Tourismus im Land Die Alb: Aufwärts als Gratiserlebnis

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Die Schwäbische Alb führt als Tourismusregion bisher ein Schattendasein. Mit einer Gästekarte nach dem Vorbild der erfolgreichen Hochschwarzwaldcard wollen die Gastgeber jetzt angreifen.

Die Burg Hohenzollern gilt als Highlight unter den Zielen auf der Schwäbischen Alb. Foto: Schwäbische Alb Tourismus/Günther Bayerl 7 Bilder
Die Burg Hohenzollern gilt als Highlight unter den Zielen auf der Schwäbischen Alb. Foto: Schwäbische Alb Tourismus/Günther Bayerl

Bad Urach - Die Familie kommt direkt aus den Tiefen der Bärenhöhle. Jetzt betritt sie Burg Hohenzollern hoch auf dem Albtrauf – und muss schon wieder nichts zahlen. Die Gäste aus Kassel, daran erinnert sich die Burgverwalterin Anja Hoppe noch genau, seien die ersten gewesen, die gleich zum Start am 1. Juli die neue Albcard vorgelegt und Einlass erhalten hätten. 32 Euro kostet sonst das Familienticket für den Besuch des Preußenstammsitzes. Zuvor schon hätten sie 12,50 Euro für den Eintritt in die Bärenhöhle nicht zahlen müssen. Wer kann an einem einzigen Urlaubstag schon so viel sparen?

In der Zentrale des Tourismusverbandes Schwäbische Alb sitzt der Geschäftsführer Louis Schumann und verbreitet Optimismus. 125 Attraktionen quer über die gesamte Alb, darunter Thermen, Schlösser oder das Limesmuseum in Aalen, hat er als Kooperationspartner gewonnen, die nun mit der Karte gratis besucht werden können. Das Ganze sei kein Wagnis, sondern eine Chance, ist er überzeugt.

Die Gäste sollen länger bleiben

Tatsächlich ist die Albcard nicht ohne Vorbild im Land. Seit vier Jahren ist die Hochschwarzwaldcard bereits erfolgreich am Markt. Auch sie bietet freien Eintritt in zahlreiche Attraktionen vom Erlebnisbad bis zum Skilift, auch bei ihr ist wie bei der Albcard die kostenlose Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs inklusive. Die Karte sei ein gutes Instrument, um Gäste länger am Ort zu halten und ihnen auch bei schlechtem Wetter etwas zu bieten, sagt Oliver Kreuzer von der Hochschwarzwald Tourismus GmbH.

Doch es gibt einen gewaltigen Unterschied. Der Hochschwarzwald ist ein überschaubares Gebiet mit 17 Gemeinden rund um den Feldberg, die seit Jahrzehnten vom Tourismus leben. Die Schwäbische Alb steht hingegen bisher vor allem im Fokus von Tagesgästen. Für den Tourismus ist sie weitgehend unerschlossen. Hinzu kommt: das Verbandsgebiet ist riesig. Es erstreckt sich über zehn Landkreise und den Stadtkreis Ulm, das entspricht einem Viertel der gesamten Landesfläche. „Wir hatten hier eine ganz andere Vernetzungsherausforderung“, sagt Schumann.

Schlechter Start wegen Corona?

Drei Jahre dauerten die Vorarbeiten. Jetzt beteiligen sich 120 Hoteliers, Campingplatzbetreiber und Ferienwohnungsvermieter. Sie geben die Karten als Bonus an ihre Gäste aus und zahlen im Gegenzug eine Umlage, die an die Kooperationspartner je nach Nutzung ausgeschüttet wird. „Als kritische Masse für den Anfang ist das nicht schlecht“, sagt Andreas Braun, der Chef der Tourismus-Marketing GmbH Baden-Württemberg. Das gilt umso mehr, weil Schumann einige größere Beherbergungsbetriebe wie das Gästehaus Schönblick in Schwäbisch Gmünd mit seinen 400 Zimmern oder das Hofgut Hopfenburg in Münsingen zum Mitmachen bewegen konnte. Von den 5,7 Millionen Übernachtungen im Verbandsgebiet repräsentierten die Teilnehmer immerhin rund 30 Prozent, schätzt Schumann.

Nach der ursprünglichen Planung hätte die Albcard schon im April erstmals ausgegeben werden sollen. Der Corona-Ausbruch und der verfügte Lockdown machten auch hier einen Strich durch die Rechnung. Von denkbar ungünstigen Startbedingungen möchte Schumann dennoch nicht reden. „Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass wir gerade jetzt an den Markt kommen.“

Neue Gästegruppen

Was er meint, kann Gerhard Mayer erklären. „Eigentlich dachten wir, das ist nichts für uns“, sagt der Inhaber von Mayers Waldhorn in Kusterdingen bei Tübingen. Unter der Woche kamen viele Geschäftsreisende, am Wochenende gastierten Paare, die ihre studierenden Kinder in Tübingen besuchten oder sich für kulturelle Veranstaltungen in Stuttgart interessierten. Durch Corona blieben diese Gruppen plötzlich weg, und bei den Mayers reifte der Gedanke, sich breiter aufzustellen und die Alb stärker in den Blick zu nehmen. „Jetzt machen wir doch mit. Man muss alle Strohhalme ergreifen“, sagt der 68-jährige Hotelier. Es mag nicht nur an der Karte liegen, aber es ist wirklich so: „Gerade haben wir das Haus voll mit Urlaubsgästen.“

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