Tübinger Volkskundler Hermann Bausinger „Ein Stück weit bin ich jetzt heimatlos“

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Sein Büro ist abgebrannt, das Archiv des Ludwig-Uhland-Instituts zum Teil verloren: der 90-jährige Tübinger Volkskundler Hermann Bau singer beklagt Verluste für die Forschung.

Einige  Unterlagen wurden gerettet:  Hermann Bausinger sortiert   Papiere. Foto: Haas
Einige Unterlagen wurden gerettet: Hermann Bausinger sortiert Papiere. Foto: Haas

Tübingen - Ein Brand hat vor Kurzem die Büroräume des Tübinger Kulturwissenschaftlers Hermann Bausinger komplett zerstört. Bei einer Zwangsräumung, die eskalierte, hatte vermutlich der langjährige Hausbewohner Feuer gelegt. Dann stürzte er vom Balkon in den Tod. Das Gebäude, eine Außenstelle des Ludwig-Uhland-Instituts der Tübinger Uni, ist abrissreif.

Herr Bausinger, die Flammen haben fast alle Ihre Unterlagen und Bücher vernichtet. Wie haben Sie den Schock verkraftet?
Mich haben zunächst vor allem die Umstände betroffen gemacht: die Brandstiftung und der Tod eines eigenwilligen Menschen, dem ich fast täglich begegnet bin, und Zerstörung aller von unserem Institut genutzten Räume. Auf den Verlust meiner Materialien habe ich halbwegs gelassen reagiert. Glücklicherweise hatte ich gerade ein Buchprojekt abgeschlossen, eine schwäbische Literaturgeschichte, die mittlerweile erschienen ist. Und in der Regel habe ich auf den Fundus an alten Materialien kaum zugegriffen. Es waren Aufzeichnungen und Texte aus meiner langen Lehr- und Forschungstätigkeit – und man musste lange suchen, um in den hohen Papierstapeln etwas zu finden.
War das Chaos ihr Ordnungsprinzip?
Manchmal habe ich mir vorgenommen, im Büro aufzuräumen. Dazu fand ich aber nie die Zeit. Außerdem war mir klar, dass meine Möglichkeiten angesichts meines Alters sehr begrenzt waren, dass also später das Problem auf die Jüngeren im Institut zukäme. Zu denen habe ich manchmal gesagt: Wenn ich weg bin, organisiert einen Container und bringt das Zeugs auf den Müll.
Wo hat Sie die Brandnachricht erreicht?
Ich war mit meiner Frau im Urlaub bei meiner Tochter in Kapstadt. Das war eine groteske Situation, weil wir am Meer waren und einen Riesenumweg fahren mussten wegen eines Großbrandes. Ein Dorf war gefährdet, es gab Straßensperren. Und dann hören wir vom Feuer in Tübingen.
Einiges konnte noch aus dem einsturzgefährdeten Haus herausgeholt werden. Haben Sie die Kartons schon durchgeschaut?
Mein Terminkalender ist stark angekokelt gerettet worden, da hatte ich wichtige Post einsortiert. Auch etliche Briefe und Manuskripte sind wieder aufgetaucht. Insgesamt konnten drei Tonnen Material aus dem Haus geborgen werden: Hunderte von Tonbänder aus dem Arno-Ruoff-Archiv, die allerdings schon digitalisiert worden waren, auch kartonweise Ordner aus dem Archiv des Ludwig-Uhland-Instituts. Bilanziert werden kann freilich erst, wenn die Brandspuren und die Schäden durch Löschwasser untersucht sind.
Können Sie absehen, was verloren ist?
Viele Materialien und Dokumente des Instituts, zum Beispiel fast das ganze Fotoarchiv. Das ist ein weitreichendes Dilemma für die Geschichte des Fachs, aber auch für künftige Vorhaben. Meine Arbeit und meine Materialien führen ja weit ins Papierzeitalter zurück. Während heute alles in der Cloud oder auf der Festplatte landet, hatte ich vor allem Geschriebenes und Gedrucktes gehortet. Manuskripte, auch für Vorträge, die nie gedruckt wurden. Natürlich auch Korrespondenz. Das ist alles weg. Ich hatte ein wunderbares Sofa. Seit Jahren stapelten sich auch darauf Papiere. Nur eine Ecke war noch frei für Besucher.
