Zukunftsdrama „The Midnight Sky“ bei Netflix George Clooneys apokalyptische Visionen

Felicity Jones als Astronautin bei der lebensgefährlichen Tätigkeit, die   gerne euphemistisch „Weltraumspaziergang“ genannt wird Foto: Netflix/Philippe Antonello 8 Bilder
Felicity Jones als Astronautin bei der lebensgefährlichen Tätigkeit, die gerne euphemistisch „Weltraumspaziergang“ genannt wird Foto: Netflix/Philippe Antonello

George Clooney zeigt in seinem Science-Fiction-Drama „The Midnight Sky“ bei Netflix, wie die Menschheit bewohnbare Planeten erkundet und zugleich die Erde ruiniert.

Kultur: Bernd Haasis (ha)

Stuttgart - Augustine Lofthouse war einst ein ehrgeiziger Wissenschaftler. In Rückblenden skizziert er als junger Mann eine rosige Zukunft auf bewohnbaren Planeten, die er in seinem Forscherdrang entdeckt hat oder entdecken wird. Während die Erkundungsmissionen laufen, verseucht die Menschheit Jahrzehnte später ihren Heimatplaneten. Der ergraute Lofthouse weigert sich, seine Basis in der Arktis zu verlassen und Zuflucht unter der Erde zu suchen – er hat Krebs, nicht mehr lange zu leben und möchte die nichts ahnenden Besatzungen heimkehrender Raumschiffe warnen.

George Clooney hat aus einem Zukunftsroman der US-Autorin Lily Brooks-Dalton ein dystopisches Filmdrama gemacht. Dabei geht er gar nicht näher darauf ein, was zur Apokalypse geführt hat – es ist sowieso klar, dass Unbelehrbarkeit an erster Stelle steht. Zugleich glimmt ein Traumfunken: Die Menschen im Film besinnen sich, leider zu spät – doch in der realen Gegenwart wäre noch Zeit.

Clooney umschifft einige Klippen

Clooney möchte immer hoch hinaus, wenn er selbst Regie führt. Mit „Good Night, and good Luck“ (2005) ist ihm ein starkes Drama über Pressefreiheit und die Verantwortung der Medien gelungen, in „The Ides of March“ ein Politthriller über die wüsten Intrigen und das Geschacher in amerikanischen Wahlkämpfen. „The Midnight Sky“ nun bietet ein Wechselbad aus düsterer Zukunftsahnung mit großen Weltraumszenen und zwischenmenschlicher Sentimentalität im Angesicht des Abgrunds. Das hätte leicht schiefgehen können, was in manchen Szenen auch durchscheint, doch Clooney umschifft die meisten Klippen.

Das fängt mit seiner eigenen Darbietung an. Der 59-jährige spielt den älteren Lofthouse und verkörpert als bärtiger Schrat symbolisch das Scheitern der Menschheit, kombiniert mit einer persönlichen Komponente: Lofthouse hat es vor lauter Ambitionen versäumt, seine Tochter aufwachsen zu sehen. Das ist keine Kleinigkeit, Clooney wirkt glaubwürdig. Das muss er auch, wenn sein Appell funktionieren soll – die Kaffeekapseln, für die er mit seinem Gesicht geworben hat, stehen ja für das exakte Gegenteil von Nachhaltigkeit. Beeindruckend ist die Anstrengung, mit der er sich durchs arktische Eis kämpft zur nächsten Basis, als seine Kommunikationsmittel ausfallen – ein verlorenes Mädchen (Caoilinn Springall) im Schlepptau, von Wölfen umkreist­­ und das lebensnotwendige Dialysegerät im Gepäck.

Er kämpft sich durchs arktische Eis

An Bord des Forschungsraumschiffs Aether herrscht zunächst Harmonie: Die Mission war erfolgreich, die Besatzung hat den Jupitermond K-23 untersucht und als bewohnbar befunden, nun freuen sich alle auf die Rückkehr zur Erde. Als Lofthouse die Besatzung erreicht, gerät die Aether in einen Meteoritensturm, der unter anderem die Funkanlage beschädigt. Reparaturen sind nötig, drei Crewmitglieder machen einen „Weltraumspaziergang“, wie der Gang ins All oft euphemistisch bezeichnet wird. Dort hängt das menschliche Leben an einem seidenen Faden – Clooney hat selbst schon ein Opfer gespielt­ in Alfonso Cuaróns gigantischem Weltraum-Epos „Gravity“ (2013).

Die Symbolik ist überbordend

Zur Besatzung gehört Felicity Jones, „Star Wars“-Rebellin in „Rogue One“ (2016) und Verfassungsrichterin Ruth Bader Ginsberg in „On the Basis of Sex“ (2018). Sie ist die schwangere Sully, David Oyelowo (Martin Luther King in „Selma“, 2014) der reflektierte Commander und Kindsvater. Tiffany Boone („Hunters“), Demián Bichir („The Bridge“) und Kyle Chandler („Bloodline“) spielen weitere Charaktere in einer Gruppe, die es schafft, sich zusammenzuraufen.

Jugendstilartige Muster bestimmen die Strukturen der Zukunft, die Haltekonstruktion der Erdbasis, den futuristischen Gewehrkolben und das mondäne Raumschiff, dessen Schutzschild an ein Kirchenfenster erinnert. Die Eiswüste ist mal ein blendendes Flirren, dann wieder tiefste Dunkelheit, der Mond K-23 nur kurz in einer Traumsequenz zu sehen – die Symbolik ist überbordend.

Auch im gemäßigten Erzähltempo macht Clooney von Anfang an klar, dass er keinen Genre-Blockbuster im Sinn hatte, sondern Genre-Filmkunst. Ein Faible dafür hat er: 2002 war er in Steven Soderberghs Stanislaw-Lem-Adaption „Solaris“ zu sehen, und beide bekundeten bei der Berlinale ihre Verehrung für Andrei Tarkowskis legendäre Verfilmung von 1972.

Clooney hat ein Faible für Filmkunst

Damals landeten sie zwischen den Stühlen: Science-Fiction-Puristen haben schon ganz andere Raumwelten gesehen, Freunde zwischenmenschlicher Dramen brauchen sie nicht unbedingt. In diesem Dilemma steckt auch „The Midnight Sky“, doch Clooney findet eine gewisse Balance – und ist so dicht am Puls der Zeit, dass seine Botschaft lange nachwirkt.




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