Zentrum für Islamische Theologie Tübinger Koranlehre

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Das Zentrum für Islamische Theologie ist eine bundesweit einmalige Einrichtung. Erstmals sollen dort Imame an einer deutschen Universität ausgebildet werden. Ein Besuch in der Villa an der Tübinger Rümelinstraße.

Der arabische Professor Omar Hamdan spricht zu seinen Studenten. Foto: Heinz Heiss
Der arabische Professor Omar Hamdan spricht zu seinen Studenten. Foto: Heinz Heiss

Tübingen - Um zu erfahren, in welchem Teil der schnuckeligen Villa sich Omar Hamdan gerade aufhält, muss man nur seiner Stimme folgen. Der Deutschpalästinenser leitet seit Herbst das Zentrum für Islamische Theologie in Tübingen und füllt das Haus mit arabischem Pathos und großer Geste. Gerade steht der Professor für Koranwissenschaften in einem kleinen Vorlesungssaal vor 14 Studenten und redet über Schriftlichkeit und Mündlichkeit im Koran. „Wenn Sie gefragt werden, was der Koran ist, dann antworten Sie: ,Ein Rechtsbuch und ein historisches Buch.‘ Oder Sie sagen einfach: ,Er ist alles in einem.‘“ Eine seiner Studentinnen erzählt unterdessen flüsternd, dass sie sich nie in die erste Reihe setze, denn der Herr Professor sei einfach ein bisschen zu laut.

Omar Hamdan redet sich an der Tafel in Fahrt. Er erzählt von dem Analphabeten Mohammed, der von Gabriel die Offenbarung empfangen hat, in „sauberem Arabisch, nicht in Schwäbisch“. Er plaudert über die Dynastie der Abbasiden, die im Jahr 132 der Hidschra die Macht übernommen haben und die von da an versuchten, in den Niederschriften des Koran die Spuren ihrer Vorgänger, der Omaijaden, zu verwischen. Und er spricht über die Abschiedsfeier für den Propheten Mohammed, an der mehr als hunderttausend Menschen teilgenommen hätten, „nicht nur bloß zwölf Apostel“. Während der Vorlesung füllt sich die Tafel mit arabischen Schriftzeichen, Jahreszahlen und den Namen fremdländischer Herrscher. Am Ende des Vortrags wundert sich der als Gasthörer anwesende evangelische Theologiestudent Jan Heitzer über den „ungewohnten Zugang“ zu einer heiligen Schrift. „Wir lernen von Anfang an einen sehr kritischen Umgang mit Bekenntnistexten. Das ist hier anders.“

Im vergangenen Herbst hat das Zentrum für Islamische Theologie seine Arbeit aufgenommen, als bundesweit erstes Islamzentrum an einer deutschen Universität. Bei der verspäteten Einweihungsfeier mit Bundesbildungsministerin Annette Schavan im Januar geizte der Tübinger Unirektor Bernd Engler nicht mit Erwartungen: „Das Zentrum für Islamische Theologie will internationale Akzente setzen und international wissenschaftlich wahrgenommen werden.“

Familiäre Atmosphäre an der Rümelinstraße

Fernab von jedem wissenschaftlichem Renommee aber geht es in Tübingen zunächst um etwas anderes: um die Ausbildung von islamischen Theologen an deutschen Universitäten. Bis jetzt holen die islamischen Gemeinden in Deutschland ihre Imame häufig aus dem Ausland und schicken sie nach ein paar Jahren wieder zurück, ein Zustand, den viele Experten schon lange kritisieren. „Es ist höchste Zeit, dass in Deutschland eigene akademische Ausbildungsgänge angeboten werden“, sagt beispielsweise Stuttgarts Inte­grationsbeauftragter Gari Pavkovic.

Imam werden will Emre Sahin nicht, auch wenn er viel Zeit in Moscheen verbringt und die Geistlichen vieler umliegender Moscheen persönlich kennt. Der 23 Jahre alte Student aus Augsburg träumt davon, Lehrbeauftrager an einer Universität zu werden oder eine Stelle im interreligiösen Dialog zu bekommen: „Ich will Brücken bauen.“ Für den Moment aber ist Sahin froh, seinen Platz in dem achtsemestrigen Bachelorstudiengang Islamische Theologie gefunden zu haben. Sahin lernt Arabisch, beschäftigt sich mit Religionspädagogik, hört Vorlesungen über Hadithwissenschaften und freut sich über die familiäre Atmosphäre in dem Zentrum in der Tübinger Rümelinstraße.

„Man kennt jeden Dozenten persönlich, die Bibliothek ist übersichtlich, und in der Villa herrscht keine Hektik“, schwärmt er. Über die Kinderkrankheiten im Zentrum sieht Sahin geflissentlich hinweg: „Es ist nicht so schlimm, wenn die Arabischkurse nicht zum Semesterbeginn anfangen, wir sind im Aufbau.“ Emre Sahin sagt, der ­Koran sei wichtig für ihn als Mensch und erzählt von seinem Lieblings-Sahabi, einem Gefährten Mohammeds. „Musab bin ­Umeyr war ein junger, reicher und gut aussehender Mann, der alles für den Propheten hingegeben hat, auch sein Geld.“

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