Sind sie jetzt heimatlos?
Ein Stück weit ja, auch wenn ich mehrere Heimaten habe. Vor meiner Emeritierung war mein Büro im Tübinger Schloss. Ich war jeden Werktag morgens um acht da, vesperte mittags am Schreibtisch, blieb bis abends. So ein Büro ist ein Geistesraum, eine Geistesgewohnheit. Bei mir gehörte zur Arbeit dieses Milieu. Das gilt auch für die Biesinger Straße, wo mir das Institut freundlicherweise einen Arbeitsplatz bereitgestellt hat – inzwischen sind es fast 25 Jahre dort geworden. Ich habe versucht, die Wohnung in Reutlingen freizuhalten von der wissenschaftlichen Arbeit.
Sie hatten von der Halbhöhe aus einen guten Blick in die Ferne?
Die Aussicht war unübertrefflich. Ich hatte die Schwäbische Alb im Blick bis zur Zol­lerngegend. Durch ein Seitenfenster sah ich die Stiftskirche und das Schloss, ich konnte im Winter kontrollieren, ob jemand in meinem früheren Zimmer arbeitet.
Was hätten Sie mitgenommen, wenn Sie etwas hätten retten können?
Mein Teeservice aus Porzellan, das mir meine Kinder zum Geburtstag geschenkt haben. Es gab längst nicht mehr alle Tassen, es fehlten Untersetzer. Ich bin kein Kaffee-, sondern Teetrinker. Und vielleicht meinen Schreibtisch aus den 50er Jahren. Er war nicht mehr sehr schön, die Platte hätte man mal abhobeln müssen. Aber er hatte zwei Fächer zum Rausziehen, in einem waren Federhalter und andere Schreibutensilien. Auf das zweite Fach habe ich eine Resopalplatte geklebt und darauf früher mittags einen Leberkäsewecken gegessen.
Mit einem Geheimfach?
Ich hatte keines – aber durchaus private Briefe im Schreibtisch, auch meine Gehaltszettel. Ich habe immer alles abgeschlossen und dann den Schlüssel auf den Schreibtisch gelegt. Vorsicht und Misstrauen sind nicht meine starke Seite.
Sie waren über Jahrzehnte Leiter des Instituts für Empirische Kulturwissenschaften. Ein Großteil des Institutsarchivs ist zerstört und damit auch ein Teil Ihres Lebenswerks.
Der Verlust ist gravierend, betrifft aber nicht nur meine Dinge. Das Institut, gegründet im Dritten Reich, gehörte zu den am stärksten vom Nationalsozialismus kontaminierte Bereichen der Universität. Wichtig war die Wegentwicklung von der behäbigen Brauchtumspflege zu modernen Fragen. Wir entwickelten eine Wissenschaft, die vielfältig aufgestellt war: Sie reicht von der Alltagskultur bis zur Erzählforschung, von der Landeskunde bis zur Sozialgeschichte. Alles sollte dokumentiert und festgehalten werden. Da müssen nun erhebliche Abstriche gemacht werden.
Hatten Sie Projekte geplant, die durch den Brand vereitelt wurden?
Ich habe etliche Aufsätze geschrieben, die nie in einem größeren Rahmen veröffentlicht wurden: Aufsätze zu linguistischen Problemen, zum Dialekt, zur Erzählforschung und vieles mehr. Die wollte ich zusammenführen, was vermutlich nicht mehr geht.
Lässt sich ein Emeritus wie Sie noch einmal verpflanzen?
Ich denke schon. Ich will ja nicht zuhause in Rentnerattitüden verfallen und dauernd fernsehen oder Zeitungen lesen. Dem Institut wurden in der alten Augenklinik in Tübingen für einige Monate Räume angeboten. Weiter reichen die Pläne noch nicht.