Weinanbau auf Sylt Deutschlands nördlichste Rebstöcke

Von Susanne Hamann 

Sylt steht für salzige Luft, Strandkörbe und Fischbrötchen. Wer hätte gedacht, dass auf der nordfriesischen Insel auch Wein wächst? Ein Besuch bei Deutschlands nördlichsten Rebstöcken.

Auf Sylt wächst Wein –  trotz salziger Luft, starken Windes und des  bekannten Schietwetters. Sommelier Nils Lackner begutachtet die  Reben. Foto: Susanne Hamann
Auf Sylt wächst Wein – trotz salziger Luft, starken Windes und des bekannten Schietwetters. Sommelier Nils Lackner begutachtet die Reben. Foto: Susanne Hamann

Westerland/Keitum - Nils Lackner zupft eine Traube ab, quetscht ihren Saft ins Refraktometer und misst mit dem Gerät den Zuckergehalt der Früchte. Etwas mehr als 70 Grad Öchsle liest er ab. „Das ist zu wenig. Wir wollen 90 Grad Öchsle haben“, sagt der 45-Jährige. Noch etwas Glück mit dem Wetter und der Jahrgang 2020 wird vielversprechend – vielleicht sogar besser als sein Vorgänger.

2700 Rebstöcke stehen auf einer 7000 Quadratmeter großen Fläche in der Nähe von Keitum an der Sylter Wattseite, und sie halten einen Rekord: Es ist der nördlichste Platz in Deutschland, an dem Wein angebaut wird. Der Weinberg, mangels jeglicher Steigung ist er mehr eine Weinwiese, liegt auf 54 Grad nördlicher Breite, zehn Meter über Seehöhe.

300 Meter weiter südlich gibt es eine zweite Anbaufläche, direkt neben einem hübschen Reetdachhaus an der Straße nach Munkmarsch und mit Blick auf die Kirche Sankt Severin. Hier finden sich auf 3000 Quadratmetern noch mal 1600 Pflanzen. Die Weinberge liefern pro Jahr je etwa 1000 Flaschen Wein. „Der untere Weinberg ist im Verhältnis ertragreicher, weil er in einer geschützten Kuhle liegt“, erklärt der ausgebildete Sommelier Nils Lackner.

Wanderung durch Wein- und Wattwiesen

Gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin Alessa Pärn (36) bietet er Führungen durch beide Weinwiesen an. „Wir haben das Prinzip der Wattwanderung auf die Reben übertragen“, sagt der 45-Jährige. Das ganze Jahr über wird gewandert, bei jedem Wetter. Danach gibt es eine Weinverkostung, bei der Lackner weitere Sylter Produkte reicht. Die Auswahl ist groß. Auf der Insel werden jede Menge Lebensmittel produziert: Brot, Meersalz, Austern, Käse, Schokolade und sogar Zitronen.

Eine Folge des Klimawandels? Nicht nur. Steigende Temperaturen sind ein Grund, warum sich südliche Gewächse im Norden wohlfühlen. Viel wichtiger: Inzwischen gibt es innovative Züchtungen, die sich auch widrigen Verhältnissen anpassen.

„Der größte Feind des Sylter Weins waren die Touristen: Die Leute haben im Vorbeigehen ganze Trauben abgerissen, um zu probieren. Dann stellten sie fest: Die Beeren schmecken ebenso wie überall auch und haben den Rest weggeworfen“, erzählt Nils Lackner. Zum Schutz wurde die untere Weinwiese daher umzäunt. Der andere Weinberg liegt so versteckt, dass ohnehin kaum jemand vorbeikommt.

„Scheiße statt Schiefer“

Die Anbauflächen gehören unterschiedlichen Besitzern, Nils Lackner betreut beide in touristischer Hinsicht. Der untere Weinberg ist eine Außenstelle des Weinguts Ress aus dem Rheingau, der obere wird von einer Gruppe Autodidakten von der Insel bewirtschaftet. Beide Flächen waren früher Weiden für die Viehzucht. „Als die Weinberge angelegt wurden, bezeichnete jemand das Terroir als ,Scheiße statt Schiefer‘“, erzählt Nils Lackner und lacht. Eine etwas rustikale, aber zutreffende Umschreibung für den Boden aus lehmigem Sand mit hohem Humus­gehalt.

