Eminems neues Album „Kamikaze“ Wie klingt das Überraschungsalbum von Eminem?

Von Björn Springorum 

Ohne Ankündigung hat Eminem über Nacht sein neues Album „Kamikaze“ veröffentlicht. Seine Abrechnung mit Trump ist hart, ernst – und als Versöhnungsangebot an seine Fans gedacht.

Der König in seinem Reich:  die Rap-Legende Eminem Foto: Brian Kelly/Universal
Der König in seinem Reich: die Rap-Legende Eminem Foto: Brian Kelly/Universal

Stuttgart - Legenden brauchen keine Vorstellung. Unter dieser Prämisse mutet der Aufwand, der für manch neues Album eines Superstars betrieben wird, überzogen an. Riesige Plakatwände, Werbespots mit dem Budget eines Kinofilms, Talkshow-Touren durch ganz Nordamerika oder überteuerte Guerilla-Aktionen verschlingen Millionen für ein Album, das sich doch wieder nur unterdurchschnittlich verkauft.

Eine andere Strategie, und da sind wir bei den Legenden, ist Stille und Subtilität. Drake oder Jay Z/Beyoncé veröffentlichten über Nacht neue Alben. Keine Werbung, kein Tamtam, nichts. Das Generieren des Hypes wurde von den Fans übernommen, welche die Botschaft freimütig in den sozialen Netzwerken breittraten. Diese Medien sind eh längst wichtiger als ein Billboard auf dem Times Square. Und außerdem kostenlos.

Jetzt reiht sich auch Eminem in diese leise Riege ein. Eminem, der größte Rap-Star seit zwei Jahrzehnten, der laute weiße Rapper aus zerrütteten Verhältnissen, der in seinen Songs gern mit Menschen abrechnete, die ihm nahestanden. Die Welt schlief – und als sie am Freitag, dem 31. August, erwachte, gab es plötzlich ein neues Album. Keine Promo, keine Ankündigung, keine nervigen Teaser oder kryptischen Botschaften. Einfach eine neue Platte. Wie Banksy, nur mit Beats. „Kamikaze“, dieser Albumtitel passt zu einer Hauruck-Aktion wie dieser natürlich ganz besonders gut. Und macht klar, in welche Richtung die Reise geht.

Mit Wucht gegen Trump

Schon im vergangenen Jahr fiel Marshall Bruce Mathers III, wie Eminem eigentlich heißt, wiederholt durch heftige Kritik am US-Präsidenten Donald Trump auf. Sein Freestyle-Rap „The Storm“ rechnete effektiv und gnadenlos mit ihm ab, er ging sogar so weit, Trump-Unterstützern zu verbieten, seine Musik zu hören. Von diesem Geist geprägt ist auch „Kamikaze“. Sein zehntes Album ist ernst, dringlich, kampfbereit und gibt sich musikalisch reduziert. Zwar dürstet der amerikanische Hip-Hop-Zeitgeist dieser Tage nach Minimalismus, aber es wirkt bei dem 45-jährigen Rapper glücklicherweise nicht so, als würde er wieder 20 sein wollen.

Das Gegenteil ist der Fall: Die Ausflüge in Richtung Trap erscheinen weder gewollt noch ungewohnt für den Künstler, der in den 2000ern mehr Alben in Amerika verkauft hat als jeder andere. Eine Neuerfindung ist „Kamikaze“ deswegen aber noch nicht. Vielmehr kann man das Überraschungsei als Versöhnungsangebot an jene Fans deuten, die von seinem letzten Album „Revival“ abgeschreckt wurden. Das zumindest suggeriert die Twitter-Meldung, mit der Eminem die Platte an diesem Freitagmorgen ankündigte: „Hab versucht, das hier nicht zu zerdenken.“

Erinnerung an die Beastie Boys

Aber stimmt das auch? Überwiegend schon. Unterbrochen von drei humorvollen „Skits“, die im Hip-Hop üblich sind und in denen Eminem selbstironisch mit der Kritik an „Revival“ abrechnet, muckt „Kamikaze“ ziemlich auf. Breitbeinig produziert von Dr. Dre, verziert mit einem Artwork, das an Beastie Boys Referenzwerk „Licensed To Ill“ angelehnt ist, und ausgestattet mit bissigen, direkten und zynischen Texten, macht Eminem viel richtig. Den Autotune-Effekt in „Fall“ braucht es allerdings nicht, der Refrain von „Stepping Stone“ wirkt zu bemüht melodisch und zeigt mal wieder, dass Eminem einfach nicht der beste Sänger ist.

Das muss er gar nicht sein. Denn er ist immer noch einer der besten Rapper seiner Generation. Einer, der das neue Jahrtausend mit seiner Musik, seinem Stil und seinem Auftreten mehr geprägt hat als die meisten anderen. Und mal so 220 Millionen Platten verkauft hat. Und wenn einer wie er zum Rundumschlag gegen Trump und Pence ansetzt, dann entsteht Druck. „I feel like I want to punch the world in the fucking face right now“, lautet die erste Zeile des Openers „The Ringer“. Sie fängt die aggressive Grundstimmung des Albums gut ein, zeigt aber auch eines: „Kamikaze“ soll auch diejenigen ruhig stellen, die ihn zuletzt kritisierten.