US-Fernseh-Duell Trump geht in die Gegenoffensive

Von Sebastian Moll 

Donald Trump versucht seine frauenverachtenden Äußerungen zu verharmlosen und wirft Hillary Clintons Ehemann Bill den Missbrauch von Frauen vor

Schenken sich nichts: Die US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump (Republikaner) und Hillary Clinton (Demokraten) beim zweiten Fernsehduell in St. Louis Foto: AP
Schenken sich nichts: Die US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump (Republikaner) und Hillary Clinton (Demokraten) beim zweiten Fernsehduell in St. Louis Foto: AP

Saint Louis - Die Stunden vor der zweiten TV-Debatte zwischen Hillary Clinton und Donald Trump ließen bereits ahnen, mit welcher Taktik der angeschlagene Präsidentschaftskandidat der republikanischen Partei in den zweiten großen Schlagabtausch mit seiner Gegnerin ziehen würde. Der taumelnde Trump, dem seit der Veröffentlichung seiner prahlerischen Bekenntnisse zu sexueller Übergriffigkeit am vergangenen Freitag selbst die eigenen Parteigenossen den Rücken kehren, würde in die Offensive gehen. Das wurde spätestens klar, als Trump am Nachmittag zu einem Pressetermin lud, bei dem er vier„Opfer“ von Bill Clintons außerehelichen sexuellen Abenteuern aus seiner Zeit als Gouverneur vorführte.

Die Botschaft an die Opposition war klar: Das Haus der Clintons ist zu gläsern, um mit Steinen zu werfen. So war die Stimmung im Hörsaal der Washington University von St.Louis mehr als angespannt, als die beiden Lager zum Showdown aufliefen. Clinton und Trump schüttelten sich nicht sportlich die Hand sondern blieben auf unterkühlter Distanz. Bill Clinton ließ sich mit versteinerter Miene neben Tochter Chelsea in der Loge nieder, nur Meter von den Frauen entfernt, mit denen er einst Affären hatte. Diese wohnten dem Spektaktel auf Einladung von Trump bei – eine Verunsicherungstaktik tief unter der Gürtellinie. Und dann geschah, was so niemand erwarten konnte.

Republikaner schwächt Sex-Vorwürfe ab

Trump implodierte nicht, er demaskierte sich nicht, wie bei der ersten Debatte durch schäumende Attacken und unzusammenhängende Argumente. Stattdessen schlug er sich achtbar, wirkte gefasst und klar und brachte bisweilen sogar Clinton in Bedrängnis. Das Thema des Tages, vorgetragen durch den Moderator Anderson Cooper, handhabte Trump zwar nicht souverän. Aber er schaffte es doch auf wundersame Weise, die potenziell verheerende Kraft auch dieser neuen Enthüllungen abzuschwächen.

Es täte ihm leid, was er da gesagt habe, wiederholte er, aber angesichts der größeren Probleme Amerikas solle man doch von etwas anderem reden. Zudem wisse jeder, der ihn kenne, dass seine Vergewaltigungsfantasien, die in den am Freitag veröffentlichten Bändern zu hören waren , nicht repräsentieren, „wer er wirklich sei“.

Das dürfte nicht viele überzeugt haben, insbesondere nicht die weibliche Wählerschaft. Die meisten Zuschauer stimmten wohl eher Hillary Clinton zu, dass dies sehr wohl den wahren Trump repräsentiere. Und doch hat Trumps Verweis auf die Abwege des Bill Clinton wohl zumindest seine eigenen Anhänger und Parteigänger davor zurück gehalten, ihn endgültig fallen zu lassen.

Clintons E-Mail-Problem

Noch wirkungsvoller war allerdings Trumps Vortrag der email Affäre von Hillary Clinton. Die Affäre ist von Anfang an Kernbestandteil seines Wahlkampfs gewesen, doch nun schaffte Trump es erstmals, Clinton direkt dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei wirkte Clinton defensiv und unsouverän – für die Trump-Anhänger ein klarer Punktgewinn.

Es war nicht die einzige Gelegenheit, bei der Trump während der Debatte – im Stil einer „Town Hall“-Bürgeranhörung abgehalten – Boden gut machen konnte. Seine Kritik der Gesundheitsreform von Präsident Obama und von Hillary Clintons Plänen, sie auszuweiten, wirkte sachlich und sogar fundiert. Und auch in außenpolitischen Fragen, etwa der Syrienpolitik, war Trump weniger hahnebüchen und deutlich konkreter als gewohnt.

Trump verteidigt Islamophobie

Das alles hat gewiss keinen unentschiedenen Wähler auf seine Seite gebracht oder gar einen Hillary-Wähler umgestimmt. Ein „grandioser Sieg“, wie das Trump Lager, inklusive des nominierten Vizepräsidenten Mike Pence verkündete, war es sicher auch nicht. Aber Trump hat es zumindest für den Augenblick geschafft, wie New York Times Kolumnist David Brooks im Anschluss sagte, „die Blutung einzudämmen.“ Trump hat es geschafft, durch seine Strategie der Gegenoffensive seine Kampagne, ein paar Meter vom Abgrund zurück zu rücken.

Zu retten ist Trump allerdings wohl noch immer nicht. Der Eindruck seiner Missachtung, nicht nur für Frauen, sondern auch für die Angehörigen der verschiedendsten Minderheiten, verfestigte sich am Sonntag nur. So entgegnete er einer Muslima aus dem Publikum, die sich über die wachsende Islamfeindlichkeit sorgte, im Grunde, dass er diese Islamophobie für gerechtfertigt halte. Bei manchen seiner Kernwähler mag das noch ankommen. Die Mehrheit der Amerikaner hat von dererlei jedoch genug.




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