Coronakrise in Stuttgart Wie der Handel mit den Ladenschließungen umgeht

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Die Frühjahrsware hängt im geschlossenen Geschäft. Homeoffice ist fürs Verkaufspersonal schlecht möglich. Was macht der Händler in der Krise?

In Breuninger arbeitet nur noch eine Notbesetzung Foto: Leif Piechowski 3 Bilder
In Breuninger arbeitet nur noch eine Notbesetzung Foto: Leif Piechowski

Stuttgart - Die Jogginghose könnte der Artikel der Saison werden – zumindest online. Allerdings hat nicht jeder Stuttgarter Händler ein digitales Angebot. Und für das Verkaufspersonal ist Homeoffice keine Alternative.

Die Stuttgarter Innenstadt ist verwaist, die meisten Läden sind menschenleer. In der Galeria Kaufhof am Hauptbahnhof ist der Geschäftsführer Thomas Benedetti einer der wenigen, die noch im Büro sind. „Wir haben unsere Lebensmittelabteilung weiterhin geöffnet. Deshalb bin ich da“, sagt er.

Im Logistikzentrum geht die Arbeit weiter

Bei Breuninger sind alle Häuser seit dem 19. März geschlossen. Ins Stuttgarter Stammhaus kommt nur noch eine Notbesetzung, die Haustechnik etwa und diejenigen, die Teile aus dem Verkauf nehmen, die im Lager für den Online-Handel nicht mehr vorrätig sind. Wenn sie statt mit der Bahn mit dem Auto kommen, werden ihre Parkgebühren bis auf weiteres vom Haus bezahlt, „da wir damit einen Beitrag zur Gesundheitsprävention unserer Mitarbeiter leisten wollen“, so der Unternehmenssprecher Christian Witt.

Im Breuninger-Logistikzentrum in Sachsenheim im Kreis Ludwigsburg wird weiterhin gearbeitet, in zwei Teams, rot und blau, die sich nicht begegnen dürfen; es gibt getrennte Toiletten und Umkleiden. Die Breuninger-Verwaltung arbeitet im Homeoffice. Man habe frühzeitig begonnen, mit den Mitarbeitern über die Breuninger Mitarbeiter-App zu kommunizieren. „Das funktioniert super. Du spürst da ein Herz und eine Verbundenheit zum Unternehmen“, sagt Witt.

Es gehe darum, die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens und die Arbeitsplätze zu erhalten. Man habe Kurzarbeit beantragt und werde den ausgezahlten Betrag im März auf 100 Prozent aufstocken. Von April an gebe es die Möglichkeit, Urlaubstage zu nehmen und dadurch den Einkommensverlust abzumildern.

Herbstkampagne ad acta gelegt

Bisher läuft laut Witt der Online-Shop – er macht rund ein Drittel des Gesamtumsatzes aus – „normal“ weiter. Das heißt, die Kunden kaufen zumindest aktuell noch nicht verstärkt im Internet ein. Gleichzeitig versuche man, weniger Ware zu bestellen beziehungsweise noch nicht ausgelieferte Bestellungen zu stornieren. Aber: „was hängt, das hängt“, so Witt. Und das ist vor allem die aktuelle Frühjahrskollektion. Kommende Veranstaltungen und die Planung der Herbstkampagne in den nächsten Wochen sind vorerst ad acta gelegt. Das gleicht einer Gratwanderung, die Witt so beschreibt: „Wenn morgen wieder der Schalter umgelegt wird, dann möchten wir nicht bei null anfangen zu planen, sondern gleich loslegen.“

Wut auf Discounter

Auch Martin Benzing ist optimistisch, dass es nach der Corona-Krise mit dem Einrichtungshaus Merz & Benzing weitergeht. „Wir überleben das, auch wirtschaftlich. Wir werden uns berappeln. Da glaube ich fest daran.“ Auch er hat für seine Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet und versucht derzeit, die Kosten herunterzufahren, um die Liquidität zu bewahren. Man sei in engem Kontakt mit dem Handelsverband Baden-Württemberg. Seit dem 17. März ist das Geschäft bereits geschlossen. Nur der Blumenstand in der Markthalle ist noch geöffnet, allerdings werden Frischblumen in geringerer Charge eingekauft.

„Stinksauer“ ist Benzing auf die Discounter, die weiterhin geöffnet sind, um die Lebensmittelversorgung zu garantieren, die aber ihren Umsatz zum Großteil mit dem so genannten Non-Food machen würden. Pflanzen, Deko, Wohnaccessoires – alles Dinge, die es bei Merz & Benzing auch gäbe. Benzings Erfahrung: „Das Geld wird immer nur einmal ausgegeben.“ Also wird er seine Osterdeko einlagern und aufs nächste Jahr hoffen. Sein Vorschlag: nach Abklingen der Krise sollte die Politik einen Ausgleich für den stationären Handel schaffen. Einen Onlineshop betreiben Martin Benzing und seine Schwester Dorothee Merz nicht, das könne man auf die Schnelle auch nicht einrichten, meint er. Auch bei Händlerinitiativen wie www.stuttgartsindwir.de sei man bisher nicht dabei. „Wir wollen abwarten, wie sich das entwickelt.“

Die Parfümerie Unique by Baslerbeauty (früher Mußler) versucht, die Bestände im Laden, soweit benötigt in den Onlineshop umzulenken. „Zum Glück“ nähmen täglich einige Dutzend Kunden den spontan eingerichteten Home-Beauty-Service in Anspruch. „Wir sind über jedes Paket froh , welches wir aus den Filialen heraus versenden“, so der Geschäftsführer von Baslerbeauty in Bietigheim-Bissingen (Kreis Ludwigsburg), Timo Allert. Er musste ebenfalls Kurzarbeit anmelden und unterstützt Kollegen wie geringfügig Beschäftigte, die aus den Kurzarbeitsregelungen herausfallen sowie Härtefälle aus Eigenmitteln. Der Onlinehandel läuft offenbar aber nicht reibungslos. Die Paketdienstleister machen Allert zunehmend Sorge, weil die Laufzeiten sich deutlich in die Länge zögen: „Hoffentlich bleibt unseren Kunden und allen Versendern ein Kollaps in diesem Sektor erspart.“

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