Zwei Schwaben reden über Heimat Jürgen Klinsmann und Winfried Kretschmann im Theaterhaus Stuttgart

Von Reiner Ruf 

Ob sie sich im fernen San Francisco treffen oder im Theaterhaus in Stuttgart: Für den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und den ehemaligen VfB-Stuttgart-Spieler Jürgen Klinsmann ist die Heimat fest im Schwabenland verankert.

Zwei Schwaben auf einem Bild: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (links) und der ehemalige Nationaltrainer und VfB-Stuttgart-Spieler Jürgen Klinsmann (rechts). Foto: dpa
Zwei Schwaben auf einem Bild: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (links) und der ehemalige Nationaltrainer und VfB-Stuttgart-Spieler Jürgen Klinsmann (rechts). Foto: dpa

Stuttgart - Sprache ist „eine mobile Heimat, man fühlt sich spontan zuhause“, findet Winfried Kretschmann. Wenn er, einfach nur mal angenommen, in San Francisco Jürgen Klinsmann trifft, und der ihn anschwäbelt, dann bedeutet dies für den Ministerpräsidenten ein Stück Heimat. „Die wo“, sagt Kretschmann, das ist Heimat. „Wir sind die wo gwenna wellet“, hieß es einst in der Fußballweltmeisterschafts-Comedy des Südwestrundfunks.

Der Grünen-Politiker und die Fußball-Ikone hatten sich tatsächlich schon in der kalifornischen Sehnsuchtsstadt getroffen: im vergangenen Herbst, als Kretschmann mit großer Delegation eine Klimakonferenz in San Francisco besuchte. Sie redeten über Fragen der Beheimatung. Der frühere Stürmerstar und Bundestrainer Klinsmann (54) lebt seit mehr als 20 Jahren in Kalifornien, Kretschmann bekennt sich zum Dorf Laiz, das verwaltungstechnisch der hohenzollerischen Metropole Sigmaringen zugeordnet ist. Kretschmann entdeckte in seinem Landsmann Klinsmann einen globalisierten Vorzeige-Schwaben, der bei aller Weltgewandtheit seine alte Heimat nicht verleugnet, sondern mit seiner Herkunft die neue Heimat bereichert.

Kretschmann mag es, Fehler zuzulassen

Am Montagabend setzten die beiden ihr kalifornisches Gespräch über Heimat fort. Schnell wird deutlich, dass sie durchaus vielfältige Vorstellungen davon haben. Heimatgefühle, bekundet Kretschmann, gibt auch ein gutes Buch, in das man sich hineindenkt und auch hineinfühlt. Oder Musik: der Jazz, den er als junger Mensch von seinem Bruder nahegebracht bekommen hatte. Und immerhin sei er ja zum Studium nach Stuttgart gekommen. Weshalb Kretschmann augenzwinkernd insistiert: „Ich bin kein verhockter Schwabe, der nicht aus seinem Flecken heraus gekommen ist.“

Als Regierungschef ist er ohnehin viel unterwegs, es ist auch nötig. Etwa, um im Silicon Valley den „Spirit“ zu erleben, den braucht, wer Großes leisten will. Auch mal Fehler zulassen und nicht nur die Fehlervermeidungskultur leben, die Kretschmann für Deutschland so typisch hält.

Es fällt auf, dass sich Kretschmann und seine Grünen inzwischen auffällig häufig auf den Begriff Heimat beziehen. Wer ständig seine Heimatliebe beteuert, macht Verdacht, dass er etwas überkompensiert, was vorher in Frage stand. Oder dass er etwas im Schilde führt. Konservative reden nicht deshalb so viel von Patriotismus, weil sie patriotischer sind als andere, sondern weil sie mit der Rede vom Patriotismus einen Teil ihrer Identität ausbilden, man kann auch sagen: eine Marke prägen. Kretschmann fordert auch deshalb die schwäbische Mundart, diskutiert über Heimat, schreibt ein Buch über „eine neue Idee des Konservativen“, weil er damit für die Grünen das bürgerliche Lager zu durchdringen hofft. Und natürlich, weil er den Heimatbegriff nicht jenen überlassen will, die ihn zur Abgrenzung missbrauchen.

Aber Kretschmann macht im Theaterhaus deutlich, dass er Heimat nicht als Kitsch missverstanden sehen möchte. Und dass der Begriff auch missbraucht werden kann für nationalistische Untertöne, auch für laute nationalistische Töne. Bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 – Klinsmann brachte die Nationalmannschaft bis ins Spiel um Platz drei in Stuttgart – zeigten die Deutschen mit ihrem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer ein freundliches Gesicht, kein bedrohliches. Kretschmann führt das als positives Beispiel an.

Über den VfB-Stuttgart reden sie dann doch nicht

Ein Stück Heimat ist für Kretschmann auch der VfB Stuttgart, jener Verein, in dem Klinsmann als Spieler groß geworden ist. Von dort ging er nach Mailand, nach Monaco, zu den Tottenham Hotspurs und zum FC Bayern. Für Klinsmann ist das Zuhause dort, wo Frau und Kinder sind. Überhaupt sei Heimat für die Amerikaner weniger geografisch definiert, berichtet er. Die Familien fallen auseinander, wenn die Kinder zum Studium gehen und dort jene „vier Jahre erleben, die für Amerikaner prägend sind“. Die Ausbildung ist wichtiger als die regionale Verankerung. Man muss sich anpassen, das macht Klinsmann deutlich.

Zum aktuellen VfB halten sich die beiden zurück. „Der VfB ist meine Heimat, aber der zeigt auch, dass man an seiner Heimat leiden kann.“ Klinsmann nickt.

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