Von Heslach zum Marienplatz Auf dem Fahrrad in die Freiheit

Die ersten Tritte auf dem Rad fühlen sich ziemlich wackelig an. Foto: Zarah Farash
Die ersten Tritte auf dem Rad fühlen sich ziemlich wackelig an. Foto: Zarah Farash

Manche Muslima hat nie Radfahren gelernt, einige, weil sie es nicht durften. Bike Bridge hilft ihnen in Übungskursen in den Sattel. Zahra Farash hat so selbst das Radeln gelernt und unterrichtet nun andere Frauen.

Aus den Stadtteilen: Kathrin Wesely (kay)
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STUTTGART - Ihr erster Ausflug auf zwei Reifen führte vom Schoettle- zum Marienplatz. „Ich habe immer wieder geschrien: Ich kann jetzt Fahrrad fahren, ich kann jetzt Fahrrad fahren! Es war so ein schönes Gefühl.“

Im Sommer 2018 hatte Zahra Farash im Generationenhaus Heslach einen Kurs von Bike Bridge besucht. Die junge Afghanin absolvierte im Haus gerade ihr Freiwilliges Soziales Jahr und packte die Chance beim Schopf, endlich Radeln zu lernen. „Es war immer mein Traum gewesen. In dem Vorort von Kabul, wo wir wohnten, galten für Mädchen und Frauen strenge Regeln. Radfahren war für uns verboten.“ Ihre Familie beschreibt Farash zwar als eher liberal. Doch das konservativ religiöse Milieu dulde nicht, dass einer ausscherte. Fahrradfahren war für sie das Versprechen von Freiheit: „Ich hätte alleine überall hinfahren können und hätte nicht immer meinen Vater fragen müssen, ob er mich hinbringt. Ich habe nicht verstanden, warum das verboten ist und was daran schlecht sein soll.“

Fleiß, Begabung und Ehrgeiz

Ende 2014 ist Zahra Farash mit ihrem Vater und ihrer jüngeren Schwester aus Afghanistan geflohen. 16 Jahre alt war sie. Die zweimonatige Odyssee führte sie zunächst per Flieger in den Iran. „Von da an ging es mit dem Auto weiter und sehr, sehr lange Strecken auch zu Fuß.“ Türkei, Bulgarien, Serbien, Ungarn und zuletzt Deutschland. „Ich hatte nur ein paar Klamotten mitgenommen und ein goldenes Armband, das mir meine Mutter geschenkt hatte.“ Schleuser haben es ihr unterwegs abgepresst. Schließlich kamen die drei in eine Flüchtlingsunterkunft im Stuttgarter Süden. Nach zweieinhalb Jahren wurde ihr Asylantrag bewilligt. Der Rest der Familie, ihre Mutter und ihre zwei Brüder, folgten erst im Jahr 2019 nach.

Für Zahra lief es gut, sie ist fleißig, begabt und ehrgeizig. Sie absolvierte Sprachschule, Hauptschule, Realschule und Abendgymnasium. Seit September 2019 macht die 22-Jährige eine Ausbildung zur Industriekauffrau in einem mittelständischen Unternehmen in Vaihingen. „Ja, ich bin hier glücklich.“ Das Radfahren gehört zu diesem Glück und zu ihrem Alltag. Von ihrem Gehalt hat sie sich ein schickes Modell gekauft. Mit Elektroantrieb? Farash verdreht die Augen. „Ich bin doch jung und fit.“ Sie möchte, dass auch andere Musliminnen diese Befreiung erleben und die alten Verbote, die hier keine Gültigkeit besitzen, abschütteln. Im September wird sie im Generationenhaus Heslach bereits zum zweiten Mal einen Kurs mit anleiten. Der Bezirksbeirat Süd bezuschusst das Projekt. Doch als Farash oder die anderen Trainerinnen im Hof bei der Unterkunft den Kursteilnehmerinnen auf die Räder halfen, erfuhren sie mitunter Häme. „Es gibt auch hier Frauen, die nicht Rad fahren dürfen. Wenn die mir dann sagen: ‚Was macht ihr? Das ist doch verboten‘, werde ich wütend und diskutiere mit ihnen, warum die Religion das verbieten sollte.“

Was hat Radfahren mit Religion zu tun?

Seit April 2018 gibt es jährlich Bike-Bridge-Fahrradkurse in verschiedenen Stadtteilen Stuttgarts. Dahinter steckt der Freiburger Verein Bike & Belong, von dem die Idee stammt. Mit Unterstützung von Unterkünften, Fahrradwerkstätten und Initiativen wurden damals in Stuttgart-Süd und in Bad Cannstatt die ersten beiden Kurse abgehalten. Eine der Teilnehmerinnen war Zarah Farash. 2019 wurde das Kursangebot um zwei weitere Kurse aufgestockt, einer davon fand in Zuffenhausen statt.

Seit vergangenen Sommer hat das Projekt eine neue durchführende Organisation, den Verein Sportkreis Stuttgart mit dem Gemeinschaftserlebnis Sport. Bis zu zehn Teilnehmerinnen werden von etwa sechs Trainerinnen betreut. Die Motivation der Schützlinge sei enorm, sagt Farash, und die Spannbreite reiche vom Teenager bis zur Großmutter. „Vielen geht es gar nicht um sich selbst. Sie wollen aber ihren Kindern das Radfahren lehren.“

Gleichgewicht wird geschult

Wer in Deutschland groß geworden ist, der hat das Radfahren als Kind gelernt, der erinnert sich kaum noch, wie wackelig und unsicher sich das anfühlte. Für Zahra Farash ist die Erfahrung taufrisch, und deshalb weiß sie genau, wie die Angst hochsteigt, wenn man plötzlich allein kippelig auf der rollenden Stellage hockt. „Wir fangen mit Gleichgewichtsübungen an und üben dann erst mal auf Rollern.“ Es folgt das erste Aufsitzen mit Hilfe von zwei Trainerinnen, dann bloß noch mit einer Trainerin und schließlich ohne. Irgendwann folgt die erste Ausfahrt vom Schoettle- zum Marienplatz.




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