Wird das Steigerlied Weltkulturerbe? Tief im Westen, tief im Osten

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Lange bevor die Einheit da war und trotz unterschiedlicher musikalischer Sozialisation in Ost West: das Steigerlied hatten fast alle drauf: „Glück auf, Glück auf, der steiger kommt...“ Jetzt ist das Lied der Unesco als immaterielles Weltkulturerbe vorgeschlagen worden. Ein kleiner Hintergrund:

Gleich wird gesungen, obwohl Foto: picture alliance / Klaus Rose/Klaus Rose
Gleich wird gesungen, obwohl Foto: picture alliance / Klaus Rose/Klaus Rose

Stuttgart -

Musik bleibt ein Geheimnis – selbst dann noch, wenn sich neben den Fachspezialisten zusätzlich die Neurowissenschaftler und Evolutionsforscher um die Materie eines Lieds, einer Sonate oder einer Sinfonie gekümmert haben. Ein Restmirakel besteht, warum es uns mehrheitlich in den Fingern und Füßen juckt, wenn William Pharell „Happy“ singt, kalt den Buckel herunterläuft, sobald Leon Fleisher Bachs „Schafe können sicher weiden“ am Flügel spielt, oder siedig heiß wird nach den ersten Worten Gerhard Gundermanns: „Hier bin ich gebor‘n, wo die Kühe mager sind wie das Glück …“

Nicht nur ein Kumpellied

Trotz der bis vor dreißig Jahren sehr unterschiedlichen Sozialisation der Deutschen in Ost und West, gab und gibt es ein paar Massen bewegende Standards, die geteilt wurden, lange bevor alles geliked wurde, und dazu gehört unbedingt das so genannte „Steigerlied“. Der Ruhrkohle-Chor von der Zeche Zollverein hat es nun der Unesco als immaterielles Kulturerbe vorgeschlagen: „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt…“ Zwischen Saar und Ruhr, Harz und Erzgebirge kennen diese Zeilen und folgende nicht nur Kumpel, die es unter Tage ja gar nicht mehr gibt. Dafür hat unter anderen Herbert Grönemeyer gesorgt, der in seinen Konzerten gerne vom Steigerlied zu „Bochum“ herübermoduliert. Nicht wenige Augen werden dann definitiv feucht. Die auch allegorische Hymne auf den Bergmann, der in der Nacht sein Licht anzündet, ist leicht zu singen (Umfang: eine Oktave), leicht zu spielen (sechs Akkorde) und historisch tief verwurzelt. Erste Fassungen finden sich in einem Zwickauer Liederbuch von 1531. Von dort aus nehmen Text und Musik über die Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ Gestalt an, durchaus derb im Übrigen am Schluss, wenn der Steiger sein Stamperl ordert: „und saufen Schnaps!“ Wo früher zwei Klarinetten fein „Jetzt gang i ans Brünnele“ für den SDR als Pausenzeichen intonierten, ließ der Saarländische Rundfunk zwei Hörner mystisch aus dem Steigerlied zitieren. Auf Gewerkschaftskongressen wie auf SPD-Parteitagen war es ebenso Pflicht wie bis heute als Aufwärmintro bei Schalke 04 im Stadion beziehungsweise in Aue. Man hört: Am Weltkulturerbe führt kein Ton vorbei.