Handball beim TV Oeffingen Von Schwarzbären und einer Spätzlespresse

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Sie sind in Oeffingen aufgewachsen und haben beim TVOe Handball gespielt. Inzwischen leben Nico Baumgart, Martin Dörnemann und David Steinheiser (früher Monteiro) in den USA. Ob und wann sie zurückkommen werden, steht bei allen in den Sternen.

Nico Baumgart im VfB-Trikot auf der Ladefläche seines Pick-ups. Foto: Privat 3 Bilder
Nico Baumgart im VfB-Trikot auf der Ladefläche seines Pick-ups. Foto: Privat

Clawson/Oeffingen - Kaum einer in den USA, der sich mehr über den Aufstieg des VfB Stuttgart in die erste Fußball-Bundesliga gefreut haben dürfte als Nico Baumgart. „Die Spiele in der zweiten Liga sind schon zu sehr unchristlichen Zeiten bei uns übertragen worden“, sagt der 33-Jährige und lacht. Sonntagmorgens um sieben musste er raus aus dem Bett, wenn er die Auftritte seines Herzensvereins in seiner neuen Heimat Clawson, etwas außerhalb von Detroit im US-Bundesstaat Michigan gelegen, verfolgen wollte. Künftig darf er länger schlafen, weil die Spiele in der ersten Liga später starten.

Wenn Nico Baumgart das Heimweh übermannt, packt er die Spätzlespresse aus

Klar, dass der seit Kindheitstagen eingefleischte Fan ein VfB-Trikot im Gepäck hatte, als er sich im Januar 2017 endgültig über den großen Teich machte – der Liebe wegen. Seine damalige Freundin Haley, die er im Mai 2018 geheiratet hat, hatte er zuvor in Oeffingen kennengelernt – als diese ihre besten Freundin Sara besuchte, die damals bereits mit David Monteiro (heute Steinheiser) liiert war. „Wir haben vier Jahre eine Fernbeziehung geführt“, sagt Nico Baumgart, der kein Geheimnis daraus macht, dass es ein langer und harter Kampf gewesen sei, wo die beiden letztlich zusammen leben würden. Warum die Entscheidung auf die USA fiel? „Meine Frau konnte kein Deutsch, ich einigermaßen gut Englisch“, sagt das Oeffinger Handball-Urgestein und grinst. Seine Eltern hatten damit gerechnet und waren gefasst, als er ihnen seine Entscheidung mitteilte. Bruder Tim, der aktuell die Handballer des VfL Waiblingen in der Württemberg-Liga trainiert, sei weniger begeistert gewesen. Und seine Freunde, allen voran die Handballer des TVOe, waren sich sicher, dass er nach zwei Jahren ohnehin wieder daheim aufschlagen würde. Doch mittlerweile ist Nico Baumgart, der in der IT-Branche arbeitet und sich ab und an im American Football versucht, fast vier Jahre in den USA. Und er fühlt sich immer noch wohl. „Es gefällt mir gut. Und meine Frau ist immer noch sehr nett“, sagt er. Und wenn ihn das Heimweh dann doch einmal übermannt, packt er seine mitgenommene Spätzlespresse aus und macht Spätzle. Oder seine Frau, die als Lehrerin arbeitet, bereitet ihm Maultaschen zu. „Das kann sie inzwischen echt gut“, sagt Nico Baumgart. Und wenn beides nicht hilft, greift er einfach zum Telefon und ruft die Mama an. Die Eltern haben ihn auch schon in seiner neuen Wahlheimat besucht, den Bruder hat er mit dessen Familie auf Jamaika getroffen. Ex-Teamkollege Martin Dörnemann, der mittlerweile in Atlanta lebt, nistet sich ab und an für eine Woche im Haus ein, wenn er geschäftlich in der Gegend von Detroit zu tun hat. Und zur Hochzeit sind einst „mindestens 20 Handballer“ über den großen Teich geflogen. Mit ihnen ist Nico Baumgart immer noch auf diversen Social-Media-Kanälen intensiv in Kontakt.

Vielleicht kommt er als Rentner zurück

Keine Frage: Außer der Familie und den Freunden vermisst er in den USA vor allem den Handballsport. Deshalb wollte er auch Anfang Mai zum Final-Four-Turnier um den Bezirkspokal in die Oeffinger Sporthalle kommen. „Ich hatte das Flugticket schon in der Tasche“, sagt er. Doch das Coronavirus, dessentwegen er zurzeit auch noch im Homeoffice arbeitet, machte ihm einen Strich durch die Rechnung.

