Astrid Pellengahr leitet das Landesmuseum Württemberg Amtsantritt in einer Ausnahmesituation

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Erst seit zwei Wochen ist Astrid Pellengahr als neue Direktorin des Landesmuseums Württemberg im Amt, und schon muss sie mit einem Ausnahmezustand umgehen, schließlich sind auch ihre Häuser derzeit geschlossen. Die 52-jährige Ethnologin packt die Dinge dennoch, wie es typisch für sie ist, beherzt an.

Die neue Chefin ist nicht auf den Mund gefallen: Astrid Pellengahr. Foto: Lichtgut/Leif-Hendrik Piechowski
Die neue Chefin ist nicht auf den Mund gefallen: Astrid Pellengahr. Foto: Lichtgut/Leif-Hendrik Piechowski

Stuttgart - Wüsste man es nicht besser, könnte man denken: Die Frau macht den Job schon seit Jahren. Wenn Astrid Pellengahr über das Alte Schloss redet, hat man keinen Zweifel, dass sie nicht weiß, wovon sie spricht. Seit zwei Wochen ist sie Direktorin des Landesmuseums Württemberg. Aber einerlei, ob es um die digitalen Stationen in den Sammlungen geht, die Beschilderung der Objekte oder den freien Eintritt – Astrid Pellengahr scheint um keine Antwort verlegen sein. Nur bei der Herkunft ihres Namens muss sie passen. Sicher ist: Er stammt aus dem Münsterland, wo Pellengahr geboren wurde. „Wenn Menschen sich den Namen nicht merken können, sage ich immer ,die Pellkartoffel ist gar – und das gar falsch mit h geschrieben’“, erklärt sie. Das helfe.

Es gab in Stuttgart schon Museumsdirektoren, die sich erst einmal ein Jahr Zeit erbaten, um das neue Haus ganz in Ruhe kennenlernen zu können. Astrid Pellengahr hat das dagegen schon vor ihrem Amtsantritt erledigt, auch den Umzug hat sie noch im Dezember über die Bühne gebracht. „Die Kisten sind ausgepackt, die Lampen hängen“, erzählt sie, sogar Reiseführer liegen schon parat, weil sie alsbald das Umland mit ihrem Mann erwandern will.

Das nächste Großprojekt ist ein neues Depot

Keine Frage, hier ist eine Direktorin angetreten, die die Dinge so beherzt anpacken wird wie es schon ihre Vorgängerin Cornelia Ewigleben tat, die nun in den Ruhestand gegangen ist. So, wie Ewigleben das Haus hinterlassen habe, sagt Pellengahr, könne sie „gut starten“. Die Strukturen seien geschaffen – aber freilich gibt es auch schon ein Großprojekt, dass wie weiter vorantreiben will: ein neues Depot. Sie weiß, dass das nichts ist, was sich von heute auf morgen realisieren lässt. „Wenn wir in zehn Jahren in ein hoffentlich neues Depot umgezogen sein werden, dann sind wir schnell“, sagt sie, schließlich geht es um eine neue Heimat für rund eine Million Objekte.

Astrid Pellengahr scheint eine durch und durch bodenständige Person zu sein, die zu ihren Visionen und Themen auch immer gleich ganz praktische Beispiele aus dem Leben parat hat – sei es, was den Freund der Tochter bei einer Ausstellung besonders beschäftigte, sei es die Begegnung mit Gehörlosen, die sie zu Kunst- und Kulturvermittlern ausgebildet hat. „Das war für mich eine große Erfahrung“, erzählt Pellengahr, weil es ihr bewusst gemacht habe, dass Menschen und Besuchergruppen nicht immer so sind, wie sich die Museumsleute es vorstellen. Wer ernsthaft verschiedenste Kreise ansprechen will, der müsse auch zum Perspektivwechsel in der Lage sein. „Wir müssen es schaffen, neue und fremde Perspektiven einzunehmen.“

Pellengahr: Museen müssen verständlicher werden

Dass ihr das so wichtig ist, liegt vermutlich daran, dass Astrid Pellengahr in den vergangenen Jahren die Landesstelle für die nicht staatlichen Museen in Bayern geleitet und also Museen beraten hat. Dafür musste die promovierte Ethnologin, die zuvor selbst Museen leitete und Ausstellungen kuratierte, den Blick von außen einnehmen, also den des Publikums. Seither ist ihr Credo, das Museen verständlicher werden müssen. „Ich möchte verstanden werden, auch von jemandem, der Hauptschulabschluss hat“, sagt sie. Man könne auf Saaltexten zwar von „prononcierter Physiognomie“ sprechen, man könne die Dinge aber auch einfacher ausdrücken.

Das Museum soll nach Pellengahrs Ansicht die Menschen zum Nachdenken bringen, also ein „Ort der kritischen Reflexion“ sein, an dem man aber auch Freude haben soll, „wir sind ja keine Schule.“ Damit sich das Publikum wohl fühlt, soll bei der Sonderausstellung zur Mode, die im Oktober eröffnet wird, nach der Hälfte des Rundgangs zum Beispiel ein Schild angebracht werden: „Genießen Sie die zweite Hälfte der Ausstellung.“ Eine kleine Geste, die dem Publikum doch signalisiere, was es noch erwartet – falls man vielleicht eine kurze Kaffeepause einlegen will.

Kurzum: Astrid Pellengahr denkt sehr konkret – auch wenn sie betont, dass sie als Chefin den „Gesamtüberblick“ haben müsse, „was zur Museumsarbeit gehört und was in der Museumslandschaft gerade diskutiert wird“, seien es Themen wie Inklusion und Partizipation oder auch digitale Angebote. Die dürften allerdings nicht nur um ihrer selbst willen zum Einsatz kommen, meint sie. Wenn man aber auf dem Mediaguide anschauen kann, wie ein alter Uhrenautomat im Inneren tickt, „dann sind das tolle Perspektiven“.

Die Ausstellungen sollen auch auf aktuelle Themen reagieren

Wo aber soll die Reise inhaltlich hingehen? Ausstellungsthemen hat die neue Direktorin noch nicht benannt. Sie wolle aber in Zukunft versuchen, auch auf aktuelle Themen zu reagieren. Mit dem Umbau des Foyers, das in einem Jahr neu eröffnet, wird ein neuer, kleiner Ausstellungsraum entstehen, den Pellengahr für kurzfristigere Projekte nutzen will. Darin könnten auch Kinder und Jugendliche „mal eine ganze Woche gestalterisch an einem Thema dran sein. Das muss ja auch einen Raum haben in so einem Haus.“

Und so ist sie schon wieder bei ganz konkreten Fragen gelandet, die ihr die liebsten zu sein scheinen, weshalb sie insgeheim auch schon eine kleine Revolution für sich beschlossen hat. Gewöhnlich sprechen Museen ihre Besucher selbstverständlich mit Sie an. Für den neuen Audioguide denkt Astrid Pellengahr aber auch an ein Angebot, bei dem das Publikum geduzt wird – für die Zielgruppe „die eher mit dem Du auf du und du steht.“