Debattenbeitrag zum Thema „Heimat“ Welcome dahoam!

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Heimat als Begriff hatte lange Zeit keine große Konjunktur. Das ist jetzt wieder anders – vor allem in Bayern, wo Heimatpflege immer wichtig war. Zur Karriere eines Begriffs in Zeiten der globalen Heimatlosigkeit.

Die Heimat der Lederhose und Dirndl? Bayern! Foto: dpa
Die Heimat der Lederhose und Dirndl? Bayern! Foto: dpa

Stuttgart - Gerade beendet im Oberammergauer Passionstheater: das Heimatsound-Festival, wo man sich wiedersieht im nächsten Sommer – Pfiat’s eich! Bis dahin im Angebot, täglich: „Heimatspiegel“, „Heimat Aktuell“, „Eure Heimat“ . Alles beim Bayerischen Rundfunk, der einen ganzen, neuen Spartensender unterhält, wo’s jodelt, zithert, talkt und tut, BR Heimat genannt. Und der wird gehört, der Kanal – weil er gut gemacht ist, Respekt! Davor und danach, teils in Endlosschleifenwiederholung, „Dahoam is dahoam“, die Superquotensoap, und wer ein bisschen dranbleibt, trifft garantiert zwischendurch auf werbende Menschen vor natürlicher Bergkulisse oder auf dem Bulldog droben, und die sagen: „I bin der Peter (Mike, Vroni, Mandy): Und do/da – bin I dahoam/daheim!“ Auch Staderer sind dabei.

So viel Heimat gab’s noch nie, noch nicht mal in Bayern.

Geboten ist der Singular, wiewohl der Duden den Plural zulässt: Heimaten. Aber das ist am Ende nur etwas für Menschen, die angeben, in New York und Berlin zu leben, wie immer sie’s bewerkstelligen. Heimat also. Heimoti, Althochdeutsch; Heimoute, Mittelhochdeutsch. Gotisch, Heimothli, Grundbesitz. Als der Begriff Heimat noch in den Kinderschuhen steckt, weil die europäische Welt vor dem Wiener Kongress 1815 ständig neu aufgeteilt wird, arbeitet Johann Gottfried Seume in den „Apokryphen“ schon sehr fein Unterschiede heraus: dem gewöhnlichen Menschen, schreibt Seume, werde zur Heimat, „wo ihn sein Vater gezeugt, seine Mutter gesäugt und sein Pastor gefirmelt hat; dem Kaufmann, wo er die höchsten Prozente ergaunern konnte, ohne vom Staat gepflückt zu werden; dem Soldaten, wo der Imperator den besten Sold und die größte Insolvenz erlaubt“.

Heimat, definiert zurückhaltender das Grimm’sche Wörterbuch, als 1877 der Buchstaben H komplettiert wird, sei „das Land oder auch nur der Landstrich, in dem man geboren ist oder bleibenden Aufenthalt hat“. Es folgt, wie immer bei Grimms, ein Beispiel aus der Literatur. In diesem Fall macht es die Dinge nicht einfacher: „Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer,/wie Sprache der Heimat rauscht mir dein Wasser . . .“ Das ist Heinrich Heine, klar, denn Heine, der aus politischen Gründen nach Paris emigrierte Düsseldorfer, fand sich immer mehr in den Worten daheim als tatsächlich an  einem Ort, wiewohl selbst ihm manchmal „wunderlich zu Muthe“ wurde, wenn er an die Bolkerstraße dachte, die heute das Synonym für „die längste Theke der Welt“ ist. Altstadt, rheinwärts, Rummelplatz im Ausverkauf. Düsseldorf und das Herzogtum Berg gehören, als Heine geboren wird, aus machttechnischen Gründen im Übrigen gerade zum Kurfürstentum Bayern, das 1806 und von Napoleons Gnaden zum Königreich mutiert – ohne Düsseldorf. Womit wir beim Stichwort wären: Bayern und der besondere Heimatbegriff.

