Fast die halbe Bevölkerung mindestens einmal geimpft Impfen gegen Corona

Seit die niedergelassenen Ärzte in die Impfstrategie einbezogen worden sind, ist die Datenlage zu den bisher Geimpften unübersichtlich geworden. Foto: dpa/Sebastian Gollnow
Seit die niedergelassenen Ärzte in die Impfstrategie einbezogen worden sind, ist die Datenlage zu den bisher Geimpften unübersichtlich geworden. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Eine wichtige Marke auf dem Weg zur erhofften Herdenimmunität ist erreicht: Annähernd jeder Zweite in Deutschland hat mindestens eine Spritze zum Schutz vor Covid-19 bekommen. Was bedeutet das konkret?

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Berlin - Im sechsten Monat nach dem Start der Corona-Impfkampagne in Deutschland hat beinahe die Hälfte der Bevölkerung mindestens die erste Dosis erhalten. Die Quote der erstgeimpften Bürgerinnen und Bürger lag nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Sonntag bei 48,1 Prozent. 25,7 Prozent haben bereits den vollen Schutz.

Das bedeutet aber auch, dass viele Millionen Menschen noch ungeschützt oder erst teilgeschützt sind. Eine einmalige Impfung biete noch nicht genügend Schutz vor einer Infektion, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler Anfang Juni. Anders ist das nur beim Impfstoff der Firma Janssen, besser bekannt unter der Bezeichnung Johnson & Johnson, der bereits nach einer Dosis vollen Schutz bietet.

Wie viel bewirken die bisherigen Erstimpfungen?

Um die Maßnahmen gegen das Corona-Virus weiter herunterfahren zu können, brauchen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung einen Immunschutz – entweder durch vollständige Impfung oder durch durchgemachte Infektion plus Impfung. Sollte man künftig einer noch ansteckenderen Virusvariante die Stirn bieten müssen, wäre wohl ein noch höherer Anteil nötig.

Der Anteil der bisherigen Erstimpfungen am Rückgang der Fallzahlen seit dem Höhepunkt der dritten Welle ist nicht leicht zu beziffern. Experten verweisen auf ein Zusammenspiel vieler Faktoren, darunter Impfungen, aber auch Corona-Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen, Saisoneffekte und das Testverhalten. Da anfangs vor allem Menschen mit hohem Risiko für schwere Krankheitsverläufe geimpft wurden, beschreiben Wissenschaftler die Rolle dieser Impfungen zum Bremsen der Pandemie als untergeordnet. Denn ältere Menschen haben meist weniger Kontakte als mobile Junge.

Inzidenzen sinken auch in ungeimpften Altersgruppen

„Die zunehmenden Impfungen helfen dabei, die Infektionszahlen zu senken. Aber dass sie zuletzt nicht allein den Unterschied machten, sieht man daran, dass die Inzidenzen auch in weitgehend ungeimpften Altersgruppen gesunken sind“, sagte der Immunologe Carsten Watzl der Deutschen Presse-Agentur.

Gesundheitsdaten aus Israel weisen allerdings darauf hin, dass eine hohe Impfquote im Land offenbar das Risiko für ungeimpfte Jugendliche vermindern kann, sich mit Corona anzustecken. Mit zunehmender Zahl geimpfter Erwachsener wurden demnach immer weniger unter 16-Jährige positiv auf Corona getestet, berichten israelische Forscher im Fachjournal „Nature Medicine“. Allerdings seien weitere Analysen zu diesem Effekt nötig.

Drosten: „Bedrohungslage neu betrachten“

Experten aus Virologie und Epidemiologie erwarten, dass sich die Last durch die Krankheit mit fortschreitenden Impfungen immer weiter reduziert: mit weniger Krankenhausbehandlungen, weniger Fällen auf Intensivstationen und weniger Todesfällen. Der Virologe Christian Drosten stellte im NDR-Info-Podcast „Coronavirus-Update“ in Aussicht, dass man irgendwann über den Sommer „zu einer anderen Betrachtung der ganzen Bedrohungslage“ kommen müsse.

„Die Länder, die eine Durchimpfung von 50 oder 60 Prozent haben, dürften dieses Jahr keine größeren landesweiten Ausbrüche oder Wellen mehr erleben, wie wir sie gerade in Indien sehen“, sagte der US-Epidemiologe Michael Osterholm kürzlich „Zeit Online“ mit Blick auf die USA, Großbritannien und Israel. Auch für Deutschland erwartet das RKI bei vorsichtigen Öffnungsschritten und zunehmender Durchimpfung in nächster Zeit kein unkontrolliertes Infektionsgeschehen mehr.

Schlechte Datenlage zum Impffortschritt

Osterholm verwies allerdings auf Bevölkerungsgruppen, in denen wegen geringer Impfquoten weitere Ausbrüche drohen: „Ganz entscheidend wird in Zukunft sein, ob alle Menschen den Impfstoffen vertrauen oder ob sich das Vertrauen zwischen bestimmten Nachbarschaften, sozialen Schichten und ethnischen Gruppen stark unterscheidet.“

Genaue Daten zum Impffortschritt in bestimmten Gruppen vermissen Experten in Deutschland. Seit auch Spritzen in Arztpraxen gesetzt werden, gibt es in RKI-Statistiken zum Beispiel nur noch eine grobe Alterseinteilung: Ablesen lässt sich der Anteil der Impfungen bei Menschen über 60 oder unter 60 Jahren – und das auch nicht bei allen Bundesländern. Genauere Daten würden höheren Dokumentationsaufwand bedeuten.

Experten rechnen mit vierter Welle im Herbst

Watzl befürchtet für Deutschland, dass Impfmüdigkeit einsetzen könnte, wenn erst einmal 50 Prozent und mehr geimpft sind: „Wenn es uns gelingt, die Inzidenzen über den Sommer niedrig zu halten, werden sich 30-Jährige, die im Frühjahr nicht an einen Impftermin gekommen sind, vielleicht fragen, warum sie sich jetzt noch impfen lassen sollten.“ Auch in anderen Ländern, die bereits höhere Quoten aufweisen, zeigte sich, dass die Kampagnen ab einem gewissen Punkt ins Stocken gerieten – teils wird dort nun mit allen erdenklichen Anreizen für den Piks geworben.

Dabei ist der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie sicher, dass es eine vierte Welle geben wird, spätestens im Herbst. „Wie groß sie ausfallen wird, hängt vom Impferfolg und der Höhe der Inzidenzen am Ende des Sommers ab.“ Vermieden werde müsse ein Szenario, bei dem ein Teil der Bevölkerung erst im Herbst bei direkter Konfrontation mit der Virusgefahr wieder ans Impfen denkt: „Dann bekommen wir ein logistisches Problem.“

Zweitimpfung gegen Mutanten

Erstimpfungen gelten als Schutz insbesondere vor schwerer Erkrankung. Dieser wird durch die Zweitimpfung noch verbessert und verlängert. „Ein bisschen entspannen können sich einfach Geimpfte, aber leichtsinnig werden sollten sie nicht“, sagte Watzl. Insbesondere Virusvarianten, die seit Monaten für das Gros der Fälle in Deutschland sorgen, werden als Gefahr gesehen. „Die Zweitimpfung ist dringend notwendig, um auch die Mutanten gut abwehren zu können.“ Lediglich das Präparat von Johnson & Johnson ist als Einmalimpfung zugelassen.

Allerdings wirkt keine Impfung zu 100 Prozent. Ansteckungen und zumindest leichtere Erkrankungen sind weiterhin möglich – sie sind nur wesentlich unwahrscheinlicher. Varianten können zudem durch Erbgutveränderungen Eigenschaften erlangt haben, die es ihnen ermöglichen, Antikörpern von Geimpften und Genesenen zu entgehen. In der Fachsprache heißt das Immunescape, also Immunflucht. Der Immunschutz wird nicht komplett ausgeschaltet, ist aber merklich vermindert.

Drittimpfung bei immungeschwächten Menschen

Die derzeit in Deutschland dominierende Corona-Variante Alpha (B.1.1.7) hat die Eigenschaft, ansteckender zu sein. Wie eine „Science“-Studie kürzlich zeigte, scheiden damit Infizierte etwa zehnmal mehr Virus aus als Menschen, die sich mit Vorgängerversionen ansteckten. Auch das ist für den Impfschutz bedeutsam, wie Watzl erläutert: „Wie gut der Schutz ausfällt, hängt nicht nur vom Immunsystem des Einzelnen ab, sondern auch von der Menge an Virus, der man ausgesetzt ist.“ Zudem hat sich gerade bei immungeschwächten Menschen – etwa nach Organtransplantation oder mit Krebs – gezeigt, dass die Impfung nicht so gut anschlägt. Watzl rechnet in diesen Gruppen mit Drittimpfungen bereits im Herbst.

Nach Zahlen, die das Bundesgesundheitsministerium im Mai bekannt gab, steckten sich bisher rund 13 000 Menschen an, die bereits voll geimpft waren. Die Zahl klingt hoch. In Relation zur Gesamtzahl der bis dahin komplett Geimpften waren aber nur 0,16 Prozent betroffen. Auch war bei den Zahlen nicht klar, ob die Infektion bei vollem Impfschutz auftrat – also mehr als 14 Tage nach der zweiten Impfung – oder in den Tagen davor.

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