„Texte von Jacques Brel“ in Zürich Was zählt: Intensität

Von Thomas Rothschild 

André Jung ist ein Künstler der Subtilitäten, der leisen Töne, ein psychologisch versierter Menschendarsteller. Die „Texte von Jacques Brel“ am Schauspielhaus Zürich sind die perfekte Reinkarnation.

So frisch können die fünfziger Jahre sein: André Jung als Jacques Brel Foto: Theater
So frisch können die fünfziger Jahre sein: André Jung als Jacques Brel Foto: Theater

Stuttgart - Zu Beginn hören wir sein wahrscheinlich bekanntesten Chanson: „Ne me quitte pas“. Dann betritt Jacques Brel in der Gestalt von André Jung die dunkle Hinterbühne, steht wie erstarrt da, ehe er den roten Vorhang beiseite schiebt, um sich vor dem imaginären Publikum zu verneigen.

Das Licht geht an. Angekündigt ist ein Jacques-Brel-Stück. Aber es wird nicht einer jener Liederabende, mit denen Solisten und Ensembles überall im Land den garantierten Erfolg einheimsen. Es ist auch kein semidokumentarischer Lebenslauf. Stattdessen: ein von dem Basler Autor Yves Binet aus Interviews mit Brel montierter Monolog.

Auf kleinen Tischen stehen acht altmodische Magnetophone, in die André Jung bis zur Unverständlichkeit leise spricht, um sich danach selbst zuzuhören. Eine Erinnerung stellt sich ein: Vor sieben Jahren hat Jossi Wieler mit eben diesem hochkarätigen Schauspieler „Das letzte Band“ von Samuel Beckett einstudiert.

Ist Frank Castorf mit seinen 65 Jahren oder gar Claus Peymann mit seinen 79 Jahren zu alt fürs Theater? In Berlin mag man sich darüber streiten. In der Schweiz hat man andere Sorgen. Werner Düggelin ist 86 Jahre alt. Seine Landsleute schätzen den verdienstvollen Regisseur, und niemand mokiert sich, wenn er nun mit André Jung ein Einpersonenstück im Schiffbau, der Nebenspielstätte des Zürcher Schauspielhauses, inszeniert.

Und André Jung? Er gehört zu jenen Künstlern, die den Kampf der freien Gruppen gegen das so genannte Stadttheater obsolet erscheinen lassen. Man mag Muttis Maultaschen für das köstlichste aller Gerichte halten, aber die hohe Schule der Kochkunst findet nun einmal unter den Profis statt. So verhält es sich auch am Theater. Die Spitzenleistungen der Schauspielkunst, die sich manifestiert in einem Zusammentreffen von Verwandlungsfähigkeit und Einmaligkeit der individuellen Ausdrucksmittel, trifft man fast ausschließlich an Bühnen des überlieferten Zuschnitts an. Der Luxemburger André Jung ist einer dieser unverwechselbaren Schauspieler. Sein Berufsweg hat ihn an die bestrenommierten Häuser des deutschsprachigen Theaters geführt, auch die Stuttgarter durften ihn gelegentlich bewundern.

André Jung ist ein Künstler der Subtilitäten, der leisen Töne, ein psychologisch versierter Menschendarsteller, dabei immer ein wenig schräg, mit einem Zug ins Melancholische. Da sitzt er still, hört sich selbst, scheinbar regungslos zu, aber man sieht, wie er nachdenkt. Er packt Kleidungsstücke und Bücher in antiquierte Koffer und packt sie wieder aus. Ein Magnetophon macht sich selbständig und gibt das stets gleiche Chanson wieder, und André Jung schaltet es ungehalten ab. Seine Sprache hat nichts Deklamatorisches, kein klingendes Pathos. Er wirkt mit der Beiläufigkeit seiner Handbewegungen wie der schmächtige Bruder von Josef Bierbichler.

Und er sagt, ohne hochstaplerische Bedeutungshuberei: „Was im Leben zählt, ist die Intensität, nicht die Dauer.“ Oder: „Ich rebelliere nicht, ich fechte nichts an, aber ich bin empört.“

Das letzte Wort gehört doch dem Chanson. Es kommt vom Band. Vom echten Jacques Brel. Lang anhaltender Applaus. Für Brels Reinkarnation.

Aufführungen am 19., 21., 23., 29., 30., 31.10., 2., 19., 21.11.




Unsere Empfehlung für Sie