Im Grimm’schen Wörterbuch, wo die Anmerkungen zum Thema vergleichsweise dürftig in der Länge ausfallen, kommt Baiern (sic!) ausdrücklich vor: „Selbst das elterliche Haus und Besitzthum heiszt so, in Baiern“, nämlich: Heimat. Das war neu.

Ein Amerikaner erfindet den Slogan „irdisches Paradies“

Es ist ein Amerikaner, Benjamin Thomp­son aus der Nähe von Boston, später zum Grafen Rumford geadelt, der den Bayern, noch bevor sie königstreu werden, nahelegt, dass ihr Land das Zeug zu Höherem hat. Rumford revolutioniert nicht nur die Suppenküche und erfindet den Englischen Garten in München. Er sorgt vor allem ­dafür, dass sich Anfang des neunzehnten Jahrhunderts eine Art Slogan durchsetzt, den der Ministerpräsident Horst Seehofer in Variationen bis heute verwendet: Bayern, namentlich Oberbayern, wird von Rumford als „irdisches Paradies“ betrachtet. Die „Vorstufe“ zum richtigen Paradies, wie der katholische Landesvater heuer immer wieder gerne anmerkt – und zwar die einzig wahre. Seehofer sagt das in stolzem Brustton, nicht eine Spur demütig. Wie anders, nebenbei, Joseph von Eichendorff im Jahr 1807: „Wir haben wohl hiernieden /Kein Haus und keinen Ort/Es reisen die Gedanken zur Heimat ewig fort.“ Benjamin Thompson jedenfalls startet, wie man heute sagen würde, eine regelrechte Heimat-Kampagne für Bayern. Gemeinsam mit dem Maler Johann Georg von Dillis streift er durchs Oberland – und lässt malen: Kühe, Berge, Seen, betont einfach in der Darstellung, naturnah; heutige Propagandisten würden von „Bayern pur“ sprechen.

Lorenz von Westenrieder, als historischer Schriftsteller sehr „an bairischer Denkungsart und Sitten“ interessiert, aber auch ein praktischer Mensch („Vom Verfall des Loden- und Tuchhandels in Bayern, und von den Mitteln ihm wieder aufzuhelfen“) schreibt: „Ich entrichte meinem Vaterlande eine große Pflicht, indem ich dem Ausland sage, was in demselben schön und herrlich ist.“ Vaterland und Heimat sind Synonyme, Bayern hat seinen gefühlt ersten Tourismusdirektor – und an Nachfolgern soll es nimmermehr fehlen. Auch die Sache mit dem Tuch regelt sich. Als der sehr spleenige Max II. Joseph, König von 1848 bis 1864, in der Tracht aufs Land geht, wundern sich zwar die Bauern, dass solche Kleidung jetzt Brauch zu sein scheint, imitierten den König aber aufs Trefflichste. Bayern hat einen Exportartikel, dessen ­explosionsartige Verbreitung im frühen 21. Jahrhundert noch lange nicht ans Ende gekommen ist.

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts engagiert sich eine weitere hochrangige Botschafterin Bayerns. Als Elisabeth Ludovika, Tochter Maximilians I., Friedrich Wilhelm IV. ehelicht und also, horribile dictu, nach Preußen heiratet, bekommt sie eine Mappe mit, für die sie sich heute auf Insta­gram krumm machen würden: 5000 Aquarellzeichnungen von der Heimat, wie sie schöner nicht sein konnte. Und Ludovika, krank vor Sehnsucht nach den Bergen oft, geht damit hausieren unter Berlinern. In Sanssouci lässt sie Edelweiß blühen, Gemsen stehen im Park. Bayern wird, wie man nicht anders sagen kann, Kult in Berlin. Im Jahr 1900 gastiert das Schlierseer Bauerntheater am Schiffbauer Damm. Das Kaufhaus Wertheim verkauft – siehe oben – Tracht. Tout Berlin verkleidet sich, und nach den Hax’nwochen fährt halb Treptow nach Ruhpolding, wo sie völlig anders druff sind. Das imponierte selbst den von Bayern eingemeindeten, leicht anders tickenden Schwaben und Franken. Im Grunde genommen hatten wir den Heimat-Hype also schon mal. Schließlich kommt Adolf Hitler, dem das Züchtig-Zünftige einhergehend mit Heimatstolz in Bayern sehr imponiert – und pervertiert alles Volkstümliche im Nazi-Nationalrausch. Der Begriff Heimat ist öffentlich für Jahrzehnte diskreditiert. Nun kommen die Heimatlosen.

