Weissach Die Siegprämie war schon nach dem Essen weg

Als  einer der ersten hat    Herbert Linge Foto: Bartek Langer
Als einer der ersten hat Herbert Linge Foto: Bartek Langer

Herbert Linge, die 88-jährige Rennsportlegende, plaudert bei den Landfrauen aus seinem Leben. Und er hat wirklich viel Interessantes zu erzählen.

Weissach - Landfrauen und Rennfahrer haben in der Regel nicht gerade viel Gesprächsstoff, läuft man sich mal über den Weg. Doch andererseits ist Vera Härlin keine Frau, die nur mit leeren Worthülsen um sich wirft. „Na, hören Sie mal, bei uns geht es doch nicht nur ums Kochen und Backen!“, tönt die Vorsitzende der Landfrauen-Ortsgruppe Weissach-Flacht. Und so hat der Verein den ehemaligen Porsche-Rennfahrer und Pionier des Motorsports Herbert Linge ins Alte Pfarrhaus einbestellt, der aus seinem Leben auf der Überholspur erzählte. Dass er gekommen ist, lag nicht zuletzt auch daran, dass seine Gattin Lieselotte mehr als 30 Jahre bei den Landfrauen aktiv war.



Ob es ihm denn gelingen würde, die vornehmlich aus Damen bestehende Zuhörerschaft, wie das eben bei Landfrauen so ist, in seinen Bann zu ziehen, daran zweifelte Linge laut eigener Aussage selbst im Vorfeld. „Aber die ein oder andere wird sicherlich einen Enkel haben, der sich für Autos interessiert, und da ist es doch gar nicht verkehrt, wenn man mitreden kann“, befindet der Gast, der keine weite Anreise hatte, lebt er doch nach wie vor quasi um die Ecke. 



Seit Langem wieder volles Pfarrhaus

„So voll war das Pfarrhaus schon lange nicht mehr“, meint eine Dame rechts außen. Kein Wunder. Denn Herbert Linge ist eine echte Rennsport-Legende. Peter Falk, der ehemalige Rennleiter bei der Sportwagenschmiede in Zuffenhausen, sagte mal: „Ohne ihn war und ist Porsche nicht vorstellbar.“ Linge schaffte in seiner Karriere etliche Klassensiege und holte Weltmeistertitel bei GT- und Sportwagenrennen, darunter beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans, bei der Rallye Lüttich-Rom-Lüttich oder bei dem mexikanischen Straßenrennen Carrera Panamericana. 



Ein besonderer Höhepunkt und zugleich der Auftakt zu seiner Rennsport-Laufbahn sei aber das Rennen Mille Miglia durch Italien von 1954 gewesen. „Das war damals eines der schwersten Rennen überhaupt“, sagt er bei Butterbrezeln und Apfelsaft. Am Steuer des ersten 550 Spyder saß der Stuttgarter Hans Herrmann, Linge war Beifahrer. Am Ende ließen sie mehr als 300 Autos hinter sich und wurden als Klassensieger Fünfter. „Als der Hans gefragt wurde, mit wem er fahren will, schlug er mich vor und meinte, ich würde den Wagen in- und auswendig kennen“, erinnert sich der Weissacher. Wenn er alleine stehen bleibe, dann sei Feierabend, habe dieser erklärt.

Und das hatte auch einen guten Grund. Herrmann war gelernter Konditor, Linge derweil Mechaniker. Der Weissacher war schon an der Entwicklung des ersten Serienmodells, dem Porsche 356, beteiligt. Später war er als Mechaniker mit dem Porsche-Rennteam weltweit unterwegs, bevor es ihn selbst ins Cockpit verschlug. „Ich fuhr damals kleinere Motorradrennen beim Motorsportclub Stuttgart und hatte eine Rennlizenz“, berichtet Linge. Und bei den ersten Testfahrten habe man schnell gemerkt, dass er „a bissle mehr kann, als nur herumschrauben“.

Herbert Linge hat viel zu erzählen

Der Rennsport sei ein hartes Stück Arbeit gewesen. „Man war immer für sich selbst verantwortlich“, erzählt er. Da sei er schon mal direkt nach einem 24-Stunden-Rennen in Le Mans mit einem Teamkollegen nach Hause gefahren, weil dieser Nachwuchs erwartet habe. Therapeuten, Manager, das alles habe es zu seiner Zeit nicht gegeben, die Mannschaft sei noch überschaubar gewesen. „Wenn ich heute sehe, was zu einem Renneinsatz unterwegs ist, dann muss ich sagen, das wäre damals die ganze Firma gewesen“, sagt er und grinst.



Linge hat bei dem im Pfarrhaus abgespielten Film viel zu erzählen, deckt dieser doch nur einen Bruchteil seiner bemerkenswerten Karriere ab. „Einmal war ein Politiker aus Guatemala bei einem Rennen in Mexiko in einem Spyder unterwegs, doch bei der zweiten Etappe machte ihm die Hitze dermaßen zu schaffen, dass er das Auto stehen ließ“, erzählt er. Der Rennleiter Fritz Huschke von Hanstein habe dann die Order ausgegeben: „Bei uns bleibt kein Auto stehen, das noch fahren kann!“ Dann musste Linge ran, der eigentlich mit Hans Herrmann fahren sollte. „Ich fuhr 3000 Kilometer und ließ den Piloten kurz vor dem Ziel wieder ins Auto“, berichtet der Weissacher lachend. 



Und einmal musste er sogar in einem Hollywood-Film aushelfen, um Schauspieler Steve McQueen zu doubeln. „Die Versicherung hatte es abgelehnt, dass er ins Auto steigt, und so kam ich zu der Ehre“, sagt er. Dabei habe er bei Porsche nie einen Vertrag als Rennfahrer unterschrieben. „Das ging alles per Handschlag!“, sagt er und meint: „Ich bekam meinen normalen Lohn, und dann gab es eben Preisgelder.“ Üppig seien diese aber nicht gerade ausgefallen. „Nach dem Essen mit der ganzen Truppe war meistens alles wieder weg“, erzählt er und lacht. 



Rennsport als „Meisterprüfung“

Linge war nämlich als Mechaniker angestellt, während er von einem Erfolg zum anderen fuhr. „Mein erlernter Beruf ging immer vor, der Rennsport war für mich der Abschluss der Arbeit, die Meisterprüfung sozusagen“, erklärt der Weissacher, den man mit Fug und Recht „Mann der ersten Stunde“ bei Porsche nennen darf. Er ist nämlich einer der ersten, die dort in die Lehre gingen. „Damals bin ich jeden Tag nach Zuffenhausen geradelt, um das von Bomben zerstörte Werk wiederaufzubauen“, berichtet er und sagt: „Ferdinand Porsche kam täglich in die Werkstatt, um nach dem Rechten zu sehen.“ Und woher die Begeisterung für Autos? „Der Drang, etwas Technisches zu machen, wurde bei mir durch die Mercedes-Silberpfeile geweckt, das war für mich als Kind faszinierend“, erzählt er. Während er bei Porsche beruflich aufstieg, beendete er 1969 seine Karriere als Rennfahrer. 



Klar, dass sich der Ort mit einer Persönlichkeit wie ihm schmücken darf, darauf sind auch die Weissacher und Flachter Landfrauen stolz. Dennoch nimmt sich die Vereinschefin Härlin die Rennfahrer-Legende am Ende zur Brust. „Da hat sich einer beschwert, weil du gar nichts von den Boxenludern geschwätzt hast“, meint sie mit einem Augenzwinkern. Herbert Linge winkt nur entspannt ab. „In unseren Kreisen war das nie ein Thema.“




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