Es ist ein Tag mit typischem Sylt-Wetter: Sonne und Regenwolken liefern sich ein Duell, der Wind pustet ordentlich. Was die Kitesurfer am Weststrand freut, kann doch nicht gut für Reben sein, oder? „Hier wird eine sehr robuste Sorte namens Solaris verwendet“, sagt Nils Lackner. Außerdem halte der Wind Schädlinge ab. Solaris-Trauben sind pilzresistent, treiben spät aus und reifen schnell, dabei bilden sie dennoch reichlich Zucker. „Der Name sagt es: macht aus wenig Sonne viel“, sagt der Sommelier. Ähnliche Weinberge findet man daher auch in Dänemark, Schweden, Norwegen oder Belgien.

Landwein von Deutschlands nördlichster Rebfläche

In der Europäischen Union ist genau geregelt, wo und wie viel Wein angebaut werden darf. Die Fläche ist bundesweit auf insgesamt rund 100 000 Hektar begrenzt. Dass zwischen Nord- und Ostsee überhaupt Weinbau möglich ist, verdankt Schleswig-Holstein den Pfälzern. Das Weinland Rheinland-Pfalz hat 2009 ungenutzte Pflanzrechte für zehn Hektar an den Norden übertragen. Ein Hektar davon befinde sich auf Sylt.

Weitere genehmigte Pflanzungen gibt es zum Beispiel auf der Nachbarinsel Föhr, auf Fehmarn, in Grebin und Malkwitz in der Holsteinischen Schweiz sowie in Westensee und Bargteheide im Herzen des Landes. In den letzten zehn Jahren ist die Anbaufläche auf fast 30 Hektar angewachsen. Rechtlich gesehen sind das aber keine Weinanbau-, sondern Landweingebiete. Die produzierten Weine dürfen nur als Landwein und nicht als Qualitätswein vermarktet werden.

2013 konnte zum ersten Mal eine Weinlese stattfinden. Damit sich das Ergebnis am Ende „Schleswig-Holsteinischer Landwein“ nennen darf, muss die Verarbeitung auch im Land erfolgen. Die Trauben werden nach der Ernte in einer mobilen Kelter gepresst, dann kommt der Wein in Stahltanks. Die Sylter Truppe lagert ihr Produkt auf der Insel, das Weingut Ress kümmert sich um den weiteren Ausbau daheim im Rheingau.

„Sölviin“ heißt der Tropfen der Sylter Weinenthusiasten

„Die Weine sind erstaunlich lecker, was in Proben immer wieder für einige Überraschung sorgt. Spannend ist, dass die beiden Produkte völlig anders schmecken, obwohl die Reben nur 300 Meter Luftlinie voneinander entfernt wachsen“, sagt Nils Lackner. „Sölviin“, so heißt der Tropfen der Sylter Weinenthusiasten, beschreibt der Sommelier als frischer.

Er hat grüne Aromen wie Birne, Stachelbeere oder Quitte und eine florale Grasigkeit. „Söl’ring“ aus dem Haus Ress verfügt laut dem Weinfachmann über eine gelbfruchtige Note aus Pfirsich, reifer Ananas, Papaya und Mango. Dieser Wein schmeckt breiter, opulenter, cremiger und hat eine leichte Rauchigkeit im Abgang. Beide Male also definitiv kein Sauerampfer.

Info: Anreise

Mit dem Zug via Hamburg nach Westerland.

Unterkunft

Das privat geführte Hotel Benen-Diken-Hof liegt im urigen Ort Keitum in Fußweite zu den Weinbergen. DZ ab 340 Euro. Auf Sylt gibt es eine Vielzahl von Anbietern, die Ferienwohnungen vermieten, etwa Sylt-ER.

Aktivitäten

Die Weinerlebnistouren mit Nils Lackner dauern rund 2 Stunden und beinhalten eine Weinprobe und begleitende Snacks, Preis: 89 Euro pro Person, weitere Infos und Buchung unter

Bezugsquellen

Die Sylter Weine kann man online bestellen: im „ Sölviin“-Shop“ und bei Balthasar Ress und unter www.SylterWein.com.

Allgemeine Informationen

Sylt Marketing, Telefon 0 46 51 / 8 20 20, www.sylt.de




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