Unruhen in der Ukraine Gewaltausbruch in der Ukraine

Von Nina Jeglinski, Kiew 

Nach der Freilassung der Militärbeobachter brechen im Osten und Süden des Landes bürgerkriegsähnliche Zustände aus. Odessa wird zum Zentrum der Zusammenstöße zwischen prorussischen und proukrainischen Kräften.

Moskautreue Aktivisten stürmen eine Polizeistation im südukrainischen Odessa.Prorussische Kräfte stürmen am Sonntag die Polizeistation in Odessa.Prorussische Kräfte stürmen am Sonntag die Polizeistation in Odessa. Foto: AP
Moskautreue Aktivisten stürmen eine Polizeistation im südukrainischen Odessa.Prorussische Kräfte stürmen am Sonntag die Polizeistation in Odessa.Prorussische Kräfte stürmen am Sonntag die Polizeistation in Odessa. Foto: AP

Ukraine - Nach der Brandkatastrophe in der Hafenstadt Odessa mit mehr als 40 Toten sind die Unruhen im Osten und Süden der Ukraine ungezügelt weitergegangen. Die Lage in diesen Teilen des Landes ist unruhig und unübersichtlich. In verschiedenen Orten kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit prorussischen Gruppen und Separatisten.

Dabei entwickelt sich Odessa zu einem weiterem Zentrum der Gewalt. Eine mit Knüppeln bewaffnete Menge stürmte am Sonntag den örtlichen Sitz der Miliz, um moskautreue Gesinnungsgenossen zu befreien. Spezialeinheiten drängten die Angreifer laut örtlichen Medienberichten zunächst zurück. Unter dem Druck der Demonstranten habe die Polizei später zahlreiche Gefangene freigelassen, die nach den jüngsten Unruhen festgenommen worden waren. Augenzeugen sprachen von etwa 30 Menschen.

Unterdessen setzte das Innenministerium seinen „Antiterroreinsatz“ durch die Armee in den Städten Slawjansk und Kramatorsk fort, den die Übergangsregierung in Kiew am 2. Mai begonnen hatte. Slawjansk soll eingekesselt, die Besatzer sollen festgenommen werden; wann es dazu kommt, ist noch nicht absehbar. In Kramatorsk kam es am Samstag zu schweren Auseinandersetzungen der Armee mit Aufständischen. Dabei gab es der ukrainischen Regierung zufolge sechs Tote. Im Stadtzentrum brannten mehrere Fahrzeuge ab, die Rebellen angezündet hatten. Mehrere öffentliche Gebäude wurden besetzt, waren am Sonntag aber teilweise wieder geräumt. Der Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrates der Ukraine, Andrij Parubij, kündigte eine Erweiterung des Militäreinsatzes auf andere Städte an. „Die aktive Phase der Operation wird andauern“, sagte er.

In Mariupol „herrscht die nackte Anarchie“

In der südukrainischen Stadt Mariupol hatten Rebellen am Samstagabend Feuer in der Innenstadt gelegt, Reifen und Fahrzeuge wurden angezündet. Zudem wurde ein Bezirksbüro der Bank „Privat“ angezündet, das Gebäude brannte komplett aus. Die Bank gehört zur Firmengruppe Igor Kolomojskijs, Gouverneur von Dnipropetrowsk. Auch ein Parteibüro der Regierungspartei ist in Mariupol verwüstet worden. Banken, Juweliere, Autohändler und Pelzläden wurden geplündert. „Es herrscht die nackte Anarchie“, schreibt die Tageszeitung „Segodna“. Offenbar wird die unsichere Lage auch von Kriminellen genutzt.

In weiten Teilen der Regionen Donezk und Lugansk scheint die Polizei die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. In Lugansk stürmte am Samstagabend eine Gruppe Bewaffneter eine Rekrutierungsstelle für Wehrpflichtige und nahm Geiseln. In der Stadt wurde auch ein Studentenwohnheim von Separatisten besetzt. Die Studierenden sind derzeit in den Ferien; das leere Gebäude wurde widerstandslos beschlagnahmt, derzeit verhandelt die Hochschulleitung mit den Besatzern. In Kramatorsk fahren öffentliche Verkehrsmittel seit Tagen nicht mehr. Einer der größten Arbeitgeber der Stadt, die NKMZ Maschinenbau, hat seine rund 16 000 Mitarbeiter aufgefordert, zur Arbeit zu erscheinen. In Jenakijewo wurde ein Stahlwerk besetzt, das zur Metinvest-Gruppe des Multimilliardärs Rinat Achmetow gehört. Bilder zeigen, wie Maskierte Fenster und Türen einschlagen. Auf den Aufnahmen ist auch ein Team des russischen TV-Senders NTV zu sehen. Etwa 300 Demonstranten skandierten: „Odessa war nicht umsonst, wir rächen die Verräter.“ Aus Lautsprechern schallten russische Militärlieder und sowjetische Märsche.