Virtuelle Museen in S-Mitte Kartenhaus des Schreckens

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Bei dem virtuellen Rundgang durch die Stuttgarter Gedenkstätte „Hotel Silber“ können die Besucher erfahren, wie die Gestapo im Dritten Reich Stockwerk für Stockwerk Menschen misshandelt hat.

Der Blick in eine Gestapo-Zelle  in der heutigen Gedenkstätte. Foto: /Max Kovalenko
Der Blick in eine Gestapo-Zelle in der heutigen Gedenkstätte. Foto: /Max Kovalenko

S-Mitte - Wer sich auf den virtuellen Rundgang durch das Hotel Silber macht, muss mit der Maus auf eines der Stockwerke klicken. Sie liegen auf einer Schaltfläche wie die Karten eines Spiels aufeinandergestapelt. Der Besucher hat die Wahl, sich mit drei Epochen der heutigen Gedenkstätte für die Opfer der Geheimen Staatspolizei im Dritten Reich zu beschäftigen.

Da sind die unschuldigen Jahre von 1874 bis 1928, in denen der Bau das namensgebende Hotel Silber beherbergte. Sie zeugen vom Glanz der Wilhelminischen Epoche, die unter Fanfaren im Schlamm der Schützengräben des Ersten Weltkriegs versank. 1928 bis zur Zerstörung des Gebäudes bei einem Luftangriff 1944 bezog zunächst die württembergische Polizei und dann die Gestapo Quartier in dem ehemaligen Hotel. Die Gestapo machte das Hotel Silber während des Dritten Reichs zu einem der gefürchtetsten Gebäude Stuttgarts. Politiker und Aktivisten gegnerischer Strömungen wurden dort festgehalten und gefoltert. Viele wurden nach der Tortur auf eine Reise ohne Wiederkehr in die Konzentrationslager geschickt. Der 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtete Zentrumspolitiker und ehemaliger Staatspräsident Württembergs, Eugen Bolz, wurde hier 1933 misshandelt, bevor er in der Festung Hohenasperg eingesperrt wurde.

Denunzierte wurden verhört

Im „Hotel Silber“ wurde auch die Deportation der Stuttgarter Juden in die Vernichtungslager in Osteuropa mitorganisiert. Ebenso diente das Hotel Silber als Zentrale für die Verfolgung der Sinti und Roma im deutschen Südwesten. Auch für sie endete der Leidensweg an der Selektionsrampe in Auschwitz. Aus den vom Deutschen Reich besetzten Gebieten nach Stuttgart verschleppte Zwangsarbeiter wurden gleichfalls vom Hotel Silber aus überwacht und mit Terror überzogen. Letztlich litten auch gewöhnliche „Volksdeutsche“ in der Gestapozentrale, etwa nach einer Denunziation, oder weil sie in irgendeiner Weise Staat und Gesellschaft auffielen und als „Asoziale“ oder „Gemeinschaftsfremde“ in die Vernichtungsmaschinerie gerieten.

Die dritte Nutzung des Hotels Silber für die Stuttgarter Polizei in der zweiten deutschen Demokratie bis 1984 zeugt von unrühmlichen Kontinuitäten der Bundesrepublik in ihren ersten Jahrzehnten mit dem verbrecherischen Vorgängerstaat. In den ersten Jahren der zweiten deutschen Demokratie erschien es Niemandem als unangebracht, ausgerechnet an einem Ort der Verfolgung die Hüter der verfassungsgemäßen Ordnung unterzubringen. Die Besucher können auf dem virtuellen Rundgang exemplarisch etwas über die Schicksale von Menschen erfahren, die aus unterschiedlichen Gründen in das Visier der Gestapo gerieten und Höllenqualen erlitten. Die Facetten des Terrors der Jahre 1933 bis 1945 nicht nur an vermeintlich fernen Orten wie Auschwitz, sondern inmitten der damaligen Stadtgesellschaft werden anhand der Leids der Inhaftierten verdeutlicht.

Der allgegenwärtige Terror wird sichtbar

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