terroranschlag zu Tode gekommen sind. Gert Jauernig schildert die Lage.

Gert Jauernig arbeitet seit über zehn Jahren in Brüssel in der baden-württembergischen Landesvertretung – einen Morgen wie diesen hat er dort noch nicht erlebt. Foto: StZ
Gert Jauernig arbeitet seit über zehn Jahren in Brüssel in der baden-württembergischen Landesvertretung – einen Morgen wie diesen hat er dort noch nicht erlebt. Foto: StZ

Brüssel – Die Landesvertretung Baden-Württemberg liegt im Herzen des Brüsseler Europaviertels, wo nun die Terroristen zugeschlagen haben. Jährlich finden in dem Gebäude an die 400 Veranstaltungen mit insgesamt bis zu 20 000 Besuchern statt; auch Firmen aus dem Südwesten haben eine Dependance. Gert Jauernig ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Landesvertretung. Er lebt seit über zehn Jahren in Brüssel.

Herr Jauernig, wie ist nach den Anschlägen die Lage rund um die Landesvertretung?
Heute Morgen gegen neun Uhr, als ich im Büro eingetroffen war, kam die Meldung, dass es nach den Explosionen am Flughafen auch in der Metrostation Maelbeek zu einer Explosion gekommen ist. Sie ist etwa 500 Meter von der Landesvertretung entfernt. Ich selbst bin mit dem Bus gekommen und hatte bis dahin den Eindruck, dass der Verkehr vor der Landesvertretung in der Rue Belliard ganz normal lief. Man hat Einsatzfahrzeuge bemerkt und in der Ferne bei der Metrostation die Blaulichter gesehen. Eine Gewissheit über die Anschläge habe ich aber erst im Büro bekommen. Momentan ist die Straße komplett gesperrt – nur noch Einsatzfahrzeuge dürfen durch.
Niemand von Ihnen ist zu Schaden gekommen?
Zum Glück nicht. Von den 29 festen Mitarbeitern der Landesvertretung, den Praktikanten und anderen Kollegen im Haus ist keiner unmittelbar betroffen. Das war auch die erste Frage, die uns aus dem Staatsministerium, dem Büro von Minister Friedrich und vom Personalrat in Stuttgart gleich morgens erreichte. Ich weiß momentan auch von Niemandem, der Augenzeuge der Ereignisse war. Die Leitung der Landesvertretung hat, sobald die Explosion in der Station Maelbeek bekannt wurde, eine Alarmkette ausgelöst. So war relativ schnell bekannt, wer sich wo aufhält. Die Kollegen, die noch zu Hause waren oder gerade aufgemacht hatten, brauchten nicht ins EU-Viertel zu kommen. Wer schon auf dem Weg zur Landesvertretung war, konnte selbst entscheiden, ob er kommt oder umdreht.
Brüssel steht seit Monaten unter Terrorgefahr. Kommt da so schon etwas wie ein Gefühl von Gewohnheit auf?
Ich hoffe nicht, dass es aufkommt. Ein Routineeffekt nach dem Motto „Schon wieder etwas passiert“ wäre sehr gefährlich. Man fährt wohl besser damit, das ernst zu nehmen. Somit fühle ich mich auch in diesem Hause gut aufgehoben.
Wird Brüssel dadurch weniger lebenswert?
Natürlich hat so etwas Einfluss auf das Leben draußen, wenn stets Angst mitschwingt. Schon nach den Anschlägen in Paris hatte ich in den ersten Wochen danach den Eindruck, dass sich die Menschen hier Gedanken darüber machen. Ich hoffe aber nicht, dass es nachhaltig das Lebensgefühl in Brüssel beeinträchtigt.