Wann und ob Nico Baumgart jemals wieder nach Deutschland zurückkommen wird, steht in den Sternen. Dass er sein ganzes Arbeitsleben in den USA verbringen wird, kann er sich zumindest vorstellen. „Vielleicht komme ich ja mal als Rentner zurück“, sagt er. Dann aber ohne seinen Pick-up. Den hat er sich als Erstes in den USA gekauft. „So einen wollte ich halt schon immer mal haben“, sagt er.

Seit ihm sein Arbeitgeber im Juni 2017 eine Job-Offerte in den USA machte, lebt Martin Dörnemann in Atlanta.

Atlanta/Oeffingen - Erst kürzlich hat Martin Dörnemann Urlaub gehabt, den er im US-Bundesstaat Utah verbracht hat. Dort lebt seine Freundin, eine Universitätsprofessorin, die er im 2500 Kilometer entfernten Atlanta, seiner neuen Wahlheimat, kennengelernt hat. Im Moment ist die Fernbeziehung, die beide normalerweise führen, aber eine ziemlich nahe. „Wegen Corona kann meine Freundin ihre Vorlesungen am Computer halten, von wo aus sie will“, sagt Martin Dörnemann.

Der 2,15 Meter große ehemalige Oeffinger Handball-Torwart, den viele nur „Döner“ nannten, lebt seit Juni 2017 in den USA. Sein Arbeitgeber hatte ihm damals eine Job-Offerte als sogenannter Key-Account-Manager in Atlanta gemacht, die der mittlerweile 34-Jährige gerne angenommen hat – nicht nur weil es beruflich ein schöner Schritt nach vorne gewesen sei. „Ich habe hier tolle Möglichkeiten, die Welt zu erkunden“, sagt Martin Dörnemann. Und so war er denn unter anderem auch schon in Brasilien, in Kanada und in Mexiko. „Es ist überall wunderschön. Die Natur ist sehr beeindruckend“, sagt er.

Martin Dörnemann wohnt in einem Appartementkomplex mit 400 Einheiten

Aber auch in Atlanta gefalle es ihm gut. Die Stadt sei sehr schön und werde „gerade an allen Ecken und Enden aufgemöbelt“. Außerdem sei das Leben dort durchaus noch erschwinglich. „Altanta ist eine Stadt, die man sich leisten kann“, sagt er. Er selbst lebt in einem riesigen Appartementkomplex mit rund 400 Einheiten drei Kilometer östlich von Downtown.

Dass er den Job angenommen hat, hat er bis dahin noch nicht bereut. „Ich genieße die Zeit hier und lerne viele neue Sachen kennen“, sagt er. Golfen und Baseball hat er schon ausprobiert, und auch beim Atlanta-Halbmarathon ist er mitgelaufen. „Die Strecke führte an der Kirche vorbei, in der schon Martin Luther King gepredigt hat“, sagt er. Als passiver Sportler hat er sein Herz an Atlanta United FC verloren. Die Fußballmannschaft wird vom Niederländer Frank de Boer trainiert und spielt seit 2017 in der Major League. „Ich war bestimmt schon zehnmal im Station. Die Atmosphäre mit mehr als 40 000 Zuschauern ist richtig toll“, sagt er.

Der 2,15-Meter-Hüne trifft sich gelegentlich mit Nico Baumgart und David Steinheiser

In der Coronavirus-Pandemie hat sich für ihn beruflich nicht viel geändert. „Ich war auch vorher nicht oft im Büro, sondern bin meist viel unterwegs“, sagt er. Hin und wieder verschlägt es ihn auch nach Detroit, wo sein ehemaliger TVOe-Mitspieler Nico Baumgart lebt. „Ich bin auch schon in den Genuss seiner selbst gemachten Spätzle gekommen“, sagt Martin Dörnemann, der in seinen eigenen Wänden inzwischen zum Brotbäcker geworden ist, nachdem er dem amerikanischen Toastbrot überdrüssig geworden war.

Und wenn er beruflich mal in der Nähe von New York zu tun hat, trifft er sich mit David Steinheiser (früher Monteiro), der dort ganz in der Nähe wohnt. „Wir haben uns schon mal gemeinsam ein Baseball-Spiel der New York Yankees angeschaut“, sagt Martin Dörnemann.

Was seine Zukunft betrifft, hat der 34-Jährige noch keinen Plan. An seinen Job ist er noch zwei Jahre gebunden. Danach sei es gut möglich, dass er in Amerika bleibe. Zumal sein Elternhaus in Oeffingen ja gar nicht so weit weg sei. „Von Haustür zu Haustür brauche ich gerade mal zwölf Stunden“, sagt er. Zum Vergleich: Wer von Stuttgart mit dem Auto nach Sylt fährt, ist elf Stunden unterwegs. Außerdem bekommt er ja auch immer wieder Besuch von seinen ehemaligen Mitspielern. Die haben seinen Wegzug vor drei Jahren zwar bedauert, aber natürlich auch sofort registriert, dass sie eine weitere Anlaufstelle in den USA haben, um Urlaub zu machen. Stefan Straub, Timo Ihring und Jan Stolper waren schon da.

David Steinheiser hat seine amerikanische Frau in Oeffingen geheiratet und lebt jetzt mit ihr im Bundesstaat Pennsylvania.

Walnutport/Oeffingen - Am Ende waren seine Argumente schlicht nicht gut genug, um seine Frau Sara weiterhin von einem Leben in Oeffingen zu überzeugen. Also hat David Steinheiser, der vor seiner Hochzeit noch Monteiro hieß, im Mai 2018 Fellbach hinter sich gelassen und ist der Liebe wegen nach Walnutport im US-Bundesstaat Pennsylvania gezogen. „Meine Frau wollte einfach mal wieder nach Hause, und ich war offen für etwas ganz Neues“, sagt der mittlerweile 36-Jährige, der zuletzt in der dritten Mannschaft des TV Oeffingen beim Trainer Hans Ernsperger Handball gespielt hat. „Ich bin ein Spätberufener“, sagt David Steinheiser über seine Handballkarriere. Denn zuvor hatte er viele Jahre beim TV Oeffingen dem Volleyball gefrönt. „Ich war sogar mal Jugendtrainer von Patrick Köder“, sagt er. 18 Jahre sei das her. Patrick Köder, das nur am Rande, wurde 2015 und 2016 mit dem SV Fellbach Zweitliga-Meister und war lange Jahre einer der versiertesten Zuspieler in der zweithöchsten Spielklasse.

Seine Frau hatte David Steinheiser, der als Projektmanager im Einkauf arbeitet, bereits 2011 kennengelernt. Damals absolvierte er gerade ein Praktikum in Detroit. Später folgte ihm die heute 32-Jährige in den Fellbacher Teilort, in dem sie vier Jahre lang lebten und sich im Mai 2017 im Schlössle auch das Ja-Wort gaben.

Das Eigenheim liegt nahe dem bekannten Appalachian Trail

Vor einem Jahr hat sich das Paar, das einen Hund hat, in Walnutport ein Haus gekauft – nur einem Kilometer entfernt vom bekannten Appalachian Trail, einem etwa 3500 Kilometer langen Fernwanderweg. „Wir wohnen quasi mitten in der Pampa im Nirgendwo“, sagt David Steinheiser. Nicht erst einmal sei ein Schwarzbär am Haus vorbeigelaufen. Der nächste Nachbar hat seine Zufahrt zum Eigenheim zwar direkt neben dem Anwesen der Steinheisers, der Weg ist aber 150 Meter lang. Und zum nächsten größeren Supermarkt sind es zehn Autominuten. Oft kauft das Paar aber auch in den Farmerläden der Amischen, einer täuferisch-protestantischen Glaubensgemeinschaft, ein, von denen es einige in der Nähe gibt. David Steinheiser geht dort gerne hin. Nicht nur weil die Qualität der Waren stimmt, sondern weil viele Amischen auch Deutsch sprechen: „Wenn man ab und an seine Muttersprache hört, ist das schön.“

Vor allem die Natur gefällt David Steinheiser

Gerade die Abgeschiedenheit und die Natur sind es, die der 36-Jährige in seiner neuen Heimat besonders schätzt. Fast jeden Abend schwingen sich seine Frau und er auf ihre E-Bikes und machen eine Tour durch die Felder. „Einfach traumhaft“, sagt der bekennende Fan des VfB Stuttgart, der sich über eine App stets auf dem Laufenden hält, was seinen Fußball-Lieblingsklub betrifft. Selbst hat er mit seiner Frau und Freunden öfter mal Coed-Soccer gespielt, also Fußball in gemischtgeschlechtlichen Teams. Derzeit ruht der Ball aber nicht nur wegen Corona. „Meine Frau hat sich beim Spielen das Kreuzband gerissen“, sagt David Steinheiser.

Dass der Oeffinger die Vereinigten Staaten nicht so schnell wieder verlassen wird, steht fest. „Wir haben uns ja erst vor einem Jahr das Haus gekauft. Da will ich jetzt auch eine Weile darin wohnen“, sagt er. Demnächst wird er mit seiner Frau zu deren Eltern in die Nähe von Detroit reisen und dabei auch bei Nico Baumgart vorbeischauen. Schließlich sind die Ehefrauen der beiden Oeffinger Handballer einst im gleichen Ort im US-Bundesstaat Michigan aufgewachsen und bis heute beste Freundinnen. Gut möglich, dass die zwei Männer dann vor dem Fernseher sitzen und sich gemeinsam ein Bundesliga-Spiel des VfB Stuttgart anschauen werden.




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