Zum Tod von Leon Fleisher Der Pianist mit den drei Karrieren

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Der Weltklasse-Pianist Leon Fleisher ist im Alter von 92 Jahren gestorben. In Stuttgart hatte er einen denkwürdigen Auftritt.

Leon Fleisher (1928 – 2020) im Jahr 2008 Foto: imago/VWPics/Edwin Remsberg
Leon Fleisher (1928 – 2020) im Jahr 2008 Foto: imago/VWPics/Edwin Remsberg

Stuttgart - Was war das für ein denkwürdiges Konzert an jenem 5. April 2005 in der Stuttgarter Liederhalle: der Pianist Leon Fleisher spielte nach Sergej Prokofjews Konzert für die linke Hand als Zugabe die Bach-Arie „Schafe können sicher weiden“ in der Fassung Egon Petris. Damit umriss der Musiker zwei seiner Weltkarrieren: die des einhändigen und die des dann wieder zweihändigen Pianisten. Der Saal hielt den Atem an.

Technisch perfekt und gänzlich uneitel

Als 16-Jähriger debütierte der am 23. Juli 1928 in San Francisco Geborene mit den New Yorker Philharmonikern, 1952 gewann er den Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Belgien. Viel beachtet wurden seine Einspielungen der Brahms-Konzerte mit George Szell, legendär sind seine Händel-Variationen vom selben Komponisten. Der Schüler Artur Schnabels verkörperte wie seine Altersgenossen William Kapell und Julius Katche den strukturierten, technisch perfekten, uneitlen amerikanischen Virtuosen, n.

Die Welt stand Fleisher offen – bis 1965 eine Lähmung der rechten Hand seiner ersten Karriere ein jähes Ende setzte. Doch er gab nicht auf, verlegte sich aufs Unterrichten, aufs Dirigieren – und auf Klavierliteratur für die linke Hand. Unerreicht in ihrer stoischen Unerschütterlichkeit, in ihrem tiefen Ernst bis heute seine Interpretation der Bach-Chaconne in der Fassung von Johannes Brahms.

Mozart mit dem Stuttgarter Kammerorchester

35 Jahre lang schränkte die Fokale Dystonie den Pianisten ein, ehe eine Botox-Behandlung Linderung, wenn auch nicht die einstige technische Brillanz brachte: „Two hands“ heißt das Album, auf dem er neben Schuberts großer B-Dur-Sonate auch die eingangs erwähnte Arie aus Bachs Jagdkantate spielte, jenes Mantra, in dem Fleisher „eine Art Antwort und Gegengift zu unserer Zeit“ sah. Und noch eine bemerkenswerte CD gibt es aus dieser dritten Phase: Mozart-Konzerte mit dem Stuttgarter Kammerorchester – die trauernde Musikwelt hat also eine große Auswahl an Tonträgern, die sie zu seinem Gedenken auflegen kann: Leon Fleisher ist am 2. August im Alter von 92 Jahren in Baltimore gestorben.




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