Der neue „Bond“ im Kino Daniel Craig geht mit einem Paukenschlag

Die Ära Daniel Craig ist Geschichte – und die Kubanerin Ana de Armas eine echte Entdeckung. Foto: Danjaq, LLC und MGM/Nicola Dove 10 Bilder
Die Ära Daniel Craig ist Geschichte – und die Kubanerin Ana de Armas eine echte Entdeckung. Foto: Danjaq, LLC und MGM/Nicola Dove

Der britische Geheimagent James Bond zeigt Nerven bei Daniel Craigs letztem Auftritt. „Keine Zeit zu sterben“ bietet große Bond-Momente und hinterlässt viele Fragezeichen.

Kultur: Bernd Haasis (ha)
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Stuttgart - Eine Konstante hat es in Bond-Filmen immer gegeben: Der Agent blieb cool. Nur so konnte der schmächtige Roger Moore bestehen. Sein Bond der 70er tat, was nötig war, mit britischem Sarkasmus und ohne mit der Wimper zu zucken. Eine Grundvoraussetzung dafür: Bonds Bindungslosigkeit. Der nach nur einem Film gefeuerte George Lazenby scheiterte auch deshalb „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ (1969), weil er heiratete und sich über den raschen Tod seiner Braut (Diana Rigg) der Verzweiflung hingab.

Daniel Craig dagegen gelang es bei seinem ersten Auftritt in „Casino Royale“ (2006), die Trauer um die Geliebte Vesper Lynd (Eva Green) in einen Impuls für seine Bond-Werdung umzumünzen – wie das Unglück den Agenten verhärtete, gehört zu den legendären Momenten der Filmreihe. In seinem vierten Film „Spectre“ (2015) ereilte denselben Bond erneut die Liebe in Gestalt von Madeleine Swann (Léa Seydoux) – und er ließ Emotionen wieder zu. So beginnt nun Craigs Abschied, doch die Romantik endet abrupt, als Männer auftauchen, um Bond zu eliminieren. Hat Madeleine ihn verraten?

Alles beginnt wie ein richtiger Bond-Film

Die Eröffnungskulisse in der italienischen Stadt Matera ist so spektakulär wie die Stunts, Craig gut in Form. Auch die Folgeepisode auf Kuba hat ihren Reiz. Dort setzt ganz nonchalant die kubanische Schauspielerin Ana de Armas als Agentin Paloma in Abendkleid und High Heels böse Männer außer Gefecht – das ist zu 100 Prozent Bond. Der Regisseur Cary Joji Fukunaga liefert mit eineinhalb Jahren Coronaverspätung sauber inszenierte Action mit hohem Schauwert, die nur auf großer Leinwand wirkt – genau das, was die Kinos jetzt brauchen.

Bond schießt, rennt, fliegt, schlägt und fährt wie der Teufel, wie man das erwartet. Dann allerdings stürzt das Drehbuch den Agenten in ein emotionales Dilemma, aus dem es für ihn kein Entrinnen gibt. Craig windet sich hindurch, auch dank Léa Seydoux. Deren Figur wirkte am Ende von „Spectre“ sehr weibchenhaft, nun gewinnt sie an Statur in einer doppelten Schlüsselrolle mit zwei großen Geheimnissen.

Bonds Gegenspieler Lyutsifer Safin ist eine seltsame Type mit Kindheitstrauma, das als Motivation reichen soll, die Menschheit auszulöschen. Auch ihm ist das Drehbuch kein Freund. Rami Malek, der zu Recht den Oscar bekommen hat als Queen-Sänger Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody“ (2019), bringt Lyutsifers larmoyante Grundsatzreden einigermaßen würdevoll über die Lippen, ein Charakter wird daraus nicht. Wolkig bleibt auch die Handlung, die Geheimorganisation Spectre etwa verschwindet seltsam unvermittelt. Genetisch programmierte Nano-Bots bedrohen die Menschheit, Bonds Armbanduhr kann Strom abschalten – alles irgendwie vertraut. Viele Filme haben inzwischen Bond-Plots mit Möchtegern-Weltenherrschern, aber viel originellere – wie etwa die Marvel-Produktion „Black Widow“ (2021). Auch wirken die Handlanger des Bösen in „Keine Zeit zu sterben“ austauschbar, sie erzeugen keine Panoptikums-Atmosphäre wie einst die Amazone Grace Jones oder der legendäre Beißer. Zumindest läuft Christoph Waltz als Ernst Stavro Blofeld zu großer Form auf, die er als Hauptbösewicht in „Spectre“ nur punktuell gezeigt hat. Im Dialog mit Bond lässt er den brillanten Psychopathen von der Kette, den man sich als Bond-Gegenspieler wünscht.

Bösewicht und Handlung bleiben wolkig

Fukunaga hätte man eine zeitgemäße Modernisierung zugetraut. Er hat die erste Staffel der Serie „True Detective“ (2014) gedreht, hochkomplexe Filmkunst mit mehreren Zeitebenen; dagegen erscheint „Keine Zeit zu sterben“ wie ganz alte Schule. Die Festung des Bösen auf einer vergifteten Insel ist rührend 70er Jahre und offensichtlich ein Tribut an die Bond-Nostalgie. Lashana Lynch als neue Agentin Nomi packt zunächst erfrischend zu, ordnet sich dann aber dem männlichen Helden unter, anstatt die Zügel in der Hand zu behalten – ein kleiner Rückfall einer Reihe, deren frühe Filme zu Recht ins Visier der Metoo-Bewegung geraten sind.

Das Drehbuch bringt auch M in eine Klemme

Naomie Harris hat aus der unterwürfigen Sekretärin Moneypenny längt eine Assistentin mit eigenem Kopf gemacht, Ben Wishaw als Technik-Ausstatter Q die Rolle des Hipster-Nerds perfektioniert. Ralph Fiennes als Geheimdienstchef M ist in „Spectre“ als würdiger Nachfolger für Judi Dench eingestiegen, nun beutelt auch ihn das Drehbuch: Er hat die Welt in Gefahr gebracht mit einem fahrlässigen Verhalten, das eigentlich seinen sofortigen Rücktritt erzwingen müsste.

Zu Daniel Craigs großem Finale fährt der Filmkomponist Hans Zimmer Streicher auf, die große Emotionen herbeigeigen – dann geht eine Ära mit einem Paukenschlag zu Ende. Der ist sehr laut und wirft die große Frage auf, wie die Macher um die Produzentin Barbara Broccoli, die das Franchise von ihrem Vater geerbt hat, überhaupt weitermachen können. Sie werden den Agenten vollständig neu erfinden müssen – so wie 2006, als Daniel Craig in „Casino Royale“ seinen ersten denkwürdigen Auftritt hatte.

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