Zahnradbahngespräch Auf und ab mit Herrn Winkelhock

Ein Rennfahrer wird entschleunigt:  Markus Winkelhock gefällt die gemächliche Fahrt mit der Zahnradbahn. Foto: Baumann
Ein Rennfahrer wird entschleunigt: Markus Winkelhock gefällt die gemächliche Fahrt mit der Zahnradbahn. Foto: Baumann

Im StZ-Zahnradbahngespräch erzählen Prominente aus dem Sport auf dem Weg nach oben von Karrierehöhepunkten, auf dem Weg nach unten von Tiefpunkten. Heute: ein Rennfahrer, der ein schweres Erbe angetreten hat.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Peter Stolterfoht (sto)
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Stuttgart - Markus Winkelhock präsentiert zum Abschied noch einmal sein sympathisches Lächeln und sagt: „Ich schenke Ihnen meine Mütze, sonst werden Sie ja noch ganz nass. Auf, jetzt nehmen Sie sie schon.“ Er schüttelt einem noch herzlich-knackig die Hand, und dann sprintet er los – ohne Mütze und quer über den verregneten Marienplatz in das Supermarkt-Parkhaus, in dem sein Auto steht. So schließt sich der Kreis beim Zahnradbahngespräch mit dem Motorsportler aus Berglen-Steinach bei Winnenden. Zwei Stunden zuvor beginnt die Unterhaltung über die Höhepunkte und die Tiefpunkte auch mit einem Rennen im strömenden Regen.

Also, los geht’s Richtung Degerloch. Rennfahrer Winkelhock braucht in der Zacke keine lange Aufwärmphase und ist gleich drin im Thema. „Ein absoluter Höhepunkt war das Formel-1-Rennen 2007 auf dem Nürburgring.“ Kurz vor dem Grand Prix erfährt der damals 27 Jahre alte Testfahrer, dass für ihn ein Platz im Cockpit des niederländischen Spyker-Teams frei geworden ist. Zunächst beginnt dieses Rennwochenende wie erwartet. Die Fahrer des Hinterbänkler-Rennstalls – neben Markus Winkelhock ist das Adrian Sutil – verlieren im Qualifying zweieinhalb Sekunden auf die Spitze und starten im Rennen aus der letzten Reihe.

„Was dann passiert, ist eine verrückte Geschichte“, sagt Markus Winkelhock, dem anzusehen ist, dass es ihm Spaß macht, diese Geschichte nun zu erzählen. „Die Strecke war trocken, als wir die Startaufstellung einnehmen sollten. Es wurde aber immer dunkler“, erinnert sich der 34-Jährige. Anstatt sich ganz hinten im Feld einzusortieren, fährt Markus Winkelhock an die Spyker-Garage, lässt Regenreifen aufziehen und startet das Rennen aus der Boxengasse. „Als ich die zweite Kurve erreicht hatte, begann es dann tatsächlich stark zu regnen.“ Während die anderen Fahrer auf ihren Slicks nur noch langsam über die Strecke eiern, fräst Winkelhock mit seinen Profilreifen eine direkte Linie in den nassen Asphalt. Und er kommt ins Grübeln. „War das jetzt gerade wirklich Fernando Alonso, den ich überholt habe? Und jetzt auch noch Lewis Hamilton und Kimi Räikkönen?“ Die Antwort kommt über Funk: „Markus, du hast gerade die Führung übernommen.“ Winkelhock glaubt das aber erst, als ihm von seinen Technikern das Schild mit der Nummer 1 hoch gehalten wird.

Sechs Runden lang verkehrte Formel-1-Welt

Markus Winkelhock stellt die Formel 1 auf den Kopf. Sechs Runden lang. Dann wird das Rennen wegen des starken Regens unterbrochen. Beim anschließenden fliegenden Neustart hat Winkelhock gegen die nun auf die Witterungsverhältnisse eingestellte Konkurrenz keine Chance mehr und fällt kurze Zeit später mit einem Defekt aus. „Das hat mir nichts mehr ausgemacht, weil zuvor ein Traum wahr geworden ist.“

Die Formel 1 ist für Markus Winkelhock ein einmaliges Erlebnis. Das Rennen auf dem Nürburgring bleibt sein erstes und einziges. „In einem kleinen Team musst du dir mit mehreren Millionen einen Platz am Steuer kaufen. Dieses Geld hatte ich nicht“, sagt Winkelhock, der viele Jahre in der DTM gefahren ist. Mittlerweile fährt er in der GT-Klasse. Dort wurde er 2012 in einem Mercedes SLS GT-1-Weltmeister. „Ein weiterer Höhepunkt“, sagt er, „auf dem Nürburgring, meiner Lieblingsstrecke.“ Dort hat er für Audi, wo er jetzt als Werksfahrer tätig ist, zuletzt auch das 24-Stunden-Rennen gewonnen. Ein Sieg beim 24-Stunden-Langstreckenklassiker von Le Mans ist ein Ziel, das Markus Winkelhock noch sehr gerne erreichen würde.

Darüber spricht er am Zackewendepunkt in Degerloch. Aber jetzt geht es zurück in Richtung Marienplatz und zu den Tiefpunkten im Leben von Markus Winkelhock. Weil die Talfahrt aber nicht lange genug dauert, um die bewegte und auch tragische Familiengeschichte zu erzählen, schlägt er vor: „Über den Tod meines Vaters sprechen wir später im Café.“ Zuvor erzählt er von seinem Einstieg in der DTM 2004 bei Mercedes. Dorthin lotste ihn der damalige Motorsportchef Norbert Haug, der gleichzeitig auch Trauzeuge von Markus Winkelhocks Eltern war. Das hilft dem Sohn nach mäßigen Ergebnissen aber auch nicht weiter. Nach einem Jahr ist auch schon wieder Schluss bei Mercedes. „Das war ganz sicher ein Tiefpunkt“, sagt Markus Winkelhock.

„Ein Cappuccino und ein Mineralwasser ohne Kohlensäure“ bestellt Markus Winkelhock nach der Ankunft am Marienplatz im Café Kaiserbau und sagt dann: „Ich kann mich kaum noch an meinen Vater erinnern, dafür aber ein Lied, das wir zusammen in seinem weißen Porsche gehört haben. More than I can say von Leo Sayer.“

Die Erinnerungen an den verstorbenen Vater

Markus Winkelhock hat auch noch den Tag in seinem Gedächtnis abgespeichert, als er, fünfjährig, seinen Vater, den berühmten deutschen Rennfahrer Manfred Winkelhock, zum letzten Mal sieht. „Ich erinnere mich noch an die beiden Koffer, die bei uns im Flur stehen. Ich versuche, einen zum Auto zu tragen, schaffe es aber nicht, weil er zu schwer ist.“ Manfred Winkelhock bricht auf zu einem Sportwagenrennen nach Kanada – und geht für immer.

Auf der Strecke Mosport prallt Manfred Winkelhock mit einem Porsche 962 in eine Betonmauer. Er stirbt einen Tag später im Krankenhaus von Toronto an seinen schweren Kopfverletzungen. „Meine Mutter hat mir dann gesagt, dass mein Vater nicht mehr zurückkommen wird. Ich habe es ihr aber nicht geglaubt und jeden Tag darauf gewartet, dass wir ihn vom Flughafen abholen.“

Der Tod seines Vaters habe die Familie sehr eng zusammenrücken lassen, sagt Markus Winkelhock. Fortan haben die Großeltern, die Onkel, zu denen Manfred Winkelhocks ebenfalls rennfahrende Brüder Joachim und Thomas zählen, und die Tanten immer auch ein Auge auf Markus und seine vier Jahre jüngere Schwester.

„Meine Mutter hat sich gewünscht, dass ich nicht Rennfahrer werde“, sagt Markus Winkelhock, „ich hatte das auch überhaupt nicht vor.“ Er macht zunächst bei der Zeitschrift „Auto, Motor und Sport“ eine Ausbildung zum Fotografen, rutscht dann aber doch irgendwie mit knapp 18 rein ins Fahrergeschäft – zunächst ohne das Wissen seiner Mutter. „Sie kann sich, anders als meine Freundin, immer noch keine Rennen von mir anschauen. Aber sie weiß auch, dass es nicht mehr so gefährlich ist.“ In diesem Zusammenhang fällt Markus Winkelhock der Spruch der Stuttgarter Rennsportlegende Hans Herrmann ein. „Früher war der Motorsport gefährlich und der Sex sicher, heute ist es umgekehrt.“ Markus Winkelhock muss lachen.

Und dann spricht er über seinen Vater. „Er war wohl sehr ehrgeizig und in vielen Dingen extrem“, sagt Markus Winkelhock. „Er hätte mich sicher unterstützt und mir im Motorsport, wo Glück, Geld und Beziehungen ein Rolle spielen, Türen geöffnet.“ Winkelhock denkt dabei auch an den derzeit so erfolgreichen Mercedes-Piloten Nico Rosberg und dessen Vater Keke.

Markus Winkelhock schaut durch die großen Caféhausscheiben und sagt: „Wenn das Wetter besser gewesen wäre, hätte ich heute den alten weißen Porsche Carrera von meinem Vater aus der Garage geholt.“ Den würde er nie verkaufen. Und wenn er mit dem Erbstück fährt, geht ihm manchmal das Lied von Leo Sayer durch den Kopf, in dem es heißt: Ich vermisse dich jeden einzelnen Tag. Ich liebe dich mehr, als ich es dir sagen kann. Weißt du nicht, wie sehr ich dich brauche?

Im nächsten Jahr ist der 30. Todestag seines Vaters. Dann will Markus Winkelhock endlich nach Kanada reisen und sich sich die Unfallstelle anschauen.

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