Die Kinder der Fluchtgeneration werden zu Überbayern

Weit mehr als zwei Millionen Vertriebene und Flüchtlinge erreichen Bayern: vornehmlich aus Schlesien und dem Sudetenland, aber auch aus Ostpreußen und Siebenbürgen etc. Wiewohl mehrheitlich katholisch, fühlen sich die Meisten kaum an eine Landung im Paradies erinnert. Es knirscht bis lange nach dem Krieg oft gewaltig zwischen Alteingesessenen und Neuhinzugekommenen im nunmehr Freistaat Bayern. Die Kinder der Fluchtgeneration stellen es deswegen oft ganz anders an als ihre fremdelnden Eltern. Sie werden teilweise zu regelrechten Überbayern, denen man die Transitzeit nicht mehr anmerkt, und halten mehrheitlich die neue Heimat sehr hoch, obwohl sie selbst noch gar nicht lange auf diesem Boden stehen und gern auch in alle Winkel der Welt aufbrechen, jederzeit. Derweil wird aus Bayern, dem Agrarstaat, das neue Hightech-Bayern, dem freilich ein bisschen Seele mitgegeben werden soll. Und so wird, langsam, aber sicher, aus dem diffusen und schwer zu fassenden Begriff Heimat in Bayern tatsächlich eine Marke.

Diese Marke wiederum hat, wie eine Medaille, zwei Seiten. Massiv ist bis heute der Unterbau von selbstverständlich praktiziertem und organisiertem Brauchtum. Darauf stützt sich der repräsentative, aber auch wacklige Überbau: FC Bayern, Oktoberfest und so weiter, und da wird es zunehmend schwieriger, dem Originalen Weltgeltung zu verschaffen, ohne das Originäre komplett zu opfern.

Wird Markenrepräsentanz reichen als Darstellung von Heimat in Zeiten, die „nun mal bunter sind“ als die Landesflagge, wie zuletzt Markus Blume ganz nüchtern angemerkt hat? Blume soll mit der CSU-Grundsatzkommission ein ­zukünftiges, belastbares Bayern-Bild ausmalen. Inklusive ist da bald ein Viertel der Bevölkerung mit Migrationshintergrund, drei von zwölf Millionen. Kann man mit denen einfach noch „Unser Fähnelein, das ist weiß-blau“ singen? Eher nicht. Bezeichnenderweise spricht der Heimatminister Markus Söder – auch den gibt es ja neuerdings – gar nicht erst vom Transport heimatlicher Gefühle, sondern eher neutral von Bayern als „Wohlstands-, Wohlfühl- und Werteland“. Letztere werden vorsichtshalber nicht genau definiert. Es muss aber Bayern, das sich nur virtuell, nicht real im Herrgottswinkel einrichten kann, doch mehr Antworten finden als die so scheinumarmende wie kryptische Willkommensformel „Welcome dahoam“, die zum ersten mal beim G-7-Gipfel aufgeboten wurde. Der Gruß impliziert, dass man in Bayern selbstverständlich eine Art heimatlicher Wellnessoase für jedermann betrete: Bayern als Heimat heilt die Welt. Was natürlich nicht stimmt.

Der Disney-Dirndl-World-Schein trügt. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Sie hat Max Frischs Satz von den Arbeitskräften, die man gerufen, und den Menschen, die gekommen seien, längst überholt. Heute kommen die Menschen ohne jeden Appell. Man kann ihnen nichts vorspielen, man muss sie einweihen: in Heimatkunde und die örtlichen Bräuche, also nicht medial verzeichnete Realität. Dann wird man – wenn es gutgeht, zusammen – wieder an einem anderen Bild von Heimat basteln. Heimat ist immer eine Projektion.