Florian Wahl räumt sein Büro Ade zum Landtag, nicht zur Politik

Der SPD-Abgeordnete Florian Wahl räumt sein Büro – und beginnt demnächst als Ehrenamtlicher im Tafelladen.

Florian Wahl (links) und sein Mitarbeiter  Jan Münster packen ein. Foto: factum/Granville
Florian Wahl (links) und sein Mitarbeiter Jan Münster packen ein. Foto: factum/Granville

Böblingen - Ja, er hätte sehr gerne weitergemacht. Das gibt Florian Wahl unumwunden zu. Doch die Wähler wollten es anders. Nach fünf Jahren endet für den Böblinger Sozialdemokraten die Zeit als Landtagsabgeordneter Ende dieses Monats. In seinem Büro, das Wahl damals beim Antritt ganz bewusst nicht in den Landtag, sondern in seinen Wahlkreis legte, herrscht schon Abschiedsstimmung. Wahl und sein Büroleiter Jan Münster sortieren Akten, werfen Unterlagen weg, packen Umzugskisten. Was aus den Räumen wird, die sich der Landtagsabgeordnete mit dem Kreisverband der SPD teilte, steht noch nicht fest. „Der Mietvertrag läuft noch bis Herbst. Der Kreisverband muss entscheiden, wie es weitergeht“, sagt Wahl.

Eine Sorge ist er los. „Alle meine Mitarbeiter sind versorgt“, stellt der Noch-Abgeordnete erfreut fest. Das war ihm ein großes Anliegen. Die Sekretärin Sigrid Lude geht mit 63 Jahren in Rente. Jasmina Hostert war ohnehin nur zwei Tage pro Woche da, ihre Hauptarbeit hat sie bei der SPD-Regionalfraktion in Stuttgart. Und Jan Münster, mit dem Wahl schon die Schulbank am Böblinger Otto-Hahn-Gymnasium drückte und mit dem er auch in Tübingen studierte, wechselt zum 1. Mai zum Bundestagsabgeordneten Rainer Arnold nach Nürtingen. „Da bleiben mir sogar Steinenbronn und Waldenbuch erhalten“, sagt Münster. Die Gemeinden gehören zwar zum Landtagswahlkreis Böblingen, aber zum Bundestagswahlbezirk Nürtingen.

Auch Florian Wahl hat schon konkrete Pläne. Den Lehrersohn zieht es nun an die Schule. „Im Januar beginne ich hoffentlich mein Referendariat.“ Englisch und Politikwissenschaften sind seine Fächer. Und bei einem Praktikum am Sindelfinger Stiftsgymnasium hat er schon erste Erfahrungen gesammelt: „Das hat mir großen Spaß gemacht“, berichtet er.

Der großen Enttäuschung über die Wahlschlappe ist mittlerweile eine pragmatische Sichtweise gewichen. „Ich sehe nun auch die Chancen, die sich mir bieten“, sagt der 31-Jährige. „Und die Freiheiten, die ich plötzlich wieder habe.“ Zeit zum Lesen und für lange vernachlässigte Freunde etwa. Sein Französisch will er in den kommenden Monaten am Institut francais in Tübingen aufpolieren, und der Besuch mehrerer Studium-generale-Vorlesungen an der Tübinger Uni stehen auf seinem Programm. Bereits Ende des Monats beginnt Wahl als Helfer im Böblinger Tafelladen. An drei Tagen in der Woche wird er dann Lebensmittel an Bedürftige abgeben. „Ehrenamtlich“, wie er betont. Finanziell ist er zunächst abgesichert. Acht Monate lang erhält er als ausgeschiedener Abgeordneter ein Übergangsgeld, das ihm eine berufliche Neuorientierung ermöglichen soll.

Geld sei sowieso nicht sein Problem, sagt Wahl. „Ich habe als Abgeordneter meinen Lebensstandard nicht erhöht.“ Er lebt noch in der gleichen Böblinger Zwei-Zimmer-Wohnung wie vor dem Einzug ins Parlament, tauschte den Kleinwagen nicht gegen ein größeres Modell aus. „Ich habe keine teuren Hobbys, spiele nicht Golf.“ Mit der Vergütung als Referendar werde er klarkommen.

Wie will er damit umgehen, bald kein bedeutender Politiker mehr zu sein, den man zu allen möglichen Events einlädt? „Mir war immer klar, dass ich nicht als Person bedeutend bin, sondern wegen meiner Funktion.“ Im übrigen sei nicht jede Veranstaltung, in der er in der ersten Reihe gesessen habe, immer spannend gewesen. „Fehlen wird mir die Gestaltungsmöglichkeit“, sagt der 31-Jährige. „Beim großen Flüchtlingsthema kommen die Hauptaufgaben ja erst noch auf uns zu. Da hätte ich gerne mitgewirkt.“ Auch bei der Weiterentwicklung der Krankenhauslandschaft im Kreis Böblingen hätte er gerne weiter mitgemischt.

„Die große Politik hat mich als Person nicht verändert“, sagt Wahl. Reifer aber ist er durchaus geworden. Als unbekümmerter Junge hat er 2011 sein Amt angetreten – und er hat mit seinem enormen Einsatz über fünf Jahre alle Skeptiker überzeugt, die ihn für zu jung hielten. Ernsthafter ist Wahl in dieser Zeit geworden.

Er hatte stets ein offnes Ohr für die Anliegen der Bürger. Das soll sich auch mit dem Abschied aus der Landespolitik nicht ändern. „Ich bin und bleibe ein politischer Mensch.“ Als Böblinger Stadtrat ist er weiterhin dran an vielen Themen. Und in seiner Partei werde er ehrenamtlich mitarbeiten. „So wie 99,5 Prozent der anderen aktiven Genossen auch.“




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