Schwedens Krimiboom begann lange vor Henning Mankell – mit dessen unerreichten Lehrmeistern Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Dieses Duo nutzte den Krimi, um dem schwedischen Sozialstaat in die Ritzen zu leuchten. Nun ist Maj Sjöwall im Alter von 84 Jahren gestorben.

Stuttgart - Daraus lässt sich etwas machen, dachte sich das Journalistenpaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö, als Schwedens Polizei 1965 in einer großen Reform zu einer modernen landesweiten Truppe umgemodelt wurde: Die Polizei muss ja dort tätig werden, wo die Gesellschaft nicht richtig funktioniert. Würde man ihr also genau auf die Finger schauen, bekäme man ein facettenreiches Porträt des Sozialstaats, vor allem seiner Schwachstellen. So starteten Sjöwall und Wahlöö eine zehnbändige Reihe um den Stockholmer Kommissar Martin Beck und dessen Kollegen, die dann zu einem der wichtigsten Komplexe der Kriminalliteratur überhaupt wurde – nicht nur, weil hier der skandinavische Krimiboom seinen Anfang nahm.

 

Zwar standen unter anderem die Romane des Amerikaners Ed McBain um das 52. New Yorker Polizeirevier Pate, die auch schon realistischer und panoramahafter waren als viele andere Krimis. Aber so wie Sjöwall und Wahlöö in einem eiskalt auf Fakten setzenden Stil nah an Schwedens Entwicklung blieben, jeden Roman eng mit den realen Ereignissen eines Jahres verflochten, das Klein-Klein und die Mühen der Polizeiarbeit im Blick hielten und dabei eine wachsende Entfremdung zwischen Gesellschaft und Polizei diagnostizierten – so war das noch keiner angegangen. Per Wahlöö ist schon 1975 gestorben, Maj Sjöwall am 29. April 2020 im Alter von 84 Jahren. Den Megaerfolg nordischer Krimis hat sie also noch erlebt – und die Entwicklung hin zu mehr effektverliebtem Grusel, mehr Serienkillerwahnsinn und bloß phrasenhafter Gesellschaftskritik skeptisch